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Herrenmenschenknödel haben nicht flauschig zu sein

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 8. Oktober 2020. Beinah kommt ihm eine zärtliche Geste für seine Frau aus, im Zoo vor dem Leopardengehege. Dort haben sie sich einst kennen gelernt. "Die Liebe hat sich über uns gestülpt wie ein Kartoffelsack", sagt der um Poesie nie verlegene Karel Kopfrkingl. Drum lässt er sich von seiner Frau auch Roman nennen (steht für Romantiker). Und er heißt sie nicht Maria, sondern Lakmé, aus Liebe zur Musik. Er wird seine Gattin sogar zu Koloraturen einer Opernarie mit der Krawatte erdrosseln. Ein Schöngeist durch und durch.

Verordnungen zum Kremieren und ein Buch über Wiedergeburt

Aber wir greifen vor: Erst einmal lernen wir den properen Herren, von Beruf Leichenverbrenner, als vorbildlichen, treusorgenden Familienmenschen kennen. In dieser Idylle duldet er keinen Widerspruch. Zu wenig Patriot? "Ich bin Familist", kontert Karel Kopfrkingl. Dass er verstorbene hübsche Damen im Sarg anhimmelt und auch einem Techtelmechtel mit der Putzfrau-Blondine im Krematorium nicht abgeneigt ist, was soll's. Er ist mit sich im Reinen und mit dem Lebensende sowieso, quasi berufsbedingt. Außer Verordnungen zum Kremieren liest der Leichenverbrenner nur ein einziges Buch, über Tibet, den Dalai Lama und die Wiedergeburt, an die er felsenfest glaubt.

Leichenverbrenner2 1500 Matthias Horn uFamilienidyll vor Verbrennungsofen: Sabine Haupt, Michael Maertens © Matthias Horn

Ein schrulliger Spinner? Das Thema des Prager Romanautors Ladislav Fuks (1923-1994), der Franzobel als Vorlage für seinen Theatertext diente, war die Aufarbeitung des Faschismus in seinem Land. Der verhaltensauffällige Leichenverbrenner spintisiert sich hinein in einen besorgniserregenden Grad der Realitätsverweigerung. Er, nach eigener Einschätzung unpolitisch bis in die Haarspitzen, wird leichtes Opfer für den Nazi-Ungeist. Ein Soldatenfreund aus dem Ersten Weltkrieg taucht auf. Es braucht nicht viel Manipulation, und aus dem harmlosen Narren wird ein gemeingefährlicher Kollaborateur. Bald wird der Leichenverbrenner Juden denunzieren und zuletzt sogar seine Frau (eine Halbjüdin) und die Kinder ermorden.

Es grüßen Kafka und der Schwejk

Eine krasse, psychologisch nicht unraffiniert erdachte Story, wie geschaffen für die expressiv-verschrobene Puppenwelt des Nikolaus Habjan. Der österreichische Autor Franzobel hat aus dem 1967 veröffentlichten (und in Tschechien gleich verfilmten) Roman ein Bühnenstück destilliert und der keineswegs schmalbrüstigen Bizarrerie mit deftigem Sprachwitz nachgeholfen. Franzobel führt nicht eben die feine Klinge, aber das ist schon stimmig für diese literarische Vorlage. Bei Ladislav Fuks lässt zwischen den Zeilen Kafka ebenso grüßen wie der Schwejk des Jaroslav Hašek.

Leichenverbrenner1 1500 Matthias Horn uEin Schöngeist, der zum Schergen wird: Michael Maertens, Manuela Linshalm, dahinter: Dorothee Hartinger © Matthias Horn

Michael Maertens ist der wort-urgewaltige Leichenverbrenner. In fast nicht abreißendem Monolog erklärt er seine Weltsicht, verheddert sich immer unentwirrbarer in skurrilen Ansichten. Scheinbar souverän und selbstgewiss, in Wahrheit manövriert er sich immer tiefer hinein in Abgründe – das zeichnet Maertens anschaulich und folgerichtig nach. Frau (Dorothee Hartinger) und die Kinder (Sabine Haupt, Alexandra Henkel) kommen kaum zu Wort – aber sie führen auch viele Puppen und sprechen deren Rollen. Da ist zum Beispiel ein dauer-streitendes Ehepaar. Sie erkennt die Zeichen der Zeit und sieht den Krieg heraufdämmern, er will eben dies nicht wahrhaben, beschimpft und misshandelt sie sogar.

Gastro-Gift, das langsam wirkt

Die Puppen-Hauptrolle hat Regisseur und Figuren-Magier Nikolaus Habjan sich selbst gesichert, jene des Deutschen Willi Reinke, der eindringt in die fragil-versponnene Ideenwelt des Leichenverbrenners und in diesem den Nazi-Fanatiker weckt. Das Gesicht Habjans als Totenkopf geschminkt – auch das vordergründig wie manches im Text von Franzobel, aber eben der Vorlage adäquat.

Fulminant das weihnachtliche Familienessen. Da wirkt der Leichenverbrenner noch beinah ungefährdet gegenüber den Einflüsterungen des strammen Deutschen. Er, der dem Weihnachtskarpfen keine Schuppe zu krümmen wagte, sinniert über dessen Wiedergeburt, "und sei es als Weihnachtsgans".

Willi Reinke hakt kulinarisch nach und hält ein Plädoyer gegen tschechische Knedlje: "Ein Herrenmenschenknödel hat nicht flauschig zu sein, damit gewinnt man Kriege." "Er liegt einem schwer im Magen", kontert der Leichenverbrenner da noch wacker, aber das Gastro-Gift beginnt in ihm alsbald so stark zu wirken wie die Verführung durch eine in Aussicht gestellte Karriere. Bald ist Karel Kopfrkingl Krematoriumsdirektor und oberster Chef des Sicherheitsdienstes der neuen Machthaber. "Ich soll Gasverbrennungsöfen testen", sagt er stolz. Dass Prag unterdessen annektiert ist von den Deutschen? "Was bedeutet das Wort 'annektiert'?", fragt des Leichenverbrenners Frau. "Das kommt von 'anus', wir sind im Arsch", erklärt der Sohn. Es wird seine letzte Aufmüpfigkeit gewesen sein.

 

Der Leichenverbrenner

Franzobel nach dem Roman von Ladislav Fuks

Regie: Nikolaus Habjan, Bühnenbild: Jakob Brossmann, Kostüme: Cedric Mpaka, Komposition: Klaus von Heydenaber, Licht: Norbert Piller, Dramaturgie: Andreas Karlaganis.

Mit: Nikolaus Habjan, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Michael Maertens.

Premiere am 8. Oktober 2020

Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Autor Franzobel hat das Figureninnenleben in eine tragfähige, exzellent verknappte Bühnenfassung überführt, die in ihrer Morbidität doch immer über genug Luft verfügt", schreibt Margarete Affenzeller vom Standard (9.10.2020). "Maertens markiert das in einer schwindeligen Tibet-Verehrung gipfelnde, gefährlich-sentimentale Gemüt dieses Karel Kopfrkingl von Anfang an mit gespenstisch-expressionistischer Geste." Regisseur Habjans Bühnensprache sei vor erratischen Momente nicht gefeit, "für die Angstlandschaft dieses Stücks tschechischer Bewältigungsliteratur war sie aber ein zuverlässiger Schlüssel".

"Wahrhaftig eine Entdeckung" sei dieser überaus spannende und sehenswerte Abend, schreibt Barbara Petsch in der Presse (11.10.2020). Nikolaus Habjan habe die Uraufführung mit Gespür inszeniert. "Michael Maertens spielt den Leichenverbrenner in jedem einzelnen Moment virtuos. Er leiht diesem irren Schwärmer seinen trockenen Ton und sorgt dafür, dass jede der immer absurder werdenden Tiraden absolut einleuchtend klingt. Allein wegen Maertens sollte man diese Aufführung keinesfalls versäumen."

Fuks' Roman sei "sichtlich an Kafka geschult; das Stück, das Franzobel daraus gemacht hat, klingt manchmal ein wenig nach Horváth", findet Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (14.10.2020). Virtuos sei, "mit welch stocksteifer Körperlichkeit und süßlicher Intonation" Michael Maertens sein Spießbürgermonster ausstatte. "Unheimlich oder unbehaglich aber wird dieser 95 Minuten kurze Abend nie, nicht einmal zum bitteren Ende hin. Weder Franzobel noch Habjan haben die richtige Mischung von Horror und Humor gefunden."