logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Verhasste Elite

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 2. November 2018. Er steht unter Druck, die rechte Hand zittert, die Finger tanzen, der starre Blick geht geradeaus. Dann schreit er los. Gegen die "Scheißpolitiker", die das Land verkaufen, gegen die "Systempresse", gegen die aus seiner Sicht korrupte Polizei. "Das geht nicht mehr lange gut, bald fliegt euch das um die Ohren", brüllt er.

Hier spricht der Wutbürger

Das ist sie, die Wut aus den Kommentarspalten, aus den sozialen Netzwerken, von den Plätzen, den Montagsdemos, aus den reichweitenstarken digitalen Gegenmedien. "Furor" haben Sarah Nemitz und Lütz Hübner ihr Stück genannt, das zeigen will, wie die Wutbürger ticken. Anselm Weber inszeniert es auf der großen Bühne des Frankfurter Schauspiels. Mit dem erfolgreichen Autorenduo ("Frau Müller muss weg", das bekannteste Stück von Hübner/Nemitz, haben in der Kinoverfilmung von Sönke Wortmann mehr als eine Million Zuschauer gesehen) hat der Frankfurter Intendant auch schon am Bochumer Schauspielhaus zusammengearbeitet, das er zuvor geleitet hat.

Furor2 560 Thomas Aurin uBürgermeisteranwärter Braubach unter Druck: Dietmar Bär und Fridolin Sandmeyer
© Thomas Aurin
 

Die Geschichte hat einen guten Spannungsbogen: Ein Politiker, der für das Bürgermeisteramt kandidieren will, hat einen Junkie mit dem Auto angefahren. Schuld trifft ihn keine, das haben die Ermittlungen ergeben, der Junge ist ihm in den Wagen gerannt. Trotzdem will der Politiker helfen. Er besucht die Mutter des Unfallopfers, die als Selbstständige schwer in der Altenpflege schuftet. Er will sich um einen Ausbildungsplatz für ihren Sohn kümmern, will einspringen bei den Behandlungskosten. In ihrer Wohnung trifft er auch auf Jerome, den Neffen des Opfers, dem das alles viel zu wenig ist.

Jerome zwingt Heiko Braubach, so heißt der Bürgermeisterkandidat, in eine "Verhandlung", greift ihn an, bedroht ihn mit einem Messer, zeichnet heimlich das Gespräch auf, um es später "im Netz" gegen den Lokalpolitiker verwenden zu können. Der Wutbürger voller Abscheu gegen "das System" sieht endlich seine Stunde gekommen, um es der verhassten Elite heimzuzahlen. Die Situation in der Kleinbürgerwohnung – ein Kasten mit Teppich, Sofa, Couchtisch, Stuhl, eingeschnitten in eine die Bühnenbreite und Höhe füllende Ansicht eines Wohnblocks – eskaliert schnell.

"Der ganze Scheiß muss weg"

Was die Autoren mit diesem Jerome – zackig, voller Energie von Fridolin Sandmeyer gespielt – so treffend beschreiben, ist der Vernichtungswille, die Freude am Spiel mit dem Feuer, die ihn und seine Gleichgesinnten, angestiftet von den Kubitscheks und Bachmanns, den Sellners, Höckes und Gaulands, gepackt hat. "Sie und Ihre Leute begreifen nicht, dass Zerstörung ein schlagkräftiges politisches Konzept ist. Der ganze Scheiß muss weg", wendet sich Jerome an Heiko Braubach – und spiegelt so den neurechten Wunsch nach einer Katharsis, die "das System" mit in den Abgrund reißt.

Furor3 560 Thomas Aurin uOhne Sprache für den Dialog mit den Abgehängten: Dietmar Bär und Katharina Linder
© Thomas Aurin

Er steht aber auch für das bedrückende Gefühl, abgehängt zu sein. Nemitz und Hübner haben den Jerome zu einem Paketauslieferer gemacht. Fünf Euro verdient er pro Stunde, sein Arbeitgeber ist ein Subunternehmer, das drückt den Verdienst unter den Mindestlohn. Für viele aus dem Prekariat ist die AfD in den vergangen Jahren attraktiv geworden, an die alten sozialdemokratischen Rezepte glauben dagegen immer weniger Menschen. In seinem erfolgreichen Buch "Rückkehr nach Reims" hat der französische Soziologe Didier Eribon beschrieben, wie die frühere Arbeiterschicht sich mehr und mehr in die Hände des Front National begeben hat – damit dürfte er Hübner und Nemitz nicht unwesentlich inspiriert haben. Ein Auszug aus dem Buch findet sich dann auch im Programmheft.

Keine Sieger

"Furor" erzählt aber auch davon, wie Politiker daran scheitern, eine Sprache finden, um mit den Enttäuschten wieder in einen Dialog zu gelangen. Dem Ministerialdirigenten und Bürgermeisteranwärter Braubach hat das Autoren-Duo eine ganze Menge an Floskeln, Beschwichtigungen und Selbstgefälliges in den Text geschrieben. Dietmar Bär, der im Kölner "Tatort" den gemütlichen Ermittler Freddy Schenk gibt, spielt ihn als Mischung aus Technokrat und Coach. Im Gespräch mit der Mutter des Unfallopfers greift er oft zu den falschen Worten. Und wenn er über die Bühne läuft, wiegt er den Körper hin und her oder faltet die Hände – was wohl beruhigend wirken soll, sein Ziel aber nicht erreicht. Katharina Linder bleibt in der Rolle der verzweifelten Mutter beinahe durchgehend ein Nervenbündel.

Gut wird in "Furor" nichts, aus dem Zweikampf zwischen Politiker und Wutbürger geht kein Sieger hervor, eine Annäherung gibt es nicht. Das Stück bietet keine Antwort darauf, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt wieder verbessern könnte oder wie die Lust an der puren Zerstörung zu stoppen wäre. Viel eher beschreibt es die Lage als festgefahren, macht es deutlich, dass sich die Wutbürger längst in ihrer eigenen Parallelwelt eingerichtet haben. In einem Interview befragt, wie sich die Situation seit der Fertigstellung der ersten Stückfassung im Dezember 2017 verändert hat, antwortete Lutz Hübner: "Seitdem ist es schlimmer geworden."

 

Furor
von Lutz Hübner und Sarah Nemitz
Uraufführung
Regie: Anselm Weber, Bühne: Lydia Merkel, Kostüme: Irina Bartels, Musik: Thomas Osterhoff, Kampfchoreografie: René Lay, Dramaturgie: Ursula Thinnes.
Mit: Dietmar Bär, Katharina Linder, Fridolin Sandmeyer.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Kann man nicht nur über, sondern vielleicht auch mit den "Ab­ge­häng­ten" der Ge­sell­schaft spre­chen? Dass die­se sim­ple Fra­ge so sim­pel nicht zu be­ant­wor­ten ist, mache die "Furor"-Ur­auf­füh­rung in­ter­es­sant, so Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.11.2018). An­selm We­bers In­sze­nie­rung kon­zen­triere sich "ganz auf den Text und die Fi­gu­ren­zeich­nung, oh­ne Par­tei zu er­grei­fen". Das gehe im Fall von Ka­tha­ri­na Lin­der und Fri­do­lin Sand­mey­er gut. Diet­mar Bär aber bleibe auch als Po­li­ti­ker Brau­bach "der gut­mü­tig-bär­bei­ßi­ge Fern­seh­kom­mis­sar Fred­dy Schenk, den er seit mehr als zwan­zig Jah­ren im 'Tat­ort' ver­kör­pert".

Das Stück wirke "unerhört holzschnittartig", schreibt Stefan Michalzik in der Offenbach Post (5.11.2018). "Viel Furor um nichts." Hübner habe die Schlagworte der gegenwärtigen gesellschaftlichen Kampfdebatte sorgfältig untergebracht, bilde aber nur ab, tiefer, etwa mit Blick darauf, weshalb man in dubiose Bahnen gerät, gründet er nicht. "Anselm Weber bringt diesen Text, der so packend sein will, aber nichts zu bieten hat, auf die Schauspieler zentriert über die Runden. Retten kann er ihn nicht."

"Die Aufführung ist ein differenzierter Problemaufriss – und ein Debattierangebot für die Frankfurter Stadtgesellschaft", findet hingegen Christian Gampert auf Deutschlandfunk Kultur (2.11.2018). Das Stück sei ganz konventionelles, biederes Sprechtheater ohne postmodernen Firlefanz. Aber diese Ernsthaftigkeit funktioniere auf der großen Bühne erstaunlich gut. Weber inszeniere das als "ein politisches Kammerspiel".

"Mit feiner Beobachtungsgabe skizziert das Autorenpaar die Politikverdrossenheit und Radikalisierung in Deutschland", schreibt Marion Schwarzmann in der Frankfurter Neuen Presse (5.11.2018). Am Ende aber löse sich alles irgendwie in Wohlgefallen auf. "Die Explosionskraft des Stoffes verpufft, die Ratlosigkeit bleibt. Dabei vertraut Regisseur Weber ganz und gar der Wirkung des Textes – und es ist den überaus präsenten Darstellern zu verdanken, dass einiges nicht doch zu sehr nach Papier klingt."