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Ich schau dir in die Scheinwerfer

von Valeria Heintges

Zürich, 12. März 2020. Es beginnt so schön. Da stehen sie, drei Herren der Schöpfung, ein jedes der Kostüme von Magdalena Schön und Helena Stein eine Augenweide. Kay Kysela zum Beispiel trägt einen rosa-gelb-hellgrün-lila rhombierten Pullover unter einem rosa-hellblau-lilanen, grob gewirkten Anzug mit goldener Bordüre. Auf seinem Kopf thront eine hell-lila-gelockte Perücke mit schräg nach oben gedrehtem Dutt. An Lukas Vögler fallen zuerst die pinken Stiefel mit den orangen Federchen am Schaft auf, dann natürlich sofort die kurzen, hellrosa Hosen aus grobem Stoff und das gelbe, massive Oberteil.

Zaubern gegen die Langeweile

So ausstaffiert stehen sie da neben ihrem Musiker Johannes Riedel und schauen ins Publikum. Sie stehen ganz still. Lang. Und länger. Und noch länger. Sie schauen sehr schüchtern, sehr naiv, sehr verwundert. Bewegen sich dann hinter eines der sechs großen Gehirne aus Gazestoff, die von der Decke hängen in der Zürcher Schiffbau-Box. Und geben kindliche Zauberstückchen zum Besten, lassen Zeigefinger verschwinden, werfen sie an die Wand und lassen sie zurückspringen.

LeonceundLeonce2 560 James Bantone uDaniel Lommatzsch, Lukas Vögler, Kay Kysela in den Kostümen von Magdalena Schön und Helena Stein © James Bantone

Das ist erst lustig, dann wiederholt es sich sehr. Und dann wird es langweilig. Es wird auch ihnen langweilig. Langeweile und Überdruss sind das grosse Thema dieses Abends, damit ganz bei Büchners "Leonce und Lena", dessen hoheitliche Hauptfiguren ja auch vergehen vor Langeweile, Lebensüberdruss und Selbstekel. Auch sie stecken, so sagt es Regisseurin Leonie Böhm, tief in einer Depression.

Aus Büchners Klassiker destilliert die Regisseurin mit "Leonce und Leonce", ihrer ersten für Zürich enstandenen Arbeit, diesen Ekel vor dem Leben. Sie nimmt ihn zum Ausgangspunkt, um in neun Szenen den Weg von einer Depression zu einer möglichen Heilung zu beschreiben. Ein paar wenige Sätze hier und da – viel mehr ist von Büchner allerdings nicht geblieben. Auch Lena, die Hofgesellschaft und die verrückte Liebesgeschichte sind verschwunden, dafür wurde Leonces Rolle auf vier Schauspieler und einen Musiker aufgeteilt. Eine spannende Idee, mag man meinen, zumal sie noch als Blick in den Spiegel angekündigt wird, in dem sich Leonce selbst begegnet.

Der heilsame Blick eines Autos

Doch spiegelt sich Leonce eigentlich viermal. Kay Kysela gibt die gängige Variante des jungen Menschen, der sich vor dem vorgespurten Leben zum erfolgreichen Familienvater oder Hundebesitzer graust. "Ich trainiere vier- bis fünfmal die Woche, um diese Leere auszufüllen", sagt Kay-Kysela-Leonce, berichtet von seinem Sex- und Partyprogramm und seiner veganen Ernährung und geht schliesslich dazu über, die Familienväter im Publikum als "raffinierte Selbstbetrüger" zu beschimpfen, die sich einen Frack anzögen, um sich wichtig zu fühlen. Später fahren Daniel Lommatzsch und Vincent Basse herein, auf einem riesigen Truck aus Sperrholzplatten stehend. Lommatzsch singt dabei "It’s a beautiful life" und gibt die extrovertierte Spielart des Depressiven, der seinen Lebensekel mit Aktionismus zu ertränken sucht und dafür Fernreise an Fernreise reiht. Er äußert seinen Frust laut, doch auch ihm spricht das mangelnde Selbstbewusstsein aus jeder Pore. Er wird geheilt, als ihn das riesige Auto anspricht, mit den Scheinwerfern blinkt und zu einem Trip durch die Nacht animiert.

LeonceundLeonce9 560 James Bantone uGehirnlandschaft von Sören Gerhardt © James Bantone

Vincent Basse, mit langem Hemd, langem Haar im Mädchenschnitt und blau geschminkten Augen, paart seinen Selbstekel mit der Sehnsucht, in den Leib der Mutter zurückzukehren, und dem Wunsch, ein neues Gehirn zu bekommen. Auftritt Gott, den Musiker Johannes Rieder als vollvertrottelten, von Zuckungen geplagten Halbdebilen spielt. Man mag die Slapsticknummer witzig finden; aber sie reiht sich ein in die Reihe pseudokomischer, oberflächlicher Szenen, die viel mehr Intelligenz behaupten als besitzen. Am Ende wird Kay Kysela dann noch in ein Zwiebelkostüm gesteckt, womit die Pflanze endlich einmal einen Kern besitzt. Vorher darf er noch lernen, dass er nicht das Wort "müssen", sondern das Wort "erleben" anbeten soll.

Damit ist die Inszenierung dann endgültig im billigen Coachingseminar angekommen. Zudem: Wer sowas predigt, an dem scheinen die negativen Seiten der Eventkultur komplett vorbeigegangen zu sein. Aber das ist, nach so viel Banalitäten, dann auch schon fast egal. Denn längst hat sich gezeigt, dass auch vier gute Akteure und ein Musiker trotz viel Elan nur oberflächlich darüber hinwegtäuschen können, dass Böhm und ihre Dramaturgin Laura Paetau an die Stelle der Büchnerschen Wortspiele und seiner bissigen Gesellschaftskritik nur platte Merksätze, plumpe Anschuldigungen und dazu haufenweise Lebensweisheiten setzen, wie man sie in jeder Frauenzeitschrift findet.

 

Leonce und Leonce
nach "Leonce und Lena" von Georg Büchner
Inszenierung: Leonie Böhm, Konzeptionelle Mitarbeit/Bühne: Sören Gerhardt, Kostüme: Magdalena Schön, Helen Stein, Musik: Johannes Rieder, Licht: Michel Güntert, Dramaturgie: Laura Paetau.
Mit: Mit Vincent Basse, Kay Kysela, Daniel Lommatzsch, Johannes Rieder, Lukas Vögler.
Premiere am 12. März 2020
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

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Kritikenrundschau

"Nicolas Stemann liess es sich nicht nehmen, zur Begrüssung ein paar Worte über unsere 'seltsamen Zeiten' zu sprechen, in denen keiner weiss, was der nächste Tag fürs öffentliche Leben bringt", so Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (14.3.2020). "Dafür spielten die fünf wilden Kerle auf der Bühne anderthalb Stunden auf Teufel komm raus." Hausregisseurin Leonie Böhm nutze Georg Büchners "Leonce und Lena" als Textbausteinbruch, um lüpfig von der Misere des Menschen in der Komfortzone des 21. Jahrhunderts zu erzählen, dabei werfe sie munter Aktualisierungen ins Geschehen. Fazit: "Mag die Inszenierung auch da oder dort ein wenig an Tempo verlieren, so war sie doch insgesamt ein bravouröses Stück Regietheater voller Galgenhumor."

Böhm wolle dem Weltschmerz des Stücks auf die Spur kommen, "dieser Sehnsucht nach Authentizität, die dann auf einer weiteren Ebene ja auch viel mit der Schauspielerei zu tun hat und mit der Theaterkunst", bemerkt Andreas Klaeui auf SRF2 (13.3.2020). Die Inszenierung sei "sehr phantasievoll, sehr verspielt". Das Improvisierte, das Freie auch im Spiel mit dem Publikum "hat einerseits etwas sehr Befreiendes, ist auch witzig, aber manchmal auch unterschiedlich gelungen".