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Du bist schön

von Georg Kasch

22. Juni 2021. Im Darkroom brennt selten Licht. Klingt wie eine Tautologie, will aber sagen: Was hier passiert, darüber spricht man nicht. Also dass es einen Ort gibt, an dem vornehmlich Männer mit Männern mehr oder weniger anonymen Sex haben. Zu schmutzig, zu sexuell. Was soll daran auch interessant sein? Schon Oma und Opa haben früher beim Sex das Licht ausgemacht.
Überhaupt Sex: Privatsache. Immer bissl peinlich. Schwer, Worte zu finden. Dabei ist drüber reden das Einzige, was hilft. Denn selbst zwei Menschen in einer Paarbeziehung begegnen sich da immer wieder neu, mit verändertem kleinsten gemeinsamen Nenner und Begehrensnuancen.

Wir kommen alle aus einem Darkroom

Gespräche allerdings gehören nicht gerade zu den wesentlichen Merkmalen eines Darkrooms. Dennoch steckt in diesen Räumen sowohl ein utopischer Moment als auch ein egalitäres, schützendes Konzept, wie gerade zwei Theaterprojekte zeigen. Das eine ist, na klar, "Dark Room Revisited", ein Theaterfilm von Paul Spittler, der gerade beim queeren Gorki-Festival Pugs in Love lief.

kolumne 2p kaschJchj V. Dussels Text ist eng verzahnt, schön vertrackt, um die Ecke gedacht. Zum Beispiel: Wir kommen alle aus einem Darkroom, nämlich einem anderen Körper. Oder: "Das Liebes- und Sexleben aus dem Privatleben raushalten bedeutet stets eine Architektur des Verstecks."

Genau so sind Darkrooms entstanden: Als Orte, an denen schwule Männer sich vor der Mehrheitsgesellschaft verbergen konnten, weil sie sich bei Tageslicht nicht begegnen durften. Dussel nimmt uns mit auf eine Tour de Force durch queere Geschichte und queeres Begehren (auch die Perspektive von Lesben und trans Menschen kommen vor), wendet sich dabei gegen die Kritik der konservativen Heteros am schmuddeligen Darkroom-Konzept: "Du hast nicht für diese Räume gekämpft, bist nicht geflohen in die nächste Gaybar", ruft Dussel ihnen zu. "Zeig Respekt!"

Besonders schön, als Regisseur Spittler (der optisch in barocken Hell-Dunkel-Kontrasten schwelgt) Banafshe Hourmazdi als Pandora inszeniert, die auf den Aspekt des Fremden eingeht: konstitutiv für die Großstadt, ein Geschenk an jede Gesellschaft. Und Wesensmerkmal des Darkrooms, in dem jeder fremd sei, selbst Deutsche ohne Migrationserfahrung.

filmstill dark room revisited r talinIn Dunkeln knutschen: R Talin in "Dark Room Revisited" © Filmstill

Der Darkroom also als egalitäre Utopie? Ganz so einfach machen es sich Text und Theaterfilm nicht. Weder ist er Safe Space noch Community (deshalb hat Rosa von Praunheim in seinem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" auch so gegen anonymen Sex polemisiert). Außerdem grenzt er Frauen aus (früher gab es immerhin auch mal Lesben-Darkrooms). Wofür der Film eine queere Volte findet, wenn Elena Schmidt die Grenzen der Homo-Hetero-Binarität einreißt, schließlich habe Sex "mehr mit Ästhetik zu tun als mit Genitalien", um dann mit Julius Feldmeier zu tanzen, zu knutschen, als wäre man im Kit Kat Club oder auf der Pornceptual-Party.

Wie geht das mit dem Sex?

Mit Schubladen kommt man in Sachen Sex eh nicht weit, schließlich "gibt so viele Sexualitäten wie es Körper gibt", wie es einmal heißt. Damit ist nicht nur ein wahres Wort gelassen ausgesprochen, sondern die Brücke geschlagen zu "Cybersexhibition", einer Art digitaler Aufklärungsperformance von Christo Schleiff, Jil Dreyer, Josef Mehling und Liza Jakob am Berliner FELD-Theater, in dem dieser Satz so ähnlich fällt. Früher lief das mit dem Aufklärungsunterricht ja so: In einer, manchmal auch zwei Unterrichtsstunden baute sich die Bio-Lehrerin vor der Klasse auf, zeigte fiese Querschnitte durch menschliche Unterleibe, rollte einer Banane ein Kondom über und warnte vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Die Schüler:innen kicherten, machten doofe Witze oder rollten mit den Augen. Dabei hatte niemand eine Ahnung, wie das wirklich ging mit dem Sex: Kriegt man vom Küssen AIDS? Macht gemeinsames Wichsen schwul? Sollte man möglichst früh Sex haben, um nicht uncool zu wirken? Oder war man dann eine "Schlampe"? Tipps gab's in geraunten Andeutungen unter Gleichaltrigen, als "Ich erklär dir die Welt“-Ratschlag vom großen Bruder und natürlich in der Bravo.

Wie sehr hätte ich mit 13, 14, 15 eine Online-Perfomance wie "Cybersexhibition" gebraucht! Auf der Chat-Plattform Discord haben die Theatermacher:innen einen virtuellen Parcours gebaut. Mit Videos, Soundfiles, Texttafeln und sehr schönen Animationen, mit Chatmöglichkeiten und einem auf die wesentlichen Informationen fokussierenden Glossar decken sie Themen ab wie Körper, Emotionen, Genderfragen, sexualisierte Gewalt, Scham, Konsens, Selbstbefriedigung…

Cybersexhibition JonesSeitz uExpert:innen des sexuellen Alltags: das Ensemble von "Cybersexhibition" © Jones Seitz

Das ergibt keine Geschichte, man muss auch mit niemandem interagieren, wenn man nicht mag. Sondern in erster Linie schauen, zuhören, manchmal auch lesen. Der Hit sind dabei die meist clip-kurzen Videos, in denen sich das Kernteam, aber auch zusätzliche Expert:innen des Alltags sehr offen und (selbst-)kritisch mit konkreten Fragen auseinandersetzen wie „Ist eine Party gescheitert, wenn man hinterher alleine nach Hause geht?“. Und zwar immer als Antwort darauf, was sie selbst gerne als Teenager über Sex gewusst hätten.

Die sympathischen Protagonist:innen Mitte / Ende 20 vor gemalter Blumenwiese sprechen uns direkt an und machen vergessen, dass Videos und Tonspuren nur Konserven sind. Einer der schönsten Momente ist, wenn Performer Christo in einem Kürzest-Video die Botschaft vermittelt: "Also ich sag jetzt noch was über Schönheit: Du bist schön!" Und ich sitze plötzlich vorm Computer und grinse breit.

Erlaubt ist, was den Beteiligten Spaß macht

Was das alles mit dem Darkroom zu tun hat? In "Cybersexhibition" wird die oft als Beschränkung wahrgenommene Verlagerung ins Netz zur Chance. Wir erinnern uns: Aufklärung in großen Gruppen gleicht einer Peinlichkeit sondergleichen. Hier aber, allein vor dem Bildschirm, in der Darkroom-Anonymität, kann man sich durch alle Themenbereiche klicken, die einen wirklich interessieren, ohne dass Mitschüler:in XY oder Lehrer:in Z das mitbekommen würden. Und hat doch bei Bedarf Ansprechpartner:innen im persönlichen Chat zur Seite – anders als in den üblichen Foren, in denen man Glück haben muss, eine fundierte Antwort zu erhalten und nicht Halbwissen als letzte Wahrheit vermittelt zu bekommen.

Was übrigens beide Abende gemeinsam haben: Die Botschaft, dass erlaubt ist, was beiden Spaß macht, falls niemand sonst zu Schaden kommt. Und dass Konsens das A und O ist – Nein heißt Nein, selbst wenn Körpersignale dagegen sprechen oder man schon mitten bei der Sache ist. So schaffen sie mit übrigens spannenden ästhetischen Konzepten, was pubertäres Gekicher und bürgerliches Naserümpfen sonst zu oft verhindern: dazu einzuladen, sich mit dem eigenen Körper anzufreunden, Mythen zu hinterfragen und sich auf den oder die Andere:n einzulassen, so wie sie sind – unabhängig von Zuschreibungen, Geschlechtsteilen und Pronomen.

 

Georg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. In seiner Kolumne "Queer Royal" blickt er jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt.

 

Zuletzt klickte sich Georg Kasch für "Queer Royal" durch die Mediatheken von ARD und ZDF.