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In die kaputte Tüte pusten

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, 19. Februar 2009. Panzerlärm, MG-Feuer, Explosionen, Kontrollpunkte, Menschenschlangen – das alles steht in den Szenenanweisungen. In seinem 2008 uraufgeführten Erstlingsstück "Betrayed" (Verraten) skizziert der US-Reporter George Packer die Situation im Irak mit quasi journalistischen Mitteln. Grundlage sind gesammelte Interviews mit Irakern. Gespräche, die Packer leicht fiktionalisiert und, angereichert mit Einschätzungen zur Situation des Landes, zu einem Polit-Drama in 25 Szenen verknüpft.

 In Karlsruhe ist wenig bis gar nichts vom verlangten Szenario zu sehen und zu hören – gut so, denn die Darstellbarkeit von Krieg auf dem Theater stößt schnell an Grenzen. Regisseur Johannes Lepper, zuletzt Intendant in Oberhausen, inszeniert die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks nicht vom Blatt, sondern bringt allenfalls eine abstrahierte Essenz auf die Bühne. So lässt sich das machen – und so vermeidet Lepper auch den teils wortreich verplauderten Filmreportage-Tonfall des Textes.

"Verraten" ist übrigens der Auftakt zu dem Ur- und Erstaufführungsfestival "Schlaglichter", das Schauspielchef Knut Weber am Badischen Staatstheater nun zum zweiten Mal ausrichtet – mit einer beachtlichen Auswahl internationaler Gegenwartsdramatik aus Ländern von Norwegen bis USA, Irland bis Österreich, unter anderem von Autoren wie Conor McPherson, Gérald Sibleyras und Catherine Aigner. Das Thema? Hybris.

Ohne Datteln, Hühnchen und Reis
Was also bleibt von Packers Irak-Studie übrig – in Leppers reduzierter, verdichteter Umsetzung? Zunächst eine riesige, weite Spielfläche in der Nancyhalle, ausgelegt mit schwarzer Müllsackplastikfolie. Kombiniert mit Lichtreflexen massiver Scheinwerferbatterien wirkt der Raum so, auch ohne Detailsrealismus, wie ein nächtliches, menschenleeres Stadtviertel, ein No-Go-Area, eine lebensgefährliche Zone.

"Verraten" greift eine ganz spezielle Schicht heraus – drei Englisch sprechende Iraker (zwei Männer und eine Frau), die nach der US-Invasion auf einen demokratischen Neuanfang hofften und sich als Dolmetscher in den Dienst der Amerikaner stellten. An dieser sensiblen Vermittler-Schicht will Packer die fatale Entwicklung der Gesamtlage zeigen, die zunehmende Isolation, Gefährdung und Desillusionierung dieser Menschen, die von den eigenen Landsleuten als "Verräter" beschimpft und vom US-Militär als mögliche Terror-Gehilfen beargwöhnt werden.

"Ich liebe die englische Sprache", schwärmt Adnan (Jörg Seyer) zu Anfang, sein Kollege Laith (Robert Besta) bezieht seine Sprachkenntnisse aus Metallica-Texten, und Intisar (Teresa Trauth) hat eine Schwäche für Emily Brontës Romane. Vernünftig, dass der Regisseur auch atmosphärische Einzelheiten streicht: Denn garniert mit Datteln, Teegläsern, Hühnchen, Reis und arabischer Musik (wie im Originaltext), würde das Stück knapp an einer exotisch eingefärbten  Kriegsreportage mit Boulevard-Touch vorbeischrammen.

Unter den Augen der Amerikaner
Packers skeptische Haltung – er hat sich vom anfänglichen Befürworter der US-Invasion zum klaren Kriegskritiker gewandelt – scheint dem Regisseur nicht auszureichen. So streut er Szenen ein, die an Bilder aus dem Foltergefängnis Abu Ghraib erinnern. Politisch legitim. Doch eins lässt sich dabei nicht vermeiden: Dass die Regie damit den Versuch eines differenzierten Situationsprotokolls (Übersetzung: John und Peter von Düffel) mit solchen, alles dominierenden TV-Bildern konterkariert.

In eine ähnliche Richtung geht auch die Tendenz der Inszenierung, gerade die Passagen zu kürzen, in denen ein komplexes, widersprüchliches Bild der vielfältigen Interessensgruppen im Irak aufgefächert wird. Statt dessen sucht die Regie Zuflucht bei drastischen Bildern – so muss Jonas Riemer den rüde brüllenden, allzeit folterbereiten US-Militär geben. Tiefenscharf und mehrdimensional gerät dagegen die Figur Bill Prescott, ein Beamter des US-Außenministeriums, den André Wagner vom besserwisserischen Arrogantling zum bitteren Skeptiker werden lässt. Und manchmal treffen irakische Sprüche mit viel Ironie die aussichtslose Situation besser als tausend Worte: "Wir pusten in eine kaputte Tüte."

So gelingt dem Regisseur Johannes Lepper übers Ganze gesehen doch eine beklemmende, eindringliche Entwicklungsstudie. Über einen Krieg, der längst zu einem unübersichtlichen Bürgerkrieg geworden ist. Über Menschen, die ihr Land neu aufbauen wollten und nun um ihr Leben fürchten müssen. Intisar wird von Islamisten getötet, Laith bekommt einen Pass nach Schweden – denn Amerika will ihn nicht. Übrig bleibt Adnan, der trotz allem versöhnliche Worte spricht: "Ich gebe den Amerikanern nicht die alleinige Schuld. Es sind die Iraker, die ihr Land zerstören, mit Hilfe der Amerikaner, unter den Augen der Amerikaner. Bis heute träume ich von Amerika."

 

Verraten (Betrayed)
von George Packer (DEA, deutsch von John und Peter von Düffel)
Inszenierung: Johannes Lepper, Bühne: Steven Koop, Kostüme: Ursina Zürcher.
Mit: Jonas Riemer, Teresa Trauth, André Wagner, Otto Schnelling, Robert Besta, Jörg Seyer, Thomas Strecker.

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

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