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Lustvolle Verwirrungen

von Michael Bartsch

Dresden, 24. November 2018. Die Adventszeit naht, die Zeit der leichteren Stoffe und Zugriffe bricht an. Auch am Dresdner Staatsschauspiel. Dort sorgt Friederike Hellers Winternachtstraum für gehobene Unterhaltung. Barocke Unterhaltung, wenn man so will, intelligenter Klamauk, voll ausgereizte Komödie. Das war nach Lektüre des Programmheftbeitrags der verantwortlichen Dramaturgin Katrin Schmitz nicht unbedingt zu erwarten. Sie verweist auf die "düstere Schicht" hinter dem niedlichen romantischen Zauber, auf Zwangsheiraten wie die zwischen Theseus und der Kriegsbeute Hippolyta, auf dominant männliche Stereotype.

Konnte ja sein, dass Regisseurin Friederike Heller den Shakespeare-Stoff in diesem Sinne bricht, so frech, wie der hartnäckige Dresdner Theatergänger sie noch aus ihren ersten Arbeiten am experimentellen "Theater in der Fabrik" Anfang der Nullerjahre kennt. Aber Hellers Interpretation bleibt insgesamt federleicht und gut verdaulich.

Sommernachtstraum1 560 Sebastian Hoppe uYassin Trabelsi erheitert das Publikum als Puck © Sebastian Hoppe

Schon wenn Yassin Trabelsi als Philostrat beim Exposé vor dem Eisernen Vorhang steif den Ansager für die ersten Athener Theatertage mimt, geht das Publikum spontan mit. Szenenbeifall bereits in den ersten Minuten. Chaplinesk, wie er auftritt, später als Puck wie ein zu jedem Schabernack aufgelegter Mephisto mit zwei Hörnchen, avanciert er zu einem der beiden Publikumslieblinge. Der andere ist Viktor Tremmel als Zettel, den man so komödiantisch in Dresden noch nicht gesehen hat. Seine Auftritte geraten zur One-Man-Show, der Laienspieler einer Handwerkertruppe übertrifft an Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, aber auch an Talent jeden Profi. Wenn er dann nur noch mit einem Lendenschurz und zwei Ohren bekleidet die von Titania zu erblickenden Eselsgestalt annimmt, ist das wirklich zum Schenkelklopfen.

Varieté statt Wald

Einer der wirklichen Kunstgriffe der Regie besteht darin, Helena von einem Mann spielen zu lassen. Simon Werdelis gibt Helenas aussichtslose Liebe zu Demetrios so einen homoerotischen Dreh. Umgekehrt beim Happy End auch, wenn Demetrios plötzlich Helenas Kleidchen trägt. Zuvor aber kippt die Inszenierung gegen Ende der Irrungen und Irreführungen im Wald mit Helena tatsächlich ins Betroffene. Sie ist die Verschmähte, Verletzte, ja Benutzte und fordert plötzlich ihre Würde ein. Hier lacht niemand.

Der Wald ist übrigens kein Zauberwald wie in manchen naturalistischen Inszenierungen, sondern eine opulente Varietébühne in penetrant rotem Plüsch. Der Festungsturm, der hereingeschoben wird, wirkt darin gewöhnungsbedürftig. Sehr plastisch kann der Zuschauer sonst die verwirrenden Ebenen des Theseus-Palastes, des fantastischen Elfenreiches und der Handwerkerbühne auseinanderhalten und zugleich ihre Durchdringung nachverfolgen. Logisch auch die Analogien, dass die Paare Theseus und Hippolyta sowie Oberon und Titania von den selben Darstellern gespielt werden. Anja Lais setzt dabei Dominanten, ist geradezu eine Königin der Nacht. Matthias Reichwald, der als Herrscher nicht komisch sein darf, besticht auch mit Fähigkeiten am Klavier.

Sommernachtstraum2 560 Sebastian Hoppe uMit Spaß an der Freude dabei: Fanny Staffa, Loris Kubeng, Viktor Tremmel, Hans-Werner Leupelt © Sebastian Hoppe

Er musiziert mit Peter Thiessen zusammen, den Friederike Heller zum wiederholten Male mit der musikalischen Ausgestaltung betraut hat. Der Bassist der Hamburger Band "Kante" steuert nicht eben Originelles an Songs und Szenenmusik bei. Sehr konventionell, sehr durchschaubar wirken die aufgelösten Akkorde, und gelegentlich verspürt man Sehnsucht nach Mendelssohns Bühnenmusik, von der natürlich nur der Hochzeitsmarsch blieb. Immerhin inspiriert Thiessen alle zwölf Ensemblemitglieder zu beachtlichen sängerischen Leistungen, solo oder im Chor.

An diesen Ausflügen Richtung Musical gibt es nichts zu meckern. Das Übersetzer- und Autorentrio trifft hier auch textlich Stimmungen. Sonst aber wird vieles eher parodistisch auf Verse à la "Jeder Hengst kriegt seine Stute – alles Gute" zurechtgeknittelt, und man kann bei allem Sprachwitz ein gewisses Unbehagen nicht unterdrücken. Die Anspielungen auf Goethes Faust entschädigen dann wieder, etwa wenn Puck der Geist ist, der "stets nihiliert".

Komödiantisches Feuerwerk

Text und Regie wirken im ersten Teil auf dem Proszenium noch sehr pointiert und konzentriert. Bald schrammt dann aber manches im Märchenwald knapp am Kitsch vorbei. Hübsch gelingen die Ausflüge ins Pseudo-Probenhafte, wenn etwa der Inspizient Demetrius noch einmal hereinschicken soll, Thisbe fragt, ob sie jetzt Text habe und der Souffleuse ein Schluck Sekt angeboten wird. Köstlich und bis in die Nuancen ausgespielt auch das verlegen-affektierte Finale der Handwerkertruppe. Der Jux entbehrt indessen nicht des Tiefgangs. Hermias Satz "Dass wahre Liebe immer Leid ist, scheint ein Naturgesetz zu sein" klingt wie ein Leitfaden. Und zeigt Wirkung zumindest "bei allen, die noch auf Romantik setzen".

Ein Sommernachtstraum
nach William Shakespeare
Deutsch von Jürgen Gosch, Angela Schanelec und Wolfgang Wiens
Regie: Friederike Heller, Bühne und Kostüme Sabine Kohlstedt, Musik Peter Thiessen, Dramaturgie: Katrin Schmitz.
Mit: Matthias Reichwald, Anja Laïs, Yassin Trabelsi, Deleila Piasko, Simon Werdelis, Philipp Grimm, Daniel Séjourné, Fanny Staffa, Viktor Tremmel, Loris Kubeng, Hans-Werner Leupelt, Peter Thiessen.
Premiere am 24. November 2018
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

"Friederike Heller bietet Theater als Traumfabrik, in einer Art Musical mit mancherlei Anspielungen an Hollywood, Theater im Theater doppelt und dreifach verstrickt und wohl absichtsvoll unentwirrbar", schreibt Tomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten und fand's insgesamt einen "eher unterhaltsam persiflierenden als tiefschürfenden Abend".

"Witzige, köstlich ausgespielte Momente wechseln mit langatmigen, läppischen Szenen", schreibt Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (26.11.2018). Die Inszenierung verzettele sich, und das Ensemble agiere "ausgesprochen durchwachsen". "Wenig Sprechkultur, viel Nuscheln, kaum Wandelbarkeit".