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"O Mensch! Gib acht!"

von Andreas Wilink

Duisburg, 25. August 2017. Da ist Musik drin. Immer bei Jelinek. Ihre Text-Ketten sind selbst musikalisches Ereignis, knüpfen eine unendliche Sprachmelodie – einlullend und aufrüttelnd. Betäubende Aufputschmittel. In ihrem Fukushima-Sound of Silence "Kein Licht." ruft die unhörbare, unsichtbare Verstrahlung Laute hervor. Wobei sich der massive Sprachblock seit 2011 mehrfach verbreitert hat: um einen "Prolog?" und "Epilog?" (2012), der einer trauernden (Antigone-)Stimme im postapokalyptischen Niemandsland gehört; sowie – aktuell und exklusiv – um den sarkastischen Auswuchs "Der Einzige, sein Eigentum (Hello Darkness my old friend)".

Lustig ist das postatomare Hundeleben

Besagter alter Kamerad bezieht sich auf das Hybrid-Ego Donald Trump, den die Autorin charakterisiert als nimmersatten "König" und vampiristischen Großkotz, der mit der globalen Klimakrise und Atom-Gefahr nach Gutdünken verfährt, Politik der Verbrannten Erde macht und in seiner Person die Kluft zwischen dem technisch Möglichen und individuell "Geistlosen" aufreißt. Jelinek stützt ihn (vom Titel her) ab mit dem katastrophensüchtigen, anarchischen Ich-Willen des Max Stirner.

KeinLicht1 560 CarolineSeidelRuhrtriennale2017 uSchiffbrüchige im Meer der Tränen: Niels Bormann und Caroline Peters
© Caroline Seidel | Ruhrtriennale 2017

Hundejammer. Terrier Cheery hopst auf ein limonadengelbes Tank-Behältnis und jault – nach Handansage des bravourösen Dressurakts – im Duett mit einer Trompete. Das gibt die Tonart vor für Jelineks antidramatischen Klagegesang von den kontaminierten Wassern, den Philippe Manoury (Komposition) und Nicolas Stemann (Regie) als "Thinkspiel" einrichten. Auf der Ruhrtriennale-Bühne der Duisburger Gebläsehalle ironisiert, imaginiert und persifliert der Jelinek-Exeget Stemann, angelangt bei Nr. 11 ihrer Werke, eine Konzertsituation ("während des Konzerts über die Katastrophe ereignet sich die Katastrophe") mit halb abgewandtem Orchester und sechs Solisten in elegant geschlitzten schwarz-silbernen Abendkleidern. Er hievt sich dabei auf schräge Meta-Ebenen, durchmustert die Skala mittelbarer Gefühle und setzt sich zwischen alle Stühle, auf denen sich Betroffenheit breit machen könnte. Bloß das nicht! Doch enden die fünf kurzen Akte Gustav-Mahler-haft dunkel mit Nietzsches "O Mensch! Gib Acht!" und einer knapp ver-"nicht"-enden Bilanz. Man ist tot, aber munter, und dezent interaktiv im Kommunizieren mit dem Zuschauer.

Töne für den Supergau

Die Auflösung des Linearen angesichts rettungslosen Verfalls, den der Jelinek-Text souffliert, liegt für jede szenische Umsetzung nahe. Hier beginnt es oratorisch am Stehpult mit Caroline Peters, der großen Komödien-Tragikerin, und Niels Bormann, dem sanften Kerl, der gern etwas dramatisch beleidigt tönt. Zwei Elementar-Teilchen. Schiffbrüchige im Meer der Tränen. Verseuchte. Grund-lose. Ge-leerte: "A und B". Die beiden Geige spielenden Musiker (in Anspielung auf Geigerzähler) sind die Interpreten des mäandernden Sprechakts. Im Über-die-Ufer-Treten des "Leck geschlagenen" Redeflusses liegt – letzte – Selbstvergewisserung. "Hast du Töne!": sich selbst zu hören, Töne zu erzeugen und sprachliches Bewusstsein zu haben für den Super-Gau. Auch dies ja eine Form von Energiegewinnung. Die zwei Musenkinder machen Kunst: Musik (Manourys reiche, klangschöne, satte Neue Musik) als Ausdruck des klassisch Guten, Wahren und Schönen. Kann sie den Verfall momentweise aufhalten? Trugschluss. Denn das Ideal wurde schuldhaft verraten, von Konzernen, Interessen, der Politik, uns allen.

Elemente und Brennelemente in Aufruhr

Statisch bleibt es nicht. Dass dem Team so viel einfällt, ist auch ein Zeichen von Kapitulation. Effektvoll illustrativ leiert das installative Tohuwabohu und geordnete Chaos mal kalauernd aus, findet sich buchstäblich zum Kugeln komisch, strampelt sich szenisch ab, leistet sich eine Couture-Modenschau mit roter und blauer Satelliten-Empfänger-Figurine namens Hans und Grete(l), mit Schutzanzügen, Trikots, Roben und addiert – charming – eins ums andere Bild. Katastrophen-touristische Impressionen fluten Schwarzweiß über die Monitore oder begleiten die Künstler bei Pariser Flair, wenn sie im französischen Autoverkehr Sprit und Energie vertun.

KeinLicht3 560 CarolineSeidelRuhrtriennale2017 uWo sind sie hin, die Stimmen? Christina Daletska, Olivia Vermeulen, Lionel Peintre, Sarah Sun
© Caroline Seidel | Ruhrtriennale 2017

"Der Mensch hört nicht." Nicht mehr hören, nicht mehr verstehen. So scheint die lichthelle Menschheitsdämmerung. Die Elemente und Brennelemente sind in Aufruhr. Das "Untier" Natur macht ernst: Die Darsteller müssen live die Röcke raffen, während das Bühnen-Bassin Wasser lässt und das Nass nur so sprudelt. Die Erde verzeiht die ihr von unserer Gattung angetane Beleidigung nicht. Kassandra als "Nachsagerin": Jelinek gibt in ihrer realen Vernichtungs-Farce eine Verlustanzeige auf: Wo sind sie hin, die Stimmen, Töne, Klänge? Nur noch Weinen, Schluchzen, tierisches Brüllen und Winseln. Dante'sches Geheul. Oder Comic-Sprech (Peters synchronisiert eine "Atomi"-Marionette).

Menetekel an den Wänden

Manoury, der selbst als Vortragender zwischendrin aus dem Kunst-Stück aussteigt wie die Bundesregierung aus der Atomenergie und mit Jelineks Worten die Schichtungen der Wirklichkeit als "Palimpsest" deutet, überbietet die prozesshafte Form. Wohl hat er ein fertiges Werk komponiert; aber lässt auch "Module" von einer Maschine elektronisch in Echtzeit produzieren (den Vorgang versteht vermutlich nur, wer ein Physik-Studium absolviert hat). Die suggestive Partitur, die mit Doppelungen, Echos, Überlagerungen arbeitet, hat zumal in den Stimmsolo- und Violin-Passagen eine kantige, raue Schärfe.

Im (neuen, letzten) Trump-Teil menetekelt es über die Wände in Neonschrift, Farbspielen und mit bunten Toys und brennt in expressionistischer Popart den Erdball-aballa ab, bis uns Hören und Sehen vergeht.

Irgendwie dann doch auch eine Form der Energie- und Ressourcen-Verschwendung.

 

Kein Licht.
nach Elfriede Jelinek
Komposition: Philippe Manoury, Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüm: Marysol del Castillo, musikalische Leitung: Julien Leroy, Video: Claudia Lehmann, Computer / Elektronische Musik: ICRAM – Thomas Goepfer, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg.
Mit: Niels Bormann, Christina Daletska. Lionel Peintre, Caroline Peters, Sarah Sun, Olivia Vermeulen, der Hund Cheeky; Chor (Vokalquartett Croatian National Theater Zagreb) und Orchester (United Instruments of Lucilin).
Dauer: Zwei Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

"'Kein Licht' ist einer dieser faszinierenden, assoziationsreichen Theaterabende Nicolas Stemanns, der durch die Musik noch einige weitere Schichten enthält", sagt Stefan Keim im Deutschlandfunk Kultur Fazit (25.8.2017). "Wer nicht thinken will, kann fühlen. Oder hören oder grinsen. Ein großer Theater-Bauchladen kluger Gedanken und spontaner Empfindungen."

"Eine technisch ungemein aufwändige, ja monströse Jelinek-Show" hat Peter Jungblut für BR Klassik (26.8.2017) gesehen, "die so gescheit wie bildmächtig war. Wenn Denken so viel Spaß macht, dann bitte mehr davon!"

Philippe Manourys "düstere, auch hochgradig nervöse, spannungsgeladene" Musik schaffe das Gegengewicht zu Jelineks Spiel mit der Sprache, schreibt Ralf Döring in der Neuen Osnabrücker Zeitung (26.8.2017). "Und so fügt sich 'Kein Licht' zu einem intensiven, auch anstrengenden, (...) Abend voller Witz." Daran hätten auch Caroline Peters und Niels Bormann hohen Anteil, "weil sie Jelineks Texte griffig ausdeuten und sich immer wieder voller Witz direkt ans Publikum wenden".

Jan Brachmann schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.8.2017): Die Adaption durch Stemann und Manoury beraube den Text Jelineks seiner "dichterischen Qualitäten". Übrig bleibe "eine Comedyshow klimapolitischer Verzweiflung". An die Stelle der Verweise auf "eine verlorene Kultur des Dialogs mit der Natur" träten nun "Anspielungen auf die Tagespolitik" und den eigenen Kulturbetrieb. Der Witz bei Stemann entfalte in den meisten Fällen "kein Sinngefüge", sondern bestärke "das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Clique von Durchblickern und Bescheidwissern". In den übrigen Fällen begnüge er sich mit Reflexen auf Schlüsselreize. Der Gesang von Christina Daletska, Lionel Peintre und Sarah Sun werde, so schön er auch ist, "eher zum Dekor als zum Medium von Theater".

Egbert Tholl schreibt auf der Internet-Plattform der Süddeutschen Zeitung (27.8.2017): Die Inszenierung mit der Musik von Manoury sei "zunächst" in ihrer Gesamtform "sehr aufregend", weder "Oper im tradierten Sinn" noch "Musiktheater" noch "Schauspiel mit Musik". Es "ist alles gleichzeitig". Am besten stelle man sich das Ganze als vielgestaltigen, lebendigen Organismus" vor, der "Klänge produziert, die nie den Bereich des Nachvollziehbaren verlassen", in denen auch "ein wenig Romantik, einige echte Gesangslinien und viel Deklamation" Platz hätten. Doch fehle Jelineks Text "die Schärfe". Der neue Trump-Teil sei "praktisch gar nichts". Stemann rette sich ins Kabarett, wofür er mit Caroline Peters und Niels Bormann das perfekte Bühnenpersonal habe.

"Nicolas Stemann lässt ungeachtet von Jelineks pessimistischem Zorn mit Ironie und Persiflage keinen übergroßen Ernst aufkommen." Was ja im Sinne der Dichterin sei, "die insbesondere in der aktuell geschriebenen Suada über Donald Trump selbst ins enervierende Kalauern verfällt und kein Klischee über den Pannen-Präsidenten auslässt", schreibt Regine Müller in der taz (31.8.2017). Philippe Manourys Tonspur klinge "gemäßigt, singbar und nicht so komplex, wie sich ihr Entstehungsprozess im Beipackzettel liest". Insgesamt lasse "diese virtuose Apokalypsen-Farce" seltsam kalt, "und die Energie-Frage wendet sich gegen den Abend selbst: Was für eine Verschwendung?"