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Straßenlaterne oder Kaktus?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 4. September 2015. Ist das noch die Figur Sergej/Stefan, die zu uns spricht und uns von einer kurzen Kindheit im Gerade-noch-Sowjet-Kasachstan erzählt, von der Aus- und Einwanderung der Familie nach Deutschland, davon, wie an ersterer die Eltern zerbrechen und er selbst in letzterer aufblüht – oder ist das schon der Schauspieler Dimitrij Schaad, laut Besetzungszettel wie Sergej/Stefan 1985 in Kasachstan geboren? Und in dieser Szene so verdammt, ja, dieses Wort muss sein, authentisch?

Auch bei den fünf anderen (palästinensischen, syrischen, israelischen) Akteur*innen, die Yael Ronen in "The Situation" zusammen in einen Deutschkurs in Berlin-Neukölln steckt, gibt es diese kleinen Gemeinsamkeiten zwischen Figuren- und Besetzungszettel-Biografie, die man ja aus anderen Arbeiten von Yael Ronen schon kennt; in Common Ground, wo die Schauspieler*innen ihre echten Namen behalten, wird dieses Spiel durch einen Namens-Tausch auf die Spitze getrieben. Auch in "The Situation" also diese Schlüssel-Momente, in denen es oszilliert zwischen Theater-Schein und Lebens-Sein, in denen konkret fühlbar wird, wie das eine vom anderen abhängt – und von denen sich dann stets alle zusammen mit neuer Energie abstoßen in die nächste Szene voller Sprach-, Sprachlosigkeits-, musikalischer und Körper-Akrobatik.

Das fehlende Vokabular

Sergej/Stefan versucht als Deutschlehrer Ordnung in den Nahost-Konflikt zu bringen, verkörpert zunächst durch seine ersten beiden Schüler, das Noch-Ehepaar Noa (Orit Nahmias) und Amir (Yousef Sweid, Ex-Mann der Regisseurin Yael Ronen); eine Israeli und ein Palästinenser (mit israelischem Pass), die irgendwann in seltener Einmütigkeit feststellen, dass ihre Flucht vor "der Situation" ins friedliche, multikulturelle Berlin ihre Ehe ruiniert hat. Indem "die Situation" sich vom Politischen, Öffentlichen, auf der sparsam eingerichteten Bühne symbolisiert von einer Straßenlaterne, ins Private verlagert hat, für das auf der anderen Bühnenseite ein überdimensionaler Kaktus steht.Thesituation1 560 UteLangkafel maifoto uDeutschstunde: Orit Nahmias, Maryam Abu Khaled, Youssef Sweid,
Ayan Majid Agha, Karem Daoud und Dimitrij Schaad. © Ute Langkafel/Maifoto

"Die Situation" steht für viele mögliche, nur unter hoher Selbstentäußerungs-Bereitschaft erklärbare Gründe dafür, warum es passieren kann, dass man in Berlin-Neukölln in einem Deutschkurs sitzt. Während Noa und Amir nur (?) vor einem ständigen Rechtfertigungsdruck geflohen sind, berichten Laila (Maryam Abu Khaled) und Karim (Karim Daoud) aus Palästina von Krieg und Diskriminierung. Dementsprechend weniger bereit sind sie zunächst, die andere Seite, also Noa, anzuhören. Zu diesen vieren gesellt sich noch der Syrer Hamoudi (Ayham Majid Agha) auf die beiden sonnengelben beweglichen Treppen, auf denen der Deutschkurs stattfindet. Er tut sich am schwersten damit, auf die Frage "Woher kommst du?" zu antworten. Denn für seine "Situation" gibt es noch am wenigsten Beschreibungs-Vokabular; egal, in welcher Sprache.

Voyeurs-Teufelchen und Empathie-Engelchen

Es geht in diesem Deutschkurs sowieso ziemlich bald um eine andere Art gemeinsamer Sprache, und es wird munter zwischen hebräisch, arabisch, englisch und deutsch hin- und hergeswitcht. Während die Schüler*innen alle die Flagge ihres Herkunftslandes im Kostüm tragen, ist der Lehrer Stefan mit einem auf die Farbe der Sitz-Treppen abgestimmten gelben T-Shirt als Außenseiter gekennzeichnet. Dimitrij Schaad karikiert ihn auch zunächst aufs heftigste als bio-deutschen Gutmenschen Marke Stock-im-Arsch, der dem Syrer Hamoudi seine Hilfsbereitschaft – und sei's mit Gewalt – aufdrängen will. Dass er sich dann durch die Erzählung seines ersten Lebens als Sergej in Kasachstan aus dieser undankbaren Rolle emanzipieren darf, ist ein genialer Schachzug der in von "Wer bist du?" über "Wenn-Dann" bis "Vergangenheit" und "Konjunktiv" streng nach Lektionen gegliederten Inszenierung. Denn, siehe da: Die Verständigung funktioniert auch ohne kleinsten gemeinsamen Schenkelklopfer.

Und so groß ist die Freude darüber, dass das Ende ein bisschen arg pathetisch gerät; mit der kollektiven Hoffnungsüberzeugung, dass all diese "Situations" doch lösbar sein mögen, kommt man nach der Durchschüttelung der vergangenen anderthalb Stunden nicht mehr so ganz mit. Ja, es ist eine Durchschüttelung, so ronenesk unterhaltsam und pointensicher es daherkommt. Dafür sorgen vor allem diese oszillierenden Momente, bei denen sich einem das Voyeurs-Teufelchen in die linke und das empathische Engelchen in die rechte Zuschauer*innen-Schulter krallen. Abgesehen davon ist es wohl (hoffentlich: vorerst) einzig, wie offen und unverkrampft das Thema der Stunde hier auf einer Theaterbühne verhandelt wird.

 

The Situation
von Yael Ronen & Ensemble
Regie: Yael Ronen, Bühne: Tal Shacham, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi, Licht: Jens Krüger, Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Karim Daoud, Maryam, Abu Khaled, Orit Nahmias, Dimitrij Schaad, Yousef Sweid, Ayham Majid Agha.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Peter Kümmel hat in der Zeit (1.10.2015) ein Interview mit den sechs Schauspieler*nnen geführt, in dem er sich über die "Situation", das heißt die unübersichtliche Lage in Nahost und das Leben in Deutschland unterhält. Der Theaterabend ende mit den Worten "keine Hoffnung", "weil wir nicht naiv sind", so Orit Nahmias. Es werde keinen Frieden geben, solange Amerikaner und Europäer ihr Waffen an Assad und den IS verkaufen wollen, sagt Ayham Majid Agha. Weiter geht es in dem Gespräch wie man mit künstlerischen Mittel kämpfen kann, ums Zusammenleben in Berlin, darum, dass syrische Flüchtlinge kommen, nicht weil Deutschland ein sicherer Platz sei.

"Die Regisseurin Ronen hat sich darauf spezialisiert, kulturelle, nationale und sexuelle Klischees so rasant aufeinander krachen zu lassen, dass sie sich in die pure Absurdität auflösen. Oder als hilflose Orientierungsversuche in einer absurden Situation kenntlich werden", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (7.9.2015). Zum Spiel gehöre die ironische Brechung. Bewegend, wenn Dimitri Schaad erzählt, wie er mit seiner Familie als Achtjähriger aus Kasachstan nach Deutschland kam. "'Ich will zeigen, dass wir in diesem Leben mehr Möglichkeiten haben', sagt Maryam Abu Khaled. In einem anderen Rahmen wäre das kitschiges Pathos. Hier ist es eine klare Ansage."

Wie politische Konflikte in privates Reden einfließen, sei auch hier wieder Prinzip, schreibt Simone Kaempf in der taz (7.9.2015). "Ronen scheut sich nicht, Verdrängtes und Unerwünschtes anzupacken. Klischees werden durchlaufen – unverkrampft, mit Witz und Galgenhumor." Am Ende schicke einen die Inszenierung sogar in optimistischen Stimmung nach Hause, da einst die Berliner Mauer fiel, ein Schwarzer als Präsident der Vereinigten Staaten amtiert und Frauen zur Staatsoberhäuptern gewählt werden. Alles ist möglich, auch Frieden in Nahost. Die Hoffnung stirbt nicht.

"Ronen bleibt Ronen (...), weil kluger Humor wahrscheinlich wirklich das wirkungsvollste Konfliktentkrampfungsmittel ist", so Christine Wahl im Tagesspiegel (7.9.2015). Dass die Regisseurin die Konfliktparteien nicht nur in Berlin, sondern speziell in einem Deutschkurs aufeinandertreffen lässt, erweise sich als ziemlich genialer Schachzug. Sie, die theatrale Konfliktmanagerin par excellence, habe wieder den Abend gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt. "Und wie immer bei Ronen stößt sich der Text von mehr oder weniger künstlerisch überformten Erfahrungen der Akteure ab und beginnt mit der Pointensicherheit einer gehobenen Screwball-Comedy."

Dagegen ist Irene Bazinger (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.9.2015) ziemlich kritisch mit dem Abend: "Ronens Inszenierungen haben mit der seriellen Herstellung inzwischen beträchtlich an Schwung und Biss verloren." Die Personen leiden an Vergangenheit und Gegenwart und sehen keine Perspektiven, weshalb ihnen im Sprachkurs wie in der Realität nur der Konjunktiv bleibe. "Vor einem Jahr hätte man diesem so anbiedernden wie larmoyanten Smalltalk womöglich aufgeschlossen zugehört. Aber da jetzt die Not der Flüchtlinge aus aller Welt zur Tagesaktualität geworden ist, wirkt er lediglich kalkuliert und schal." Fazit: Gut gemeint, und so schlechtes Theater.  

Tobias Becker verrät auf Spiegel Online (7.9.2015) das "Erfolgsrezept der Inszenierung": "Die Dominanz der Fremdsprachen ermöglicht die unverfrorene Oberflächlichkeit, die nötig ist, um über die ganz großen Probleme zu sprechen und sich einander anzunähern." Der Abend offenbart für den Kritiker auch, was "Ronens Theater" im Ganzen "ausmacht: Es ist in einem Moment klamaukig – und im anderen klug. In einem Moment komisch – und im anderen kitschig. Ronens Inszenierungen bieten das vielleicht beste politische Kabarett, das es zurzeit in Deutschland zu sehen gibt, aber sie bieten noch mehr: Pathos."

"Wenn Schauspieler aus aller verfeindeter Herren Länder auf deutscher Bühne miteinander spielen, hat die Utopie wohl schon begonnen", so Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (6.9.2015). Ronen jongliere in ihrem Abend "mit Klischees wie in einer Sitcom", streue schwarze Pointen, die nur insofern politisch korrekt seien, "als dass alle Seiten ihr Fett abkriegen". Im langen Monolog des Sergej alias Dimitrij Schaad entstehe ein "Moment, in dem Ronen den Abend dramaturgisch zerfließen lässt, in dem sie ihre Routinen und Gewissheiten über den Haufen wirft, als hätte sie keine Lust mehr auf Pointen, als wäre Humor doch kein Erkenntniswerkzeug, sondern nur eine Methode, mit der man der Wirklichkeit ausweicht."

"Multikulti von einer durchaus unspaßigen Art" hat Eberhard Spreng gesehen und führt im Deutschlandfunk (5.9.2015) aus: "Das Theater ist mit 'The Situation' zu einem deutsch-englisch-hebräisch-arabisch-sprachigen Labor für Flüchtlingserzählungen ohne den Anspruch auf eine geschlossene dramatische Formgebung geworden." Der Titel sei Programm: "Die geopolitische Situation und die erzwungenen Strategien des Überlebens bestimmen im 21. Jahrhundert die Identität und das Denken", so Spreng: "Aber auch Situationen ändern sich, wie ein auf der Treppe versammeltes Ensemble mit etwas zu pathetischem Optimismus im Schlussbild kundtut." Gleichwohl lasse das Gorki-Theater mit diesem Abend spüren, "was das etwas verklemmte deutsche Wort Willkommenskultur bedeuten könnte".

Die Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit werde "folgerichtig immer wieder durchbrochen", schreibt Dirk Pilz in der NZZ (17.11.2015). "Der Nahost-Konflikt, die Beziehungskrisen, der Berliner Alltag: Nichts lässt sich hier voneinander trennen. Daraus entsteht der die Empathie fördernde Witz dieses Abends, auch wenn die Erkenntniskraft des Humors eher beschränkt bleibt", so Pilz. "Eine Szenenanordnung auf der Suche nach Leichtigkeit im Umgang mit unsicheren Identitäten: das Augenzwinkern als Erzählprinzip, die Selbstironie als Spielweise. Ronens Leitfrage ist auch diesmal wieder, wie zeitgenössisches, wirklichkeitssattes Theater möglich wird."