Entsetzlich!

12. März 2024. Der Kern von Theaterkritiken sind Argumente. Aber was war zuerst da: die Analyse, die zum Urteil führt? Oder das Bauchgefühl, das dann argumentativ untermauert wird? Und was bedeutet das für die Verständigung über Kunst?

Von Wolfgang Behrens

12. März 2024. Hören (oder besser: lesen) wir einmal in ein durchaus typisches Gespräch zwischen zwei Theaterleuten hinein. "Hast du eigentlich damals diese 'Amphitryon'-Inszenierung von Grüber in Berlin gesehen? Im Hebbel-Theater?" "Ja, klar. Die war grauenhaft." "Was? Nein, die war doch grandios." "Unsinn. Ein Unsinn war es." "Unglaublich toll war das. Wahnsinn!" "Nein. Furchtbar. Schrecklich! Schreeecklich!" "Ach, du hast gar keine Ahnung. Es war einfach toll!" usw. etc. pp.

Das allererste Urteil fällen

Wenn man das Gespräch analysiert, kommt man zu relativ klaren Ergebnissen. 1. Die beiden Sprechenden sind verschiedener Meinung. 2. Sie fällen starke, einander jedoch widersprechende Werturteile. 3. Ihre Positionen nähern sich im Verlauf des Gesprächs in keiner Weise an. 4. Sie verzichten auf den Einsatz von Argumenten. ("Du hast gar keine Ahnung" ist zwar der Versuch eines Arguments, aber es ist ein sehr schwaches.) 5. Sie gehen beide erfrischt und in ihren Ansichten bestärkt aus dem Gespräch hervor (wobei dieser Punkt nicht wirklich Teil der Analyse ist, sondern der Erfahrung entspringt).

Es sind sogar noch weitergehende Folgerungen möglich. Geht man etwa davon aus, dass Kritiker:innen zum Argumentieren neigen, wird man zu dem Schluss kommen, dass die beiden Sprechenden keine Kritiker:innen sind. Und schließlich könnte man auch eine logische Abhängigkeit des Punktes 3 von Punkt 4 postulieren: Weil die zwei nicht argumentieren, können ihre Positionen einander auch nicht näherkommen. Wobei – ist dem so?

Als ich noch ein Kritiker war, hatte ich ja meist das Glück – oder war es ein Verhängnis? –, als Nachtkritiker das allererste öffentliche Urteil abzugeben. Ich kam also erst gar nicht in Versuchung, am frühen Mittag schon einmal zu checken, ob bereits ein paar Kritiken online erschienen waren, die mich vielleicht durch ein paar schlagende Argumente zu einem anderen Urteil hätten bewegen können. Einen Tag später freilich konnte ich mich dann nicht zurückhalten: Ich klaubte alle mir erreichbaren Kritiken zusammen, um sie mit der meinigen abzugleichen. Selbstredend war ich von der Angst getrieben, dass ich mich geirrt haben könnte. Dass irgendjemand mit einer klugen Einlassung mein Urteil zerschießen würde, und dann würde es mir wie Schuppen von den Augen fallen: Ach natürlich, der Abend vorgestern war ja total großartig (oder wahlweise: totaler Mist), wie konnte ich das übersehen?

Was ist eigentlich zuerst da, das Werturteil oder das Argument?

Seltsamerweise passierte das jedoch nie. Was nicht daran lag, dass alle meiner Meinung waren (wenn das ausnahmsweise der Fall war, freute es mich immerhin). Es lag daran, dass mich die Argumente der anderen nicht überzeugten. Oft verstand ich sie, ich konnte sogar nachvollziehen, warum jemand zu einem anderen Ergebnis kam als ich. Dass ich mein Werturteil daraufhin geändert hätte, kam aber nicht vor. Was zwanglos zu der Frage führt: Was ist eigentlich zuerst da, das Werturteil oder das Argument? Wird das Werturteil aufgrund von Argumenten gefällt, oder sucht sich das Werturteil seine Argumente nachträglich?

Der legendäre Berliner Ordinarius für Musikwissenschaft Carl Dahlhaus hat in dem 1970 erschienenen, wunderbar luziden Essay "Analyse und Werturteil" Folgendes darüber geschrieben, ich zitiere (in alter Rechtschreibung): "Daß ein Gefühlsurteil die psychologische Voraussetzung und den Ausgangspunkt für die Entdeckung rationaler Gründe bildet, ist unleugbar, schließt aber nicht aus, daß es die Gründe sind und nicht das Gefühlsurteil selbst, die darüber entscheiden, ob das Urteil triftig ist oder nicht. Das psychologisch Zweite und Sekundäre ist logisch und sachlich das Erste und Primäre." Uff!

Das reicht

So einsichtig dieses Dahlhaus'sche Diktum auch ist, es bleibt trotzdem die Merkwürdigkeit bestehen, dass das sachlich Primäre, wenn andere es formulieren, im Normalfall das psychologisch Primäre nicht auszuhebeln vermag. Dass also mein eigenes Werturteil den Argumenten anderer regelrecht entzogen zu sein scheint. An überraschender Stelle, in Rainald Goetz' Erzählung "Rave" von 1998 nämlich (auch schon wieder ein Vierteljahrhundert alt!), fand ich kürzlich einen Erklärungsansatz für dieses Phänomen: "DIE FUNKTION VON ARGUMENTEN ist […] nicht, auch wenn die Argumente sich selber gerne so aufführen: andere von etwas zu überzeugen. Realerweise dienen Argumente dazu, sich selbst Klarheit über die Vernunft der eigenen Intuitionen zu verschaffen." Yes! Das ist's! (Auch wenn Goetz etwas polemisierend fortfährt: "Die wildesten Argumentierer interessieren sich für fast überhaupt nichts anderes mehr, außer für den Ausbau ihres eigenen, meist recht kümmerlichen argumentativen Baus.")

Was Goetz da hinschreibt, ist wohl der Grund, warum man so wahnsinnig gerne Texte (Kritiken!) von Leuten liest, die zum gleichen Werturteil wie man selbst gelangen. Nicht, weil sie einen überzeugen – man ist ja schon überzeugt! –, sondern weil sie an der "Entdeckung rationaler Gründe" für diese Überzeugung arbeiten, weil sie "die Vernunft der eigenen Intuitionen" begründen. Und das macht einfach Laune! Wenn ich freilich auf jemanden treffe, die eine andere ästhetische Haltung vertritt als ich (die zum Beispiel Einar Schleef doof findet), dann kann sie argumentieren, wie sie will – sie wird mich letztlich nicht erreichen. Im besten Fall ist eine sich so ergebende Diskussion zwar aufschlussreich, weil sie die Differenz auf ihre tieferliegenden Ursachen zurückführen kann. Wenn es aber darum gehen soll, die Positionen einander anzunähern (oder eben nicht), dann genügt im Grunde auch ein Gespräch wie das oben zitierte unter Theaterleuten. "Und wie fandest du's?" "Entsetzlich!" "Ich fand's super." Danke, das reicht.

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war

Wolfgang Behrens

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist seit der Spielzeit 2017/18 am Staatstheater Wiesbaden tätig - zunächst als Dramaturg, inzwischen als Schauspieldirektor. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er unter anderem in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

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Kommentare  
Kolumne Behrens: Selbstkritik
Ich finde das eine letztlich traurige Feststellung, dass Behrens als Rezensent niemals eine Meinung revidiert hat nachdem er andere Rezensionen laß, weil ihn die Argumente der Anderen nicht überzeugten. Das lässt sich psychologisch erklären, weil die meisten Menschen jene Argumente übergewichten, wenn sie ihre Ansichten stützen. Aber es spricht auch eher für einen schönen Abwehrmechanismus als für Selbstkritik und Zweifel. Ich sehe öfter Aufführungen und lerne dann in der Diskussion mit Freunden andere Aspekte oder verstehe Sachen neu und revidiere mein Urteil.
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