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Seelenruhe und Dinkelbrei

von Grete Götze

Mainz, 10. Juni 2017. Wer glaubt, nach diesem Abend viel mehr über die Mystikerin Hildegard von Bingen zu wissen als vorher, der irrt. Die 1991 geborene Zürcher Nachwuchsdramatikerin Katja Brunner hat für das Staatstheater Mainz eher eine freie Assoziationskette zur Ärztin und Äbtissin aus dem Mittelalter geschrieben, die zwei Klöster am Rhein leitete und durch ihren starken Willen in einer männlich dominierten Welt der katholischen Kirche wie ihre Visionen bekannt wurde. Der dreißigseitige Stücktext ist eine wilde Mischung aus Groß- und Kleingeschriebenem, Spiegelstrichen und Überschriften. Figuren oder stringente Handlungen sucht man hier vergeblich. Irritierende Sprachbilder, etwa vom Schambereich einer Hexe, aus der ein Fußballverein raus strömt, oder "durcheinander fahrende Gedanken zwischen Schädelplatten", gibt es dafür umso mehr.

Pastoraler Gesang

Marco Štorman, der 2014 schon Brunners Stück Ändere den Aggregatzustand in Luzern zur Urauffühung brachte, stellt auf die kleine Bühne tief unter der Erde des Theaters, das U17, fünf feenartig, in weiße Tücher gehüllte Darsteller, die Bingen laut Programmbeschreibung "aus der Perspektive von fünf gegenwärtigen Sinnsuchenden" nachspüren. Warum gegenwärtig Sinnsuchende weiß geschminkte Gesichter und Haarnetze auf dem Kopf haben, bleibt ein Geheimnis. Jedenfalls teilen sie den Text untereinander auf. Doch Intendant Markus Müller lässt gleich zu Beginn der Vorstellung wissen, eine Schauspielerin sei erkrankt, sodass in letzter Sekunde der Regieassistent (Mark Reisig) eingesprungen und der Text auf alle verteilt worden sei.

 IchSchliefMitGott1 560 AndreasEtter uIrgendwo im Himmel vielleicht: Denis Larisch, der Regisassistent Mark Reisig für Gesa Geue, Anna Steffens, Daniel Friedl und Monika Dortschy © Andreas Etter

Monika Dortschy, die lang gedienteste Schauspielerin des Hauses, eröffnet die Inszenierung, in dem sie einen Vorhang mit riesigem Kreuz herunter reißt. Zum Vorschein kommt ein Spiegelboden, der durch die Plastikpflanzen an seinem Rand an einen See erinnert. So könnte sie ausgesehen haben, die Mystikerin, wie Dortschy, die dort mit ihrer enormen Bühnenpräsenz steht, ihrem weisen Gesicht und ihren mit vielen sichtbaren Adern durchzogenen Händen. Es ist ein kurzer, starker Moment, in dem sie über eine Krone sinniert. Den weiteren Text sprechen die Schauspieler teilweise chorisch, teilweise einzeln in Mikrophone hinein, wobei sich nicht erschließt, wann sie ihre Stimme damit verstärken und wann sie frei sprechen. Einmal an diesem nur eine gute Stunde währenden Abend löffelt Dortschy in aller Seelenruhe einen Dinkelbrei, begleitet vom hohen Gesang von Anna Steffens, während Daniel Friedl immer irrer sich verausgabend seine Pupillen unter dem Augenlid verschwinden lässt, so dass man nur noch das Weiße sieht.

Lustiges Bilderspiel

Derlei Szenen, die den abstrakten Text spielerisch in eigene schräge Bilder übersetzen, kennzeichnen die Inszenierung: Aus einem Paket, dessen Inhalt allen Beteiligten zunächst suspekt ist, kommt ein überdimensional großer aufblasbarer Hase zum Vorschein, auf dem Friedl sich herumwühlt und Sätze sagt, die einen Orgasmus beschreiben könnten – Bingen gilt als erste Frau, die schriftlich den weiblichen Höhepunkt geschildert hat. Dass sie Migräne hatte, greift der Text auf. Dass ihre Visionen von Wissenschaftlern infrage gestellt wurden, die vermuteten, sie seien nur dieser Migräne geschuldet gewesen, versteht man dagegen nicht.

Insgesamt ist das zwar ein kurzweiliger Abend. Seine Sätze und Szenen sowie die Verteilung des Textes kommen jedoch ein wenig zufällig daher und erzeugen so keine wirkliche Tiefe oder Irritation. Wodurch Hildegard von Bingen die Menschen seinerzeit so für sich eingenommen hat, das möchte Katja Brunners Text nicht wirklich wissen. So bleibt die Inszenierung ein bisweilen lustiges Bilderspiel mit den poetischen Textfragmenten der Autorin.

 

Ich schlief mit Gott
von Katja Brunner
Uraufführung
Regie: Marco Štorman, Ausstattung: Paula Wellmann, Musik: Moritz Löwe, Dramaturgie: Malin Nagel, Patricia Nickel-Dönicke.
Mit: Monika Dortschy, Gesa Geue (bei der Premiere krankheitshalber vom Regiassistenten Mark Reisig markiert), Anna Steffens, Daniel Friedl, Denis Larisch
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.com

 

Kritikenrundschau

"Was für ein Parforceritt!", jubelt Johanna Dupré von der Allgemeinen Zeitung (12.6.2017). 'Ich schlief mit Gott' arbeite sich in einem atemlosen, assoziativen Gedankenstrom am Mythos Hildegard von Bingen ab – "lyrisch, witzig, respektlos. Aber auch verrätselt, und zugegebenermaßen irgendwie überfordernd." Der Abend habe Dynamik, sei unterhaltsam und rege zum Nachdenken an. "Dass man in 70 Spielminuten gefühlt nur 40 Prozent der möglichen Sinnebenen erfassen kann – das muss man wahrscheinlich einfach akzeptieren."

"Das klug daherplaudernde Ergebnis überfällt die Zuschauer mit der Pein narzisstischer Ödnis", poltert Bettina Boyens von der Frankfurter Neuen Presse (16.6.2017). "Nach baldigem geistigem Abschalten verfolgt man eine zunehmend schrille Schau, die ebenso gut vom Mars, von Micky Maus oder den Göttern des Olymp handeln könnte." Immerhin zeige die Autorin, "dass sie in der Lage wäre, mit Sprachgebäuden starke Gegenwelten, wüste Utopien und riesige Abrisskräne zu errichten". Nur: "Warum tut sie es dann nicht?"

"Was das alles denn mit Hildegard von Bingen zu tun hätte, stöhnt eine Dame im Publikum. Und wirklich – deutliche Bezüge haben Autorin Katja Brunner und Regisseur Marco Štorman tunlichst vermieden, alles andere hätte auch sehr schnell sehr folkloristisch werden können", so Mareike Gries von SWR2 (12.6.2017). Uneitles Kalauern und Zuspitzen und der couragierte Umgang mit historischen Ereignissen und Personen erinnere deutlich an den Stil Elfriede Jelineks. Leider entwickle 'Ich schlief mit Gott' aber keine jelineksche Musikalität.