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Oh, erhabenes Zelluloid!

von Janis El-Bira

Berlin, 12. Juni 2019. Ein Kuss unter Teenager-Jungs und ein Kugelhagel umklammern diesen Abend. Der Kuss wird gespielt, die Schüsse kommen vom Band. Beide jedoch stammen aus einem anderen Kunstwerk, einem anderen Medium. "This is from Gus Van Sant's 'Elephant' – a film about teenage mass shootings in America", heißt es am Anfang und am Ende. Zu sehen ist von diesem "mass shooting" nichts, bloß zu hören. Und vom Rest von "Elephant" bleibt nur dieser wimpernzarte, sekundenkurze Kuss auf die Wange.

Aus Film wird Theater

Darum also geht es in "Rolling", der neuen Arbeit des belgischen Choreographie-Minimalisten Michael Laub und seinen Remote Control Productions: Den Medientransfer vom Film zum Theater und die dabei in den Filtern hängenbleibenden Spaltprodukte. Hunderte Filmschnipsel sieht man an diesem Abend, jedoch alle theatralisiert. Die im Hintergrund verheißungsvoll aufgespannte Leinwand bleibt fast immer leer, nur Übertitel verraten gelegentlich, was wir sehen. Laub und sein Ensemble ertasten sich die Essenzen und das Unübersetzbare des Films.

rolling 560 Dorothea Tuch u© Dorothea Tuch

Der Performer Maxwell Cosmo Cramer leitet in seinem langen Eröffnungsmonolog den Reigen dieser Vignetten ein; er streicht sich als Leonardo DiCaprio in "Romeo und Julia" ephebenhaft das Haar hinters Ohr, lässt den linken Arm als Andeutung der Tanzszene aus Godards "Außenseiterbande" wie ein Gummiband vor dem Körper schnalzen, schaut als Kristen Stewart in "Personal Shopper" auf sein Handy und steht als römischer Soldat in "Ben Hur" speerbewehrt in der Gegend rum. Später treten auch Cramers Ensemble-Kollegen hinzu. Mehr Menschen, mehr Filme, nun teils doppelt und dreifach neben- und übereinander gelegt.

Selbst in "Schlaflos in Seattle" wohnt ein Götterfunke

In den schönsten Momenten von „Rolling“ scheint es fast, als reduzierten sich die Filme selbst bereitwillig auf ihr Wiedererkennbarstes. Als wohnte sogar in "Schlaflos in Seattle" noch irgendwo ein Götterfunke, der auf alle Zeit die Signatur genau dieses einen Films ausmachen wird. Wenn jene Zauberpunkte vom Ensemble in den zahllosen Mikroszenen getroffen werden, leuchtet für einen flüchtigen Augenblick die ganze Bildlandschaft des jeweiligen Films vor dem inneren Auge auf. So zerrt die Performerin Melissa Holley aus ihrem hintersten Rachenraum ein eisgekühltes "I hope you die!" hervor und wir sehen: Bette Davis in "Little Foxes". Der Tänzer Challenge Gumbodete steht vorne an der Rampe, die Leinwand hinter ihm hüllt sich in kanariengelbes Licht und sofort wähnt man sich in Fassbinders "Querelle". Eine Geisterhand scheint da am Werk und ihre Arbeit gilt der Struktur des Begreifens selbst. Es sind Winzigkeiten, die uns verstehen lassen.

rolling 560 Monika Rittershaus u© Monika Rittershaus

Nicht alles gelingt freilich auf diesem Niveau. Einige weniger reduzierte Szenen in der zweiten Hälfte gefallen sich selbst allzu gut in ihren mikroskopisch feinen Mimikry-Studien zu Spielhaltungen und Eigenheiten der Stars; mitunter fransen die Ensemble-Choreographien arg aus und machen den Abend vielleicht um zwanzig Minuten zu lang. Faszinierend bleibt "Rolling" als Versuch theatraler Appropriation Art aber auch dort noch, wo das Ensemble ausgedehntere Filmszenen wie bei einem Vorsprechen angeht. Weil Film und Theater hier nicht verschmelzen, sondern sich als im Grunde völlig Wesensfremde begegnen.

Auf den Film schauen die Performer in "Rolling" jedenfalls wie man auf antike Statuen schaut: Perfekt, schön, fertig und tot. Im Nachspielen erst beginnt die Suche nach ihrem Konstruktionsprinzip, begibt man sich auf die Spur der Steine. Und weil dort immer ein Rest bleibt, ein paar Spielerinnen-Arme und -Beine einfach nicht ganz so vollelastisch schlenkern wollen wie jene von Hannah Schygulla in "Rio das Mortes", ist das forschende Spielen in "Rolling" auch eine Hommage der Theatermenschen an die Leinwandgötter. Aber hier unten, weiß man, ist es ja eh viel lustiger.

 

Rolling
von Michael Laub / Remote Control Productions
Konzept & Regie: Michael Laub, Choreografie: Michael Laub und Kompanie, Video & Technische Leitung: Bodo Gottschalk, Licht: Nigel Edwards, Sound Design: Michael Laub, Tontechnik: Toni Bräutigam, Florian Fischer, Kostüme: Maria Roers, Mareile Krettek und Kompanie, Regieassistenz: Declan Rooney, Garderobiere, Schneiderin: Fabienne-Michelle Grassl, Make-up: Tilo Nethe, Bühnenelemente: Michael Laub, Jean Baptiste Trystram, Produktionsleitung: Miriam Schmidtke, Produktionsassistenz & Übertitel: Ayako Toyama, Künstlerische & Projekt-Beratung: Michael Stolhofer, Projektberatung: Heike Albrecht, Ausführende Produzentin: Coralie Morillon, Management Remote Control Productions: Claudine Profitlich.
Mit: Maxwell Cosmo Cramer, Lukas Gander, Tian Gao, Challenge Gumbodete, Melissa Holley, Florian Lenz, Gabrielle Miller, Melissa Anna Schmidt, Isabel Wamig, Greg Zuccolo.
Premiere am 12. Juni 2019
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

"Auf Sex und Gewalt konzentriert sich Laub, dazwischen gibt es kleine, nicht wirklich mitreißende Musical-Einlagen", schreibt Sandra Luzina im Tagesspiegel (15.6.2019). "Die Filme wurden willkürlich ausgewählt. Ob nun Hollywood-Blockbuster, Arthousekino, Autorenfilm oder Heimatschnulze – alle Filme scheinen hier gleichwertig." Doch die Collage habe nichts Erhellendes. "Die Aneignung von Filmwerken hat etwas Vampiristisches, doch zu einer eigenen theatralen Sprache findet 'Rolling' nicht. Das Pulverisieren der Filmgeschichte in winzige Partikel ist doch sehr fad und banal."

Es wird "ge­tanzt und ge­steppt wird wie im Mu­si­cal, ge­spielt wie am Burg­thea­ter, ge­sun­gen wie an der Met", und das sei "ein Glück für das Pu­bli­kum, das sich so ge­fahr­los wie hem­mungs­los in je­den der zehn denk­wür­di­gen Dar­stel­ler ver­lie­ben kann, für die Dau­er der Vor­stel­lung", schreibt Wiebke Hüster in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.6.2019). "Es ist al­les an­de­re als pri­vat, die­ses hier nach­ge­spiel­te, auf­ge­ru­fe­ne, gro­ße Ar­chiv des Hau­en und Ste­chens, des Lü­gens und Be­trü­gens. Es ist das kol­lek­ti­ve kul­tu­rel­le Ge­dächt­nis, in dem die­se zwei­hun­dert Fil­me her­um­geis­tern, aus de­nen hier so char­mant und wit­zig zi­tiert wird, dass man zwei Stun­den lang aus dem La­chen nicht her­aus­kommt." Laubs Stü­cke ver­mit­telten stets das Ge­fühl, "ab­so­lut ver­we­ge­nes Tanz­thea­ter zu se­hen, das es so nir­gends sonst gibt, aber das un­be­dingt er­fun­den wer­den muss­te, so dun­kel, so wahr ist es", so Hüster. "Sie füh­ren ein Le­xi­kon un­se­rer kul­tur­ge­schicht­li­chen ex­pres­si­ven Er­run­gen­schaf­ten auf."