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Die Last der Vergleiche

von Esther Slevogt

10. Februar 2021. Wann kommt es heute noch vor, dass Theater einmal heraustritt aus seinen geschützten Räumen und Meinungsblasen? Im September 2020 nahm der Regisseur Ersan Mondtag das Angebot der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" an, im noch leeren Haus in Berlin eine Performance zu inszenieren. Die Neugestaltung des ehemaligen Deutschlandhauses, das künftig das Dokumentationszentrum der Stiftung beherbergen wird, war abgeschlossen. Bevor dort mit dem Innenausbau begonnen werden sollte, wollte sich die neugeschaffene Institution mit einer kräftig ausstrahlenden Kulturveranstaltung ins öffentliche Bewusstsein katapultieren. Samt ihrer Aufgabe, "die letzte Lücke in der deutschen Erinnerungskultur" zu schließen, wie es seit Gründung der Stiftung in öffentlichen Erklärungen immer wieder heißt. Diese Lücke meint das Schicksal der etwa 12 Millionen Deutschen, die nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in Ostpreußen, Schlesien oder Pommern verlassen mussten.

Die Stiftung und die Vertriebenenverbände

Ein heikles Thema, in dessen Zentrum die Frage steht: Wie kann vom Leiden der Deutschen im Zweiten Weltkrieg gesprochen werden, ohne ihre Schuld an diesem Krieg und die entsetzlichen Verbrechen zu relativieren, die in ihrem Namen begangen wurden.

kolumne 2p slevogtInsofern muss man erst einmal beiden Seiten zu ihrem Mut gratulieren: der Stiftung und ihrer Direktorin Gundula Bavendamm dafür, mit Ersan Mondtag einen Mann der schnellen, zugespitzten Meinung und einer nicht unbedingt konsensfähigen Bildsprache auf ihr heikles Kernthema anzusetzen. Ersan Mondtag und seiner für die Performance engagierten Autorin Olga Bach für ihren Mut, die wohltemperierte Comfort Zone des Stadttheaters zu verlassen, um sich auf ein Terrain zu begeben, wo sich seit Jahrzehnten auch revanchistische und rechte Krawallmacher tummeln, die selbst europäische Nachbarn immer wieder verstören: Erika Steinbach zum Beispiel, die lange dem Bund der Vertriebenen vorstand und auf deren Initiative die Gründung der Stiftung zurückgeht. Steinbach, die 2015 aus Protest gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik aus der CDU austrat und seitdem die AfD unterstützt, kann als ein besonders extremes Exemplar jener offen revanchistisch agierenden Spezies von Vertriebenenfunktionären gelten, die das Thema "Flucht und Vertreibung" jahrzehntelang fest im Griff hatten. Dass sich 2008 mit der Gründung der Stiftung schließlich der Deutsche Bundestag des Themas annahm, um es in einen gesamteuropäischen Kontext zu stellen und ihm den Begriff "Versöhnung" hinzuzufügen, muss als Versuch gewertet werden, den Vertriebenenverbänden die Deutungshoheit zu entziehen. Im insgesamt 21-köpfigen Stiftungsrat sitzen trotzdem noch immer sechs Vertreter von Vertriebenenverbänden – die schließlich integriert werden mussten, sollte das Projekt gelingen, das Thema aus der Nische heraus ins Licht eines gesamtgesellschaftlichen Kontextes zu transportieren.

Diese lange Erklärung ist nötig, um das verminte Terrain zumindest notdürftig zu umreißen, auf das sich sowohl Stiftungsdirektorin Gundula Bavendamm als auch Ersan Montag und die Autorin Olga Bach begeben haben, als sie sich im vergangenen September für eine Zusammenarbeit entschieden. Und zwar bewusst, wie beide Seiten in Gesprächen mit nachtkritik.de betonen. Aus der Performance musste dann pandemiebedingt ein Film werden, da eine Präsenzveranstaltung schon bald nicht mehr planbar war. Jetzt ist diese Zusammenarbeit gescheitert. In verschiedenen Medien werden unterschiedliche Gründe dafür genannt. Olga Bach und Ersan Mondtag sprechen von konstanter inhaltlicher Einflussnahme der Stiftung auf ihre Arbeit, ja Zensur des Projekts. Gundula Bavendamm weist diesen Vorwurf zurück und macht unhaltbare Forderungen Mondtags für das Scheitern der Arbeit verantwortlich. In den durchaus kontroversen Debatten mit Ersan Mondtag und seinem Team habe es zwar immer wieder Differenzen geben, die aus ihrer Sicht jedoch produktiv gewesen sind. "Wir wollten ja die Debatte und wir haben uns der Debatte mit den Künstlern gestellt."

Gröfaz-Passagen

Gegenstand der Performance, so habe Mondtags Auftrag gelautet, sollten die Kernthemen der Stiftung und der Dauerausstellung sein, die im Sommer 2021 auf 1.700 Quadratmetern Ausstellungsfläche eröffnet werden soll: Flucht und Vertreibung der Deutschen, der Zusammenhang dieser Vertreibung mit den NS-Verbrechen, dem Zweiten Weltkrieg sowie der Frage nach der Verantwortung der Deutschen für ihr eigenes Leid und das vieler anderer. "Es ist nicht leicht, dazu kluge, unanstößige Dinge zu sagen." Gundula Bavendamm spricht mit der pädagogischen Bestimmtheit der Direktorin einer Brennpunktschule, die jede Menge Ärger mit uneinsichtigen Schülern und deren Eltern gewohnt ist. Immer wieder präzisiert sie, dringt auf unmissverständliche Formulierungen – "als würde Frau Bavendamm Künstler mit Kleinkindern oder Dienstboten verwechseln", wird Ersan Mondtag in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung zitiert.

Man möchte als Beobachterin der Causa zu bedenken geben, dass Gundula Bavendamm es nicht nur mit empfindlichen Künstlern zu tun hat, sondern sich auf einem Kampfplatz bewegt, der – und zwar auch auf europäischer Ebene – nicht nur von weit größeren Empfindlichkeiten sondern auch von rechten Scharfmachern und Ideologen beherrscht wird. Daher erleichtert es eher, hier eine Frau am Ruder zu wissen, die eine unbestechliche Strenge wie Gundula Bavendamm ausstrahlt. Ihr Auftrag laute nun mal Versöhnung, nicht Polarisierung, sagt sie während des Gesprächs einmal.

Gerade der Begriff "Versöhnung" sei für sie ein großes Problem gewesen, schreibt Olga Bach auf Nachfrage in einer Mail. "Wer versöhnt sich denn hier mit wem? Die Deutschen mit sich selbst?“ Auch Bach spricht in einem Facebook-Beitrag von kontroversen Debatten. Die Stiftung habe ihr eine Textsammlung zur Verfügung gestellt mit der Bitte, sie zur Grundlage ihrer Arbeit zu machen, zwei Drittel davon hätten jedoch nur von Deutschen Vertriebenen gehandelt. Diese Gewichtung sei ihr falsch vorgekommen. "Ich bezog jüdische und osteuropäische Stimmen mit ein. Und auch die Tatsache, dass das Leid der deutschen Vertriebenen bisher hauptsächlich von Rechten besungen wurde. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich bald von einer Bundesstiftung gesagt bekommen würde, bestimmte Inhalte dürfe ich als Autorin so nicht zum Teil meines Werkes machen."

Ein Streitgespräch zwischen Hannah Arendt und Karl Jaspers über die Schuld der Deutschen sei zu stark gewichtet im Verhältnis zum Vertriebenenthema. Björn Höckes Dresdner Rede von 2017 hätte sie streichen müssen. Ausgerechnet Höcke habe man in der Stiftung kein Podium bieten wollen, begründet Gundula Bavendamm ihr Drängen auf Streichung dieser Rede. Wie bereits in vorangegangenen Konfliktfällen seien jedoch künstlerische Lösungen gefunden worden. So wurde der Part von Höcke durch die fiktive Rede eines fiktiven rechten Politikers ersetzt, dessen gröfazhaftes Gezeter in dem knapp 12-seitigen Manuskript bei Bach nun kommentierend von einem Chor orchestriert wird. Am 2. Dezember schließlich habe man, sagt Gundula Bavendamm, gemeinsam ein "sehr schönes" Script verabschiedet, auf dessen Basis der Film realisiert werden sollte. Alle vorangegangenen Differenzen seien zu diesem Zeitpunkt beigelegt gewesen. "Wir bestanden auf unsere künstlerische Freiheit. Setzten uns durch", schreibt Olga Bach auf Facebook.

Streit um die Nutzungsrechte

Dann aber habe Ersan Mondtag, so Bavendamm, der Stiftung keine ausreichenden Nutzungsrechte für das Werk einräumen wollen. Die Stiftung habe versucht, Mondtag entgegenzukommen, und das ursprünglich uneingeschränkte Nutzungsrecht erst auf zehn, dann auf acht Jahre verkürzen wollen. Schließlich wurden Mondtag fünf Jahre Nutzungsrecht und eine Honorarerhöhung angeboten. Mondtag jedoch habe Nutzungsrechte lediglich für ein Jahr einräumen wollen. Darauf aber habe sich die Stiftung nicht einlassen können und Mondtag sei aus dem Projekt ausgestiegen. Ihm aber sei von Anfang an kommuniziert worden, dass der Film auch für strategische Zwecke in der Kommunikation eingesetzt werden sollte. Auf seine Forderung einzugehen hätte bedeutet, sagt Bavendamm nun, dass die Stiftung bereits Ende 2021 keine Rechte an dem Film mehr gehabt hätte. Und das mitten in der Pandemie, wo niemand weiß, wann Museen und Dokumentationszentren wieder sinnvoll Öffentlichkeitsarbeit betreiben könnten. Olga Bach und Ersan Mondtag vermuten hinter dem Anspruch auf langfristige Nutzungsrechte einen Zensurversuch. So könne die Stiftung den Film einfach in der Schublade verschwinden lassen. "Wie soll ich denn als Institution ein fünfstelliges Honorar für eine Arbeit rechtfertigen, die ich dann in der Schublade verschwinden lasse?", sagt Gundula Bavendamm.

Die Situation ist verfahren, das Unverständnis auf beiden Seiten groß. Beide Parteien sind enttäuscht. Voneinander und über das Scheitern der Zusammenarbeit. Hier eine Stiftungsdirektorin, die sich unverstanden in dem von ihr vertretenen heiklen Versöhnungs- und Moderationsanliegen fühlt. Auf der anderen Seite die Künstler, die sich zensiert und in ihrer künstlerischen Integrität nicht ernst genommen fühlen. Die man jedoch vielleicht auch fragen könnte, ob es ihnen möglicherweise etwas an Fingerspitzengefühl für diese Aufgabe fehlte.

Komplexität einholen

Vielleicht haben beide Seiten am Ende Angst vor der eigenen Courage bekommen. Die Stiftung, weil sie die kontaminierende Wirkung einzelner Worte und Stimmen auf den Diskurs befürchtete, die Künstler, weil der Wind außerhalb der Theaterblase und der Twitter-Timeline doch reichlich rau geworden ist? Was soll man den Beteiligten nun wünschen? Dass sie angstfreier miteinander umgehen und das Projekt doch noch zu einem guten Abschluss kommt?

"In einer Szene unseres Films zeigen wir, wie die Heimatvertriebenen beleidigt werden, wie heute Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan", zitiert die Süddeutsche Zeitung Ersan Mondtag in ihrem Bericht über die Streitigkeiten. Die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer schlesischen Heimat vertriebenen Deutschen seien von vielen ihrer westdeutschen Landsleute etwa so kaltherzig empfangen wie sieben Jahrzehnte später andere Migranten. Das ist zwar nett, aber auch reichlich unterkomplex gedacht. Fröhlich sieht man hier den Provokations- und Vereinfachungshammer kreisen, wo vielleicht tieferes Verständnis gefragt gewesen wäre. "Do not compare!", formuliert die Schauspielerin Orit Nahmias ihren Versöhnungsimperativ in Yael Ronens berühmter Inszenierung "Third Generation" – die auf tragikomische Weise Verstrickungen und Verrenkungen deutscher, israelischer und palästinensischer Erinnerungskultur zum Thema macht. Do not compare. Das könnte doch ein Anfang sein.

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Postscript

In der Nacht nach Veröffentlichung dieses Text erreichte die Autorin folgende Mitteilung aus dem Büro von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der Vorsitzenden des Stiftungsrats: "Die Stiftungsratsvorsitzende der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die Stiftungsdirektorin, Gundula Bavendamm, und der Regisseur Ersan Mondtag haben sich am 10. Februar 2021 getroffen, um die Differenzen um das leider gescheiterte gemeinsame Projekt 'Heimweh, ich weiß nur nicht wonach' zu besprechen. Sie erklären darauf einvernehmlich, dass gerade in der aktuellen Pandemie-Situation die Folgen des von beiden Seiten zu vertretenden Abbruchs nicht zu Lasten der am Projekt beteiligten Künstlerinnen und Künstler gehen dürfen. Die juristischen und finanziellen Auseinandersetzungen konnten in dem Treffen beigelegt werden. Die Projektbeteiligten erklärten zudem, dass sie sich von jedweder ehrverletzenden Darstellung einzelner Personen in diesem Zusammenhang distanzieren."

 

Esther Slevogt ist Chefredakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. Außerdem ist sie Miterfinderin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt schrieb Esther Slevogt über das Geschichts- und Gesellschaftsbild des Berliner Humboldtforums.