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Und weiter geht's

von Christian Rakow

Berlin, 4. August 2009. Schwüle 20 Grad sind es am Spreeufer, und der Fluss strömt zu später Kaffeestunde seicht vorbei. Wer möchte da in die dunkle Fabrikhalle des alten Pumpenwerkes gehen, ins Radialsystem V? Alle! Alle, die wissen, was sie von dem leisen Komödianten und Meistermusikanten Jürg Kienberger erwarten dürfen: Entschleunigung in Wort und Tat, dafür Beschleunigung in den Klavierfingern. Dazu gibt's zarten Liebesschmelz mit Graubündner Akzent und teils spitzer Kopfstimme vorgetragen.

Kienberger ist seit Jahren schauspielernder Pianist im Tross von Christoph Marthaler und als solcher in Berlin bereits eine veritable Theaterlegende seit seinen arabesken, unvergessenen Liedeinlagen in "Murx den Europäer" ("Danke!"). Im Mai hätte man ihn gern wieder gesehen beim Theatertreffen in Marthalers Theater mit dem Waldhaus. Aber die eingeladene Produktion blieb aufgrund ihrer Ortsgebundenheit dem Festival fern.

Aus der oberen Preisklasse
Nun kommt Kienberger im Rahmen einer längeren Tour allein und erzählt in seinem gut eineinhalbstündigen Soloabend von eben diesem Hotel Waldhaus in Sils-Maria, das seit der Eröffnung 1908 seiner Familie gehört. Fünfundneunzig Angestellte und kaum Gäste, so sieht das "Jännerloch" in den 1970er Jahren aus. Da kann ein Junge schon mal auf die Idee verfallen, ein paar Gassenhauer vom Barpianisten abzulauschen. Und also umspielt Kienberger seine Jugendimpressionen mit volkstümlichem, bisweilen populärem Cocktailbarrepertoire der oberen Preisklasse.

Wild gelockt, mit dem melancholischen Blick eines Clowns, den man in den dunklen Anzug eines fahrigen Mathematikprofessors gesteckt hat, agiert er am Klavier zur Linken oder vor einem mittig platzierten Mikrophon. Bisweilen spielt er Akkordeon und – ein Höhepunkt – auf Weingläsern. Zarte Slapstickeinlagen lockern das Konzert auf.

Das alles ist für die Fans schon früh ein Genuss und fängt noch den letzten Zweifler ein, als Kienberger im Mittelteil des Abends an seinen "Onkel" übergibt. Hinter einem Klinikvorhang wechselt er die Kleidung und kommt mit weißem Sakko und Tuch gleich einem alternden Dandy hervor. Ein Bein zieht er leicht nach, während er souverän ein Tee-Tablett zum Piano befördert.

That's amore!
Das Teestündchen wird ausgiebig zelebriert, inklusive Teebeutelschleudern (eine "Murx"-Reminiszenz!). Dann haut er in die Tasten – und wie! "Ich verwöhne sie mit Leckerbissen aus Süddeutschland – ganz ungezwungen". Wieder und wieder bringt Kienberger die "Ballade pour Adelaine" aus dem Repertoire des Königs der Schmalziers Richard Clayderman, zum ersten, zweiten, zwanzigsten Mal. "Und weiter geht’s!"

Marthalers Geist schwebt über uns, während die Ballade unerbittlich den Gehörgang hinauf kriecht. "Amüsieren Sie sich, ganz ungezwungen, herrliche Melodien, viel gespielt, oft gewünscht. Und weiter geht’s." Wenn’s so im Waldhaus zugeht, dann gnade den fünfundneunzig Angestellten Gott. Kienberger, der Hoteliersspross und Triumphator des gehobenen Wunschkonzertkastens, kennt kein Erbarmen. Er biegt in den "Balladenblock" ein und säuselt italienische Sommerweisen, dass es einem das Zwerchfell zerschmettert. "When you walk in a dream, and you know you’re not dreaming, signore, that’s amore."

Das ist die Liebe ohne Grenzen. Wie meinte noch mal der Fußballer Andy Möller in den seligen 1990ern? Süddeutschland oder Graubünden, ganz egal, Hauptsache Italien!

 

Ich bin ja so allein
Eine musikalische Lebensbeschreibung
Von und mit Jürg Kienberger, Regie: Claudia Carigiet. In Zusammenarbeit mit dem Hotel Waldhaus.

www.radialsystem.de

 

Kritikenrundschau

Vieles erinnere an das Marthaler Theater, schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (6. 8. 2009) über Jürg Kienbergers Soloabend, der um das, von seiner Familie gegründete und bis heute geführte berühmte Hotel Waldhaus in Sils Maria kreist, das bekanntlich inzwischen auch Gegenstand eines Marthaler-Abends war. "Er präsentiert, wie er sagt, 'bekannte Melodien, viel gespielt, viel gewünscht', immer leicht abgewandelt, immer etwas schräg. Richard Clayderman, Johann Strauss, Herman van Veen, Franz Liszt. Kienberger singt, spielt Akkordeon, tritt als sein eigener Onkel auf, sitzt am Flügel - alles verwandelt sich bei ihm in ein Kreiseln und Taumeln, jede Note scheint einen halben Zentimeter über dem Boden zu schweben, was sie nicht davor schützt, unsanft abzustürzen." Doch es sei, so Pilz, "immer ein Sturz ins Komisch-Tragische, Verschrobene, Absonderliche." Einmal gar sieht Pilz Kienberger in seiner berühmtesten Marthaler-Figur verschwinden, dem Pianisten aus "Murx den Europäer".