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Wirf Dich in alle Häute

von Steffen Becker

Stuttgart, 20. Juni 2015. "Wer bin ich und wenn ja, wie viele", lautet eine aktuelle populärphilosophische Frage. Henrik Ibsen hat sie mit "Peer Gynt" schon vor fast 150 Jahren gestellt. Christopher Rüping beantwortet sie in seiner Inszenierung am Schauspiel Stuttgart mit "5 Frauen und ein Promi". Entgegen den Geschlechterhöflichkeiten erwähnen wir ihn zuerst. Edgar Selge spielt die Hauptfigur (die meiste Zeit zumindest) und zunächst denkt man, der Beginn der Aufführung sei der Huldigung an den Star geschuldet. Attraktive, junge Frauen hauchen ehrerbietig "Peer Gynt" ins Mikro und eine Wand nach der anderen wird beiseite geschoben. Bis schließlich ein laut Regieanweisung "kräftig gebauter Mensch von Anfang 20" die Bühne betritt.

Schnell wird aber klar, dass dieses Entree widerspiegelt, was Rüping an dem Stoff interessiert: Das Auf- und Abtragen von Schichten, das Spiel mit der Vermischung von Ebenen. Geschickt löst er etwa ein Hauptproblem des Stücks, das Henrik Ibsen ursprünglich als dramatisches Gedicht schrieb und dessen Bühnenfassung wenig Zugeständnisse an eine szenische Umsetzung macht. Rüping integriert die Regieanweisungen und Beschreibungen in den Text, die Figuren vermischen sich mit ihrer Metaebene. Dazu passt, dass Rüping auch die Rollen teils von den Schauspielerinnen löst.

Spiel mit Identitäten

Die für sich genommen wenig tragenden Frauenfiguren ballt er zu einem Bündel, aus dem ein Schauspielerinnen-Quintett die Enden herausgreift, neu verknotet und sich wie Bälle zuwirft. Alle sind alle, und die Trolle aus Peers Traumwelt nehmen sie auch noch gleich mit. In raschem Wechsel tauschen sie die Figuren - eine spricht, eine gestikuliert, eine kommentiert, eine wechselt sich ein, usw. Rüping unterstreicht auch damit die Grundaussage seines Gynt: Er zeigt den selbstverwirklichten Menschen, der sich - zumindest imaginär - jede Haut überstreifen kann.

peergynt3 560 Conny Mirbach uMoment echter Gefühle oder Trugbild? Solveig (Nathalie Tiede) und ihr umtriebiger Herzensmann
Peer Gynt (Edgar Selge) © Conny Mirbach

Kurz muss man daran denken, was man sich in seinen virtuellen Identitäten alles zuschreibt: Ibsen - ein Visionär. Aber schon nimmt einen das Bühnengeschehen wieder in Beschlag. Das rauscht im Fall der Frauen-Kombo in einem irren Tempo voran und hat eher den Charakter eines Show acts - mit hohem Unterhaltungswert. Die Frauen agieren als aufeinander eingeschworene Gruppe, ein "bunch of wild bitches" - das englische trifft es besser und es klingt nicht ganz so sexistisch wie die deutsche Übersetzung.

24 Frauen im Separee

Lediglich Nathalie Tiede nimmt als Solveig, Peer Gynts Liebe und einziger Bezugspunkt, eine Sonderposition ein. Sie ist für die melancholischen Momente echter Gefühle zuständig. Gefilmt von einer Handkamera und im harten Licht beichtet sie Peer Gynt stockend, dass sie alle Brücken abgebrochen hat, um nur für ihn da zu sein. Um sie herum hat er eine Hochzeitsgesellschaft versammelt, die sich im Angesicht verhärmt offenbarter Liebe schnell auflöst. Sie war nur ein Trugbild verwischter Ebenen - die eine Hälfte wird wieder zum Herrenchor im Hintergrund, die andere flüchtet auf ihre Sitze im Zuschauerraum.

peergynt 560a ConnyMirbach uLiebesgeständnisse mit Hochzeitsgesellschaft © Conny Mirbach

Von dort hat sie Selge als frenetischer Gynt weggelockt. Er ist laut, er ist fahrig, aber auch begeistert und zugewandt. Er spielt das nicht nur, er stellt es unter Beweis. 24 Frauen sollen ihm in Separee folgen. Ist ja wohl kein Problem, bei einem Teufelskerl wie ihm. Charmant umherplaudernd zieht er durch die Reihen und die willigen Damen hinter sich her. Sie werden einen Gutteil der Inszenierung verpassen. Den Kamerabildern aus der Hinterbühne nach zu schließen, aber mit Sekt und Häppchen vertröstet. Das hat mehr Opulenz als das, was davor zu sehen ist. Der Raum ist leer bis auf fahrbares Licht und Eimer am Rand. Die dienen mal als Planschbecken für Trollkönige, als Farbreservoir für Umspritzaktionen oder als Sinnbild für das verarmte Zuhause Peer Gynts, in das der Regen tropft und aus dem er mit seiner Phantasie entflieht.

Irre Mutationen

Erst zum Schluss wird ein Container auf die Bühne geschoben, den die Schauspielerinnen nach und nach auseinandernehmen und dazu eine irre Geschichte nach der anderen erzählen. Peer Gynt wird Tankstellenbesitzer, Peer Gynt wird von Corinna vergewaltigt und kifft deswegen, Peer Gynt rülpst und es kommt ein Schmetterling raus. Das zieht sich bis in und über die Pause hinweg. Bis dann der Hauptdarsteller zur finalen Häutung ansetzt.

Den Textpart mit der Sklavenhändler-Karriere im Orient hat Rüping entsorgt. Bei ihm zieht ein auf unklare Art und Weise gealterter Peer Gynt Bilanz. Müde von der Sinnsuche erkennt er, dass er viele Häute, aber keinen Kern hat. Und erneut vermischen sich die Ebenen - Edgar Selge darf als Edgar Selge Revue passieren lassen, dass er zwar schon Hitler, Stauffenberg, Caesar und Wallenstein war, aber niemals Romeo. Die Chance bekommt er auch nicht mehr. Das Frauen-Quintett lässt im Zuschauerraum abstimmen, ob Peer Gynt zu seiner Solveig zurück darf oder nicht. Die Antwort ist "Nein". Peer Gynt verschwindet ins Nichts - um mit dem Ensemble gleich wieder in den tosenden Applaus eines glänzend unterhaltenden Publikums einzutauchen.

Peer Gynt
von Henrik Ibsen
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Anna Maria Schories, Musik: Christoph Hart, Choreinstudierung: Wilhelm Bäuml, Dramaturgie: Bernd Isele.
Mit: Caroline Junghanns, Svenja Liesau, Edgar Selge, Nathalie Thiede, Birgit Unterweger, Julischka Eichel.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (22.6.2015) schreibt Egbert Tholl: Rüping sei weniger ein "konzeptuell denkender Regisseur", vielmehr ein "Animateur", inmmer sähe es aus, als habe er mit seinem Ensemble während der Proben nur "gespielt". "Gynt" nehme er vor allem als "Anlass für eine Flut von Plappereien", die dann entzückten, wenn sie nahe am Stück blieben. Letztlich aber drücke sich Rüping "lang vor dem Text", lasse seine Damen "uninteressante Geschichten" erzählen. Berührend allerdings sei der Moment wenn Selge die Liste seiner Rollen aufzählt: das werde zu einer "Feier des Theaters an sich", die Essenz von Rüpings Unternehmung.

Auf Spiegel Online (22.6.2015) schreibt Bernd Noack, einiges an diesem Abend bleibe "ein Rätsel", denn Rüping biege sich das rätselhaft versponnene Drama so zurecht, dass es "zu seinen Einfällen passt". Ihn interessiere nicht "das verstörte Kind Peer in seiner sich überschlagenden Zeit", es gehe ihm alleine "um Effekt und Hascherei", statt einer Geschichte, solle man über "Bühnenzauber und bombastische Verwandlungen staunen". Doch zerfalle die Inszenierung in "viele kleine (zum Teil nette) Szenen", mitunter "pfiffig und verblüffend", in Maßen auch "noch lustig, wenn er sein Publikum zum Mittun animiert", aber mit der Zeit merke man, dass all "diese Kapriolen nur Stückwerke des Übermuts" seien, "möglicherweise aus der Furcht geboren", man könnte dem Autor hier auf den Erzähl-Leim gehen.

Judith von Sternburg schreibt in der Frankfurter Rundschau (22.6.2015): Peer, und näher komme Rüping dem tragischen Potenzial des Stückes nicht auf die Spur und wolle es offenbar auch nicht, "träumt vom Leben und der großen weiten Welt". Aber dem "diskreten Virtuosen Edgar Selge" gelinge es nicht einmal, das Schauspielhaus zu verlassen. In der Pause blieben die Schauspielerinnen im Saal, die Zuschauer könnten auch bleiben, und jeder, der will, könne "ans Mikrofon kommen und eine Peer-Geschichte erzählen. Oder was er will". "Stopp, ruft dann ein anderer und erzählt weiter oder etwas anderes". Man rolle mit den Augen, könne ohne weiteres weggehen, höre trotzdem zu. "So funktioniert der Mensch."

"Warum müssen alle halbwegs brauchbaren Stücke übermalt und umgeschrieben werden - von Leuten, die ersichtlich nicht schreiben können?", fragt Christian Gampert entnervt auf der Website des Deutschlandfunks (21.6.2015). "Es gibt keinen Sinn", wisperten die Frauenstimmen im Off, okay, sagt Gampert, aber "so viel Un-Sinn wie in Stuttgart gibt es selten". Rüping mache aus "Gynt" ein "nervendes zweieinhalbstündiges Banalgelaber", das von einem "aufgespeedeten Zicken-Quintett ziemlich großkotzig performt wird". Alle Figuren: "aufgebrochen, vermehrfacht, ständig vertauscht". Nur wenn Selge kommt, gäbe es "Konzentration und Nachdenklichkeit", allerdings wirke er wie ein "gutwilliger Fremdkörper" in dieser "RTL-Talkshow-Theater". "Erstaunlich" bleibe, dass "uralte Formen albernsten Mitmachtheaters auf einmal wieder als der letzte Schrei gelten".

Begeistert dagegen, die Kollegin Elske Brault auf der Website des Deutschlandradios (20.6.2015): "Im Theater gewesen. Geweint. Gelacht. Mitgemacht." Selge sei großartig, aber das Konzept von Rüping sei anders, er sei ein genialer Mannschaftstrainer und lasse die fünf Schauspielerinnen neben Selge gleichberechtigt zum Zuge kommen. Auch mache er die Zuschauer "kurzerhand" zu einem "Teil seiner Mannschaft". Denn bei Peer Gynt gehe es um den Menschen "als Erzähler der eigenen Lebensgeschichte". Allein wie das Ensemble in Ases Sterbesezene im Wechsel sprechend "allen Abschiedsschmerz einer Sterbebegleitung aufruft, wäre den gesamten Theaterabend wert". Es sei "absolut schlüssig", dass Rüping "in Zeiten des Internets" das Publikum so stark an der Inszenierung beteilige.

Martin Halter schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.6.2015): Selge spiele den Draufgänger, den "patzigen Pascha", "sich selbst und, wunderbar leise und anrührend, Peers sterbende Mutter". Die Damen Julischka Eichel, Caroline Junghanns, Svenja Liesau und Birgit Unterweger Peer und spielten "eher ein Junggesellinnenabschied als einen Hexensabbat": die Alternative zwischen Ibsens 'Mensch, sei du' und der Troll-Devise 'Sei dir selbst genug' werde zum 'Sei-du-Dideldei' "verbumfidelt". Bei Rüping sei alles "Erfindung, Theatererzählung, Kindergeburtstagsklamauk und Gebrüll": "Hauptsache, es macht Effekt". In Stuttgart gehe es nur "um den Prozess des Erzählens, nicht um Inhalte oder Ideen". Rüping habe den "alten Knochen Ibsen" drei Stunden zu "Lügenbrei, Trollpampe und Kraftkerlsaft verkocht", aber am Ende habe diese Inszenierung unter "einer weichen Schale keinen harten Kern".

Roland Müller schreibt in der Stuttgarter Zeitung (22.6.2015), Rüping gehöre der "Generation Nerd" an, die mit "Video- und Computerspielen aufgewachsen" sei, "weshalb er die Sprunghaftigkeit zum Erzählprinzip macht und dem Ernst der Dinge mit heiterem Unernst so lange ausweicht, bis es nicht mehr geht". Dass er aber "Talent" habe, zeige er in seiner Inszenierung durchaus. Was Ibsen "einige Jahrzehnte vor Freud, psychoanalytisch andeutet", denke der "talentierte Mr. Rüping" fort: "Peer wird zum Lügner, sobald Frauen in seiner Nähe sind." Der Mann, "der bei Frauen nur lügen kann", das sei ein starker, theatralisch effektvoller Auftakt einer Inszenierung, die dann stark nachasse. Denn Rüping zappe in seiner "nerdhaft völlig disparaten Inszenierung Einfällen hinterher, die ihm so durch den Kopf geschossen sein mögen". Am Ende werde Rüpings "unausgegorener Ibsen-Workshop vom Publikum heftig bejubelt".

"Ibsen ist tot, und auch 'das Theater' liegt momentan anscheinend im Sterben. Zumindest macht es eine schwierige Transformationsphase durch, in der sich junge Regisseure ähnliche Fragen stellen wie Peer Gynt", schreibt Judith Engel in den Stuttgarter Nachrichten (23.6.2015). Die Suche nach dem Kern des eigenen Wesens sei in Rüpings Inszenierung "nichts weniger als die Suche nach dem Kern des Theaters, das sich vom Erbe seiner Geschichten zu emanzipieren sucht": "Man will es anders machen als die Vorgänger", aber der Weg scheine unendlich lang und kreise "in schmerzhafter Selbstbezüglichkeit" um das eigene Sein, so Engel. "Da muss man durch, aber vielleicht nicht auf der Bühne."