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Die schweigende Mehrheit

von Jens Fischer

Bremen, 14. Juni 2019. Aus einer rassistischen Überzeugung heraus mehr als zehn Jahre unbehelligt Überfälle, Sprengstoffanschläge, Morde begehen. Wie ist das möglich in einem Rechtsstaat? Aus welchem fruchtbaren Schoß krochen die Täter des NSU? Wer machte wie, warum mit, und was hat das mit uns zu tun, die wir lauthals anders denken? Der NSU-Terror lässt das Theater Bremen nicht los. Nurkan Erpulat brachte mit der Dramatisierung des Fatih-Akin-Films "Aus dem Nichts" dem Publikum Selbstjustiz gegen Neonazis wie Beate Zschäpe nahe. Das hat nach ihrem (immer noch nicht rechtskräftigen) Lebenslang-Urteil keinen Deut an Brisanz verloren. Die Verteidigung kündigte Revision an – und gerade gestern publizierte das Hamburger Abendblatt: "Nicht zu fassen – 500 gesuchte Rechtsextreme auf freiem Fuß".

Fünf Endzeitpartypropheten

Der Regisseur Marco Štorman setzt zur Analyse auf den Elfriede Jelineks Wutgesang zum NSU-Prozess: "Das schweigende Mädchen". Und beginnt damit, womit Erpulat aufgehört hat: dem endlosen Schreddern von Papieren auf der Bühne. Als Verweis, wie der Verfassungsschutz mit NSU-Beweismitteln umging. Nun flimmert das Zerkleinern als Live-Stream über Leinwände, die eine karg schwarze, von drei Tribünen umstellte Spielfläche erweitern, die wohl am Ufer des Styx liegt. Ein Keyboarder putscht die Szenerie mit Dark-Wave-Geklimper und gesummter Wehmut schwerst melancholisch auf. Fünf schäbig schrille Endzeitpartytypen schlüpfen in die von Jelinek in der Fließtextfläche angedeuteten Sprecherpositionen – etwa Engel, Richter, Propheten – und nehmen zudem Haltungen der Figuren aus den zitierten Prozessprotokollen, journalistischen Berichten und aufgeschnappten O-Tönen ein. Ebenso das Jelinek-Ich. Ignorieren dabei aber das Musikalische, die sprachspielerische Eleganz und nicht verzweifeln wollende moralische Empörung wie auch die assoziative Dynamik des offen diskursiven Gedankenstromes. Reichen die Sätze untereinander nur flott weiter, so dass die hinter-, scharf- und kalauersinnigen Zusammenhänge verlorengehen.

Mädchen05 560 Matthieu Svetchine Nadine Geyersbach Irene Kleinschmidt Siegfried WIm Dunkeln tappend: Matthieu Svetchine, Nadine Geyersbach, Irene Kleinschmidt, Siegfried W. Maschek © Jörg Landsberg

Sie schlagen also erstmal keine dramaturgisch klare Schneise durch all die widersprechenden Positionen und Perspektiven im wortrauschhaften Bedeutungsdschungel, sondern verirren sich immer wieder energiegeladen im Konvolut des abschweifenden Drauflosdenkens. Konfettiregen, Erlösung. Das Ensemble besteigt ein Floß ins Jenseits zu einer Art Jüngstem Gericht und suhlt sich in den biblischen Anspielungen der Autorin – etwa von Zschäpe als Jungfrau Maria, die mit ihren beiden Uwes (Mundlos und Böhnhardt) Schöpfer des Todes gebärt.

Das Unbewusste der deutschen Seele

Peu à peu entwickelt Štorman seine Setzung. Es gilt, nicht knallhart gegen die Täter, nicht betroffenheitskitschig für die Opfer Partei zu ergreifen, sondern den gesellschaftlichen Hallraum zu fokussieren – eine auf dem rechten Augen sehbehinderte Staatsgewalt, von Vorurteilen geleitete Medien sowie all die Ressentiments und populistischen Kurzschlüsse der Bürger. Also das Ermöglichen des Terrors durch Wegschauen und klammheimliches Zustimmen. Aus einer Angeklagten werden so viele auch Verantwortliche. Štorman arbeitet hierzu Jelineks Abrechnungssätze mit Deutschland, der Nazi-Vergangenheit und Nationaltümelei geradezu thesenhaft heraus. Und spitzt weiter zu. Scheint der Ankündigung zur Münchner Uraufführung des Werks nachkommen zu wollen, nicht sozial und psychisch Verstörte auf die Anklagebank zu setzen, sondern ihre Wurzeln im "Unbewussten der deutschen Seele" auszugraben. In der Vorlage werden die Verweise darauf konterkariert, ironisiert, jedenfalls nie weiter ausgeführt. Štorman hingegen wird überdeutlich.

Mädchen01 560 Irene Kleinschmidt Siegfried WIrene Kleinschmidt, Siegfried W. Maschek, Stephanie Schadeweg, Karin Enzler © Jörg Landsberg

Wenn der Richter (Siegfried W. Maschek) die schweigende Zschäpe anspricht, richtet er das Wort an einen beliebigen Zuschauer und fährt ihm so über den Mund, dass er gar nicht anders als wortlos bleiben kann. Später werden Mundlos- und Böhnhardt-Masken verteilt, die sich das Publikum vors Gesicht halten soll. Ja, sind wir denn alle NSU? Die schweigende Mehrheit, die Aufklärung gar nicht wünscht? Im Gegensatz zu diesen recht plumpen szenischen Behauptungen findet Štorman in seiner zunehmend lässig wuchernden Happening-Ästhetik für die Folgen des Schweigens ein kraftvolles Bild. In der Videozuspielung ist die Bastelei eines Hakenkreuzes zu sehen, während von der Decke baumelnde Metallteile zum Wohnmobil, in dem sich die NSU-Männer selbst töteten, montiert werden. Aber nur als Karosserieskelett. Mehr Rekonstruktion der Wahrheit haben die jahrelangen Ermittlungen und der Prozess nicht erbracht. Erbringen können, sollen?

Ein fatalistischer Gott

Jedenfalls scheint diesbezüglich selbst Gott (Matthieu Svetchine) resigniert zu haben. Der nun in Buddhagestalt von seiner stummen Fertigung urdeutschen Kartoffelsalats erwacht und mümmelig losmonologisiert: Nicht Staat und Verfassungsschutz, alle seien schuld an diesen xenophoben Gewaltexzessen. Zwecks fatalistischer Ohnmacht wendet sich die finale Prozession des Ensembles ans Publikum: "Begeht ihr etwa immer noch die gleichen Fehler? Nach der Vereinigung fängt es für euch erst an? Mord kommt von Mord, einer nach dem anderen, das endet in diesem Land nie." Alles klar, nur wirklich zum Sprechen ist "Das schweigende Mädchen" mit dieser Binsenweisheit nicht zu bringen.

Das schweigende Mädchen
von Elfriede Jelinek
Regie: Marco Štorman, Bühne: Jil Bertermann, Kostüme: Ellen Hofmann, Musik: Thomas Seher, Video: Cantufan Klose, Lio Klose, Licht: Christian Kemmetmüller, Dramaturgie: Regula Schröter.
Mit: Karin Enzler, Nadine Geyersbach, Irene Kleinschmidt, Stephanie Schadeweg, Siegfried W. Maschek, Matthieu Svetchine, Cantufan Klose, Lio Klose.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

"Durchaus geistreich und schlüssig ins Bild gesetzt, aber durch den Dauerbeschuss mit Regie-Einfällen kaum prompt zu verarbeiten", schreibt Hendrik Werner im Weser-Kurier (17.5.2019). "Die auf Überladung setzende Inszenierung bringt sich bisweilen um Nachhaltigkeit und Nahbarkeit, indem sie mit Simultanverrichtungen und Überschreibungen arbeitet, die zu Verwischungen führen. (...) Gewiss: Derlei ist planvoll arrangiert, um Desinformationsexzesse und sonstige Irreführungen der Behörden zu markieren, die den NSU-Komplex auszeichnen. Und doch: Der Eindruck der Zerfaserung, der sich wegen des Ballungsfurors sporadisch einstellt, ist insofern bedauerlich, als der programmatische Überforderungsanspruch, durch den Štormans Inszenierung die Schikanen von Jelineks Textungetüm potenziert, zulasten der emotionalen Wirkung geht."

"Nachdem ich den feinsinnigen, aber eigentlich nicht bühnengeeigneten Text der Vorlage gelesen hatte, habe ich gestaunt, dass man daraus so lebendiges Theater machen kann", gibt Christine Gorny auf Radio Bremen (15.6.2019) zu Protokoll. "Die Figuren verwandeln die endlosen Monologe in Interaktion und verhindern durch ironische Kommentare ein übergroßes Pathos." Die "starken analytischen Wortspiele" von Elfriede Jelinek würden durchgängig mit ganz viel Spielfreude kombiniert. "Also wer Anstöße sucht und wen Anstößiges nicht abschreckt, der ist hier genau richtig."

"Das Tolle an Elfriede Jelinek: Was bei vielen anderen scheitern würde im Text-Bergwerk, gerinnt ihr, mal wieder, zur praktischen Theorie von künstlerischer Gegenwartsdiagnostik. Das Tolle an Stormans In-den-Raum-Übersetzung: Er setzt noch einen drauf", schreibt ein begeisterter Tim Schomacker in der Kreiszeitung (16.6.2019). "Melde sich, wer nach diesen sogartigen knapp zwei Stunden den NSU und die Gesellschaft, in der er entstand, präziser verstanden hat! Nein. Genau darum geht es nicht." Es gehe um den blinden Fleck selbst. "Um die Gesellschaft, die Entstehensbedingung und Zuschauerin zugleich ist. Es geht um eine kritische Unfähigkeit."