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Shakespeare as Shakespeare can

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 18. November 2016. Kaum hat das freundliche Mädchen im roten Plisseerock den Prolog gesprochen, ändert es den Gesichtsausdruck. Fast wutentbrannt rammt die junge Dame (ziemlich genau im Alter, wie Shakespeare Julia festschreibt) Blume um Blume in den Boden. Es sind Mohnblumen und nicht Rosen. Das Mädchen ist eher nicht Amor, sondern ein getarnter Psychopompos. Eine neugierige Beobachterin der Handlung, die dann Mercutio, Tybalt, Graf Paris und schließlich die beiden Hauptfiguren durch eine Tür ganz hinten ins Jenseits führen wird.

Hoch geht's her

Aber noch leben sie, und wie! Regisseurin Lily Sykes hat die "Romeo und Julia"-Personnage im Grazer Schauspielhaus auf Gender-Optionen und weitere mögliche Paarbindungen abgetastet. Da mutiert Mercutio zur Frau, zur Freundin von Benvolio und Romeo. Für Henriette Blumenau, ein Temperamentsbündel, eine feine Rolle, der man alleweil die Führerin in einem flotten Dreier abnimmt.

romeoundjulia1 560 Lupi Spuma uIm Zeichen der Mohnblume: Babett Arens, Clemens Maria Riegler und Franz Solar © Lupi Spuma

Auch nicht ohne das Verhältnis zwischen Julia und Tybalt. Julia läuft scheint's nicht jungfräulich zu Romeo über. Schließlich hat die Regisseurin noch Pater Lorenz gesplittet. Eine Lorenzina, ebenfalls in Mönchskutte, ist seine Begleiterin und übernimmt einen Teil seines Textes. Dass die beiden Darsteller (Babett Arens und Franz Solar) in Personalunion Julias Eltern spielen, ironisiert Schein und Heiligkeit gleichermaßen.

Ohne Versöhnungs-Brimborium

Viel alert herausgearbeitete, gut geölte Feinmechanik in den Personenbeziehungen also, lohnend zu beobachten. Lily Sikes verweist mit ihrer Lesart deutlich auf den etwa zeitgleich entstandenen "Sommernachtstraum" (es gibt einige Anspielungen in Kostüm und Maske), auf die Liebesblindwütigkeit der Menschen. Das interessiert sie viel mehr als die Keilereien zwischen den Montagues und Capulets. Keine Schaukämpfe. Licht kurz aus, ein Schuss, und wieder ist eine(r) tot. Das will die Handlung so, die innere Dramaturgie läuft anders. Das Versöhnungs-Brimborium beider Familien am Ende ist gestrichen.

Der weiß gewandete und silberhaarige Romeo – Raphael Muff spielt ihn wortträumerisch-weltfremd wie nur – trifft da also auf eine Julia, die in Wirklichkeit so gar nicht taugt als Objekt für Liebesprojektionen: Julia Gräfner ist eine raffiniert-verquere Besetzung für diese Rolle, ein handfest-stämmiger Pubertäts-Besen. Da weiß eine nicht, wohin mit der erwachten Lebens- und Liebeslust, selbst die poetischen Anwandlungen sprudeln mit Hochdruck aus ihr heraus. Gedanken eben "zehnmal schneller als das Sonnenlicht", wie es so schön im Text heißt. Eine Lebens(abschnitts)-Aufgabe für Eltern und Erzieher.

Durchgestylt in Bild und Ton

Gleich acht völlig gleich hergerichtete Damen dienen ihr als Ammen, die fast immer als Chor reden, aber auch singend mit einer Close Harmony-Mixtur eine ganz eigene, stimmungsvolle Atmosphäre schaffen. Denn bei all ausgefeilter Personenregie ist diese Aufführung auch durchgestylt in Bild und Ton (leider nicht in Sprechtechnik, was das Hören manchmal anstrengend macht).

romeoundjulia3 560 Lupi Spuma uRomeo und Julia (Raphael Muff, Julia Gräfner) in der Badewanne © Lupi Spuma

Bemerkenswert das Bühnenbild, mehrere perspektivisch hintereinander angeordnete Guckkastenelemente aus Lichtstäben, auf denen sich gut klettern lässt und die Lichteffekte (nicht nur stroboskopischer Art) ermöglichen, zum Beispiel die stimmungsvolle Morgenröte über Verona. Sonst gibt es, außer reichlich Mohnblumen, aus denen Pater Lorenz dubiose Tinkturen bereitet, bloß eine Badewanne. Dort rumort Julia welcher Zukunft auch immer entgegen. Wenn Romeo zusteigt, wird es bedrohlich eng in der Wanne, weil diese Julia ihr Temperament auch da nicht zügelt. Aber es ist ja nie ganz falsch, sich um Romeo und Julia Sorgen zu machen.

Romeo und Julia
von William Shakespeare, Übersetzung Frank-Patrick Steckel
Regie: Lily Sykes, Bühne: Jelena Nagorni, Kostüme: Lena Schmid, Musik und Chorleitung: Maren Kessler, David Schwarz, Dramaturgie: Jan Stephan Schmieding, Licht: Thomas Trummer.
Mit: Raphael Muff, Julia Gräfner, Henriette Blumenau, Franz Solar, Babett Arens, Nico Link, Oliver Chomik, Clemens Maria Riegler u.a.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

 

Kritikenrundschau

Von drei teils lähmenden  Stunden schreibt Colette M. Schmidt in der Wiener Tageszeitung Der Standard (21.11.2016). Zwar habe es in der Inszenierung viele interessante Ideen gegeben, die aus Sicht der Kritikerin "aber nicht zueinanderfanden oder halbherzig umgesetzt wurden". Auch die große Liebe konnte sie den Julia Gräfner als Julia und Romeo Raphael Muff nicht abnehmen.

"Alles in allem: eine ambitionierte, perfekt einstudierte, aber eher verunglückte Aufführung", schreibt Barbara Petsch in der Wiener Tageszeitung Die Presse (21.11.2016). "Julias Tiraden klingen blässlich vom hintersten Ende der Bühne, Romeo deklamiert vorn, das ist erstens unfair und zweitens falsch. Bis diese beiden zusammenkommen, hat der Zuschauer beinahe das Interesse an der Sache verloren. Wie in England wird hier der ganze Text in fast drei Stunden zelebriert. Dafür ist die Aufführung nicht packend genug."

Sykes gehe es um Reduktion, um strenge Konzentration auf das Wesentliche, um das unmittelbare Handlungsgerüst, so Werner Krause im der Kleinen Zeitung (20.11.2016). Symbolreich aufbereitet durch etliche Metallstreben, in strenger, raffinierter Geometrie angeordnet - "das ist durchaus reizvoll und originell". Der Liebesblitz bleibe allerdings technischer Hokuspokus im Neonlichtgewitter. Zwischen Romeo und Julie funke es nicht, knistere es nicht, "es raschelt nur das Textpapier".