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Heute tanzen, morgen Kloster

von Stefan Forth

Hamburg, 12. September 2021. Fjodor Karamasow ist wirklich ein ziemlich fieser weißer alter Mann. Schon erstaunlich, dass Regisseur Oliver Frljić diesen selbstgefälligen Egoshooter am Deutschen Schauspielhaus ohne Not so lange am Leben lässt. Der Mord an dem ungeliebten Familienoberhaupt der "Brüder Karamasow" steht erst am Ende der Hamburger Neuinszenierung von Dostojewskis gleichnamigem Roman. Den Regisseur interessieren die großen Fragen nach menschlicher Freiheit, Verantwortung und Moral augenscheinlich deutlich mehr als der Krimi, der auch in der Vorlage steckt.

Tragische Konflikte einer anderen Zeit

Und so wird viel geredet, diskutiert und verhandelt in den gut zweieinhalb Stunden (plus Pause), die dieser Theaterabend dauert. Dostojewski hätte daran vermutlich seine Freude gehabt. Die Hauptfiguren seines letzten Romans stehen allesamt für unterschiedliche Ideale oder Lebensprinzipien einer Zeit im Umbruch, in der alte Gewissheiten erodieren. Während der liberal-intellektuelle Denker Iwan Karamasow an der Existenz Gottes im Angesicht der Grausamkeit der Welt zweifelt, möchte sein orthodox-religiöser Bruder Aljoscha weiter an Kirche, Kloster und christliche Menschenliebe glauben. Dmitrij dagegen, der älteste Spross dieser Familie am Abgrund, verliert sich in Leidenschaft und Sinnlichkeit – womit er zu einem zentralen Teil der Katastrophe wird. Schließlich liebt er just die Frau, die auch sein altersgeiler Vater begehrt.

karamasow 1 560 c thomas aurinDiskutieren im Dunkeln: Markus John, Daniel Regenberg © Thomas Aurin

So brillant verwoben die tragischen Konflikte im russischen Roman auch sind, so dick aufgetragen, langatmig entwickelt und aus der Zeit gefallen können sie doch auf einer deutschen Bühne des 21. Jahrhunderts wirken. Und das, obwohl Oliver Frljić immer wieder in die theatrale Trickkiste greift. Die Drehbühne ist im Dauereinsatz, Birkenstämme und Kristallleuchter schweben unvermittelt vom Schnürboden und zurück, Messiasdarstellungen auf überdimensionierten Tellern oder in Form von Gemäldeprojektionen erinnern an eine jahrtausendealte Kultur- und Geistesgeschichte, Kerzen werfen Schatten in die dauer-düstere Tiefe der Szene, ein Kindergrab voller frischer Erde taucht auf und verschwindet wieder. Ausstatter Igor Pauŝka beherrscht sein Handwerk.

Gruschenka grüßt aus der Gegenwart

Nur findet die Inszenierung vor lauter Überfluss an plakativen Bildern, Gedankengebäuden, Handlungssträngen und Figuren kein Zentrum, keinen Fokus, keinen roten Faden von der pflichtschuldig illustrierten Vorlage ins Hier und Jetzt. Stattdessen springt der Abend oft ausgesprochen ruckartig, ausgesprochen laut, ausgesprochen aufgeregt und ausgesprochen deutlich von Debatte zu Debatte, von Szene zu Szene. Auch den Spieler*innen bleibt dabei wenig Ruhe, wenig Raum.

Umso toller die Momente, in denen sich das Ensemble freispielt! Sandra Gerlings Gruschenka ist eine grandios traurige Femme fatale, ein schwarzer Engel, eine verlorene Seele mit sinnlichem Selbstbewusstsein. Fürchterlich faszinierend, wie sehnsuchtsvoll sadistisch sie mit den Männern der Familie Karamasow und mit dem Publikum spielt. Christoph Jödes Dmitrij hat sie im Wortsinn vor ihren Karren gespannt. Mit einer Angel hält sie ihm ihr Herz vor die Nase, während er – angespannt im Geschirr wie ein Pferd – ihren Rollschlitten dahin zieht, wo es ihr beliebt.

karamasow 2 560 c thomas aurinHeimliche Protagonistin: Sandra Gerling (Gruschenka), Christoph Jöde (Dmitrij) © Thomas Aurin

Natürlich ist diese Frau gefährlich. Nicht umsonst zieht sie schon im ersten Teil der Inszenierung in aller Seelenruhe eine brennende Schleppe hinter ihrem schwarzen Kleid her. "Ich will, dass wir uns verschwenden," sagt diese Gruschenka zu Dmitrij, der ihr (ebenso wie sein lasterhafter Vater) leidenschaftlich verfallen ist. Dabei wird ausgerechnet diese sprunghafte Frau später dem tief religiösen Aljoscha attestieren, dass er ihr Herz berührt habe. "Heute tanzen, morgen Kloster" – das ist Gruschenkas orientierungslos hedonistisches Lebensmotto.

Prinzipienreiter wird Mensch

So schnodderig lässig, wie Sandra Gerling diese Rolle der unglücklich unbeständigen Unheilsbringerin einerseits ausfüllt und andererseits immer wieder ironisch bricht, schlägt sie eine Brücke zur Gegenwart, die wesentlich tragfähiger ist als jeder allgemeine, oberflächliche Verweis auf Umbrüche unserer Zeit durch Klimawandel und Demokratiekrisen. Hier spricht eine Frau, die ihre Stärke behauptet – während über weite und allzu lange Strecken der Inszenierung (mittel-)alte Männer mit großem Ernst ihre altbekannten Debatten in altbekannten Diskursschleifen unter sich ausmachen. Als würde sich die Frage nach menschlicher Freiheit gerade heute nicht anders stellen als im 19. Jahrhundert.

Je stärker ideologische Gerüste zerfallen, je fragwürdiger Welterklärungsmodelle werden, umso näher kommt dieser Theaterabend schließlich doch seinen Figuren. Die Erde vom Grab eines Kindes wird Paul Behrens Aljoscha nicht mehr los, als er anfängt, mit seinem Glauben zu hadern, als er kurz davor ist, Gruschenka zu küssen. Aus dem Prinzipienreiter wird ein Mensch – und ein punktgenau agierender Spieler macht die Inszenierung für einen weiteren Moment lebendig. Auch hier zeigt sich: "Die Brüder Karamasow" hätten mehr sein können als eine bildverliebte Nacherzählung von Konflikten einer anderen Zeit.

Die Brüder Karamasow
von Fjodor Michailowitsch Dostojewski, aus dem Russischen von Swetlana Geier, in einer Fassung von Bastian Lomsché und Rita Thiele
Regie: Oliver Frljić, Bühne: Igor Pauška, Kostüme: Katrin Wolfermann, Musik: Daniel Regenberg, Licht: Holger Stellwag, Dramaturgie: Sybille Meier.
Mit: Paul Behren, Eva Bühnen, Sandra Gerling, Jonas Hien, Christoph Jöde, Markus John, Matti Krause, Carlo Ljubek, Eva Maria Nikolaus, Michael Prelle, Sasha Rau, alternierend: Liam Adamsberger (Kinderstatist), Wendelin Mutaniol (Kinderstatist).
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Oliver Frljić eilt der Ruf eines provozierenden, radikalen Theatermachers vorau, aber "von Radikalität aber ist rein gar nichts zu sehen", schreibt Kathrin Ullmann in der taz (13.9.2021). "Stattdessen wird dauernd und so sehr gebrüllt, dass sowohl sämtliche Inhalte als auch mögliche Zwischentöne der eigentlich philosophischen Diskurse zwischen den Brüdern völlig untergehen." Statt einen klaren inhaltlichen Fokus zu setzen, mache Frljić' Inszenierung reichlich (Text-)Strecke. Fazit: "Er erzählt das alles – und noch viel mehr. Oder versucht es zumindest. Statisch und geschwätzig zugleich."

Düster sei der Abend, "und rissig. Dabei legt Oliver Frljić den sprichwörtlichen roten Faden sogar einmal aus, als Zeichen der Liebe", so Katja Weise im Hamburg Journal des NDR (13.9.2021). "Frljić nimmt den Roman quasi im Galopp, würfelt die Figuren auf die schwarze Bühne, lässt Tische auf- und abbauen, Birkenstämme und Kronleuchter von oben herabsinken, doch bleibt der Raum letztlich leer." Der Regisseur setze stattdessen auf Bilder und Rhythmus. Doch "auch wenn das Ensemble hart arbeitet, vor allem Sandra Gerling als Gruscha schafft Momente großer Intensität, fehlt eine klare Struktur. Eine Geschichte. So bleiben alle Figuren für sich - allein und verzweifelt."