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Geizig, giftig, gut

von Frauke Adrians

Eisenach, 4. Oktober 2014. "Der Geizige" mit Heinz Rennhack in der Titelrolle auf einer ostdeutschen Bühne: Das ist ein fast sicherer Renner. Da braucht sich die Regie gar keine besondere Mühe mehr zu geben; der Promi-Faktor richtet's von allein. Oder?

Das mag zwar richtig sein. Wie gut, dass Regisseur Peter Bernhardt am Theater Eisenach dennoch so viel Sorgfalt und so viel Witz auf seine Molière-Inszenierung verwandt hat; wie gut, dass "Der Geizige" hier keine One-Man-Show ist. Es steckt doch mehr in dem Stück als die Knauser-Litanei eines alten Mannes.

Mitleid trotz Kasernenhofton

Heinz Rennhack ist großartig in seiner Rolle. Sein Harpagon ist nicht bloß ein lächerlicher Giftzwerg – das auch, in einigen Szenen –, er hat zugleich etwas Monströses, Bedrohliches; etwas, das den Zuschauer ahnen lässt, warum Harpagons erwachsene Kinder Cléanthe und Elise immer noch vor ihm zittern. Rennhack verleiht dem Geizigen eine ganz eigene Melodie, ein schnarrendes Legato, das klingt wie mühsam gedämpfter Kasernenhofton. Dieser Mann steht permanent kurz vor dem Wutausbuch – oder kurz vor dem Wahnsinn.

Rennhack leistet vollen Körpereinsatz. Harpagon hinkt wie der Satan selbst, er wirft sich zu Boden, um in Staub und totem Laub nach seiner einzig geliebten Geldkassette zu wühlen, er beweint auf Knien seinen Verlust, als sie ihm gestohlen wird; und da, im vierten Akt, schafft Rennhack es tatsächlich, einen Hauch von Mitleid für den Geizigen zu erregen, Mitleid mit dessen armseliger, argwöhnischer Existenz. Das schafft nur ein wirklich guter Schauspieler.

dergeizige rennhack 560 inkalotz uWühlt nach seiner geliebten Geldkassette: Heinz Rennhack als der "Geizige" © Inka Lotz

Mitleid mit den anderen handelnden Personen braucht es nicht, auch wenn Harpagon sie noch so sehr verleumdet und quält. Denn – und das macht die Regie schnell deutlich – sie sind keinen Deut besser als der Alte. Ein Happy End mit zwei glücklichen jungen Paaren ist in Peter Bernhardts Inszenierung undenkbar, zu niederträchtig und egoistisch ist die Brut: die selbstmitleidige Tochter Elise (Dagmar Poppy) ebenso wie die heuchlerische Schwiegertochter in spe, Mariane (Jannike Schubert); der cholerische, schwache Sohn Cléanthe (Raphael Kübler) wie der opportunistische, brutale Schwiegersohn Valère (Roman Kimmich). Am Ende werden sie sich alle um Vaters Geldscheine balgen. Und man kann Harpagon beinahe verstehen, dass er es vorzieht, mit dem Rest seiner Reichtümer auf ewig begraben zu sein.

Das bisschen Ekel

Die Nebenrollen sind per se Nebensache in diesem Stück, aber die Schauspieler machen eine Menge daraus, und die Regie hat sich auch einiges für sie ausgedacht. So verwandelt eine Wendejacke – außen schwarz, innen weiß – den leidgeprüften Diener Jacques (Gregor Nöllen) vom Kutscher zum Koch; das kommt Harpagon billiger, als noch jemanden einzustellen. Sehenswert ist Istvan Fincze als sardonisch grinsender Ganove La Flèche – und einfach hinreißend ist Bettina Franke als Frosine, die hartgesottene Kupplerin im erdbeercremefarbenen Kostüm, die einer Heiratskandidatin mit auf den Weg gibt: "So ein bisschen Ekel vor einem Mann, das kann man doch runterschlucken. Das ist alles Gewohnheitssache."

Monika Maria Cleres' Bühnenbild passt zur bedrückenden Grundstimmung: ein trister Innenhof mit grauer Laubschicht und einer toten Birke, umrahmt von Wänden, über die hinweg der ewig misstrauische Harpagon mit dem Opernglas Kinder und Dienerschaft ausspioniert. Die Kostüme erinnern vorwiegend an die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts und wirken doch zeitlos; der Geiz überlebt sich leider nie. Viel zu lachen an diesem Theaterabend, auch wenn Molières Komödie, zumal in dieser Inszenierung, ein äußerst finsteres Vergnügen ist. Lachen kann man schließlich auch aus purer Freude über die gute Regie- und Schauspielerleistung. Ein starker Abend – und das nicht nur wegen Heinz Rennhack.

 

Der Geizige
von Molière
Regie: Peter Bernhardt, Bühnenbild & Kostüme: Monika Maria Cleres, Dramaturgie: Boris C. Motzki.
Mit: Heinz Rennhack, Raphael Kübler, Dagmar Poppy, Roman Kimmich, Jannike Schubert, Bettina Franke, Ernst Volker Schwarz, Gregor Nöllen, Istvan Vicze.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.theater-eisenach.de



Kritikenrundschau

Als Schauspielergeschenk bezeichnet Michael Helbing in der Thüringer Allgemeinen (6.10.2014) die Komödienfigur des Geizigen. Und Heinz Rennhack "hat die Kraft und das Vermögen, es anzunehmen und ans Publikum weiterzugeben". Rennhacks Harpagon sei "gleichsam eine Altersvariante seines habgierigen August Deibelschmidt, der im DDR-Fernsehen 'Spuk im Hochhaus' trieb. Krank vor Geiz, kommt er nun asthmatisch, fußlahm, panisch daher." Beim übrigen Ensemble gibt es leichte Punktabzüge vom Kritiker. Gleichwohl gelinge es der Inszenierung "über weite Strecken, den Protagonisten einzubinden in ein Ensemble, das im Lustspiel eine hysterische Gesellschaft mit Lust laut und deutlich spielt."