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Und was tust Du?

von Georg Kasch

Berlin, 5. September 2011. Irgendwie passt er zu uns, dieser Hans Fallada. Schon seine Krisenromane "Kleiner Mann, was nun?" und "Wolf unter Wölfen" lasen sich wie eine Analyse und Überlebensstrategie für die jüngeren Weltwirtschaftserschütterungen. Und jetzt, da sein letztes Buch "Jeder stirbt für sich allein" von 1947 nach dem Bestseller-Erfolg der englischen Erstübersetzung wieder zurück nach Deutschland schwappt, ist da wieder das Gefühl, das uns einer was zu sagen hat.

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© Bettina Stöß

Schicksale auf schwarzem Grund

Woran liegt's? Jenseits des lebensprallen Spannungsbogens voller Schattierungen und schräger Typen dürfte es die Frage sein: Und was tust du? Provoziert nicht vom Arbeiterpaar Otto und Anna Quangel, das nach dem Fronttod ihres einzigen Sohnes mit stoischer Ruhe Postkarten gegen Hitler schreibt und in Berlin verteilt. Sondern von unpolitischen Charakteren wie Trudel und ihrem Mann.

Trudel Hergesell, einst Verlobte des Quangel-Sohnes und Mitglied einer kommunistischen Zelle, glaubt zwischendurch, ihr Glück im Privaten finden zu können. Als sie ihr Kind verliert, begreift sie: Eine lebenswerte Zukunft hätte das unter den Nazis ohnehin nicht gehabt. Ihrem Mann schlägt sie vor, auch etwas zu tun, eine Jüdin verstecken zum Beispiel, aber der sieht nur das Risiko: Prinzipiell wolle er ja auch was tun, aber...

"Wir denken nur an das, was uns geschehen könnte, nicht an das, was den andern geschieht", sagt sie – und damit endet, ziemlich abrupt, Jorinde Dröses Inszenierung am Berliner Maxim Gorki Theater, während überm Portal mit Schreibmaschinenlettern auf weißem Grund die Schicksale der Quangels und der Hergesells skizziert werden. Was wirkt, wie nicht fertig geworden – 135 Minuten für gut 650 Seiten sind ja auch sportlich – verschiebt den Fokus vom typensatten Bilderbogen zur Frage ans Publikum.

Ein Wort, zu groß für diese Welt

Auch davor skizziert Dröse eher, als dass sie erzählt. Als Prinzip: Statt epischer Breite sucht sie die Miniatur, die Situation, den Moment. Sieben Schauspieler stürzen sich mit Verve in die 22 Rollen, spitzen sie zu, kosten sie auch kabarettistisch aus: Wenn Ruth Reineckes abgehärmte Anna seelenruhig das Weibchen vom Obersturmbannführer Gerich runterputzt, um aus der Frauenschaft herauszukommen, dann spreizt sich Michael Klammer topmodellhaft unter der blonden Zopfperücke, um im nächsten Moment als ihr Gatte loszubrüllen.

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© Bettina Stöß

Wie bei Fallada grenzt das oft an Kolportage, aber die Gorki-Truppe fängt das meistens auf: Matti Krause unterspielt seine Frau Rosenthal, stellt sie als zarte Person in den Raum, die sich zu wundern scheint, wie das alles hat kommen können, bevor sie über die Bühne fliegt und dann in Zeitlupe vom Dach stürzt. Julischka Eichels Eva strahlt von innen, Urmutter einer neuen, besseren Generation. Und Albrecht A. Schuch trifft Enno Kluge ins Mark: eine zappelige und feige, aber eben auch unglaublich charmante Knallcharge mit erstaunlichen Graustufen.

Flüchtig wirkt auch Barbara Steiners Bühne, auf der fast alles in Bewegung ist, die Dachschräge vorne, die dann nach hinten fährt und die grauen Stoffbahnen im Portal, auf denen "Arbeit und Brot" prangt. Arbeit und Brot, das waren auch die Gründe, weshalb die Quangels lange Zeit ganz einverstanden waren mit Hitler. Als die Bahnen fallen (und fantasievoll zur Bettdecke werden, zum Beispiel), leuchten an der Rückwand die Buchstaben "Freih" – ein Wort, zu groß für diese Welt.

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© Bettina Stöß

Mit feinem Herzpochen

Wenn die Quangels die Bühne mit Kreide vollschreiben, ein treffendes Bild für die mühsame, eintönige Arbeit des Kartenschreibens, siegt kurz die Szene über den Roman. Im Ganzen bleibt er ungeschlagen. Gerade bei Otto und Anna wird das schmerzlich deutlich: Wo die wortkargen, geradezu kauzigen Alten im Roman über viele Seiten allmählich an Kontur gewinnen, an Größe zumal, bleiben sie bei Andreas Leupold und Ruth Reinicke merkwürdig blass, eine Leerstelle. Einmal, immerhin, dürfen sie ausbrechen: Nicht sterben wolle sie mit ihm, sondern leben, sagt Anna, und dann sausen sie pantomimisch auf Skibrettern und auf dem Schlitten den Berg hinunter.

Und wir? Sind wir Rädchen oder Sand im Getriebe? Die Fragen sind skizziert, von Fallada wie von Dröse. Der Abend ist stark, wo er Fallada in Emotionen übersetzt: Wenn das Waterboarding des Gestapo-Kommissars etwas darüber erzählt, dass totalitäre Systeme auch ihre Kinder fressen. Wenn Ruth Reinecke als Erzähler schildert, wie Otto die Karten verliert und entdeckt wird, von Michael Klammer am Schlagzeug mit feinem Herzpochen unterlegt.

Oder wenn wir gefragt werden: Und was tust du?

 

Jeder stirbt für sich allein
von Hans Fallada
Für die Bühne bearbeitet von Jens Groß
Regie: Jorinde Dröse, Bühne: Barbara Steiner, Kostüme: Susanne Schuboth, Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Ruth Reinecke, Andreas Leupold, Julischka Eichel, Matti Krause, Albrecht Abraham Schuch, Robert Kuchenbuch, Michael Klammer.

www.gorki.de


Alles über Jorinde Dröse auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Die "völlige Vertheaterung" der Geschichte sei ein Missverständnis, meint Peter Hans Göpfert im rbb Kulturradio (6.9.2011). Am Schlimmsten sei es, wenn Schreihälse und Heil-Hitler-Kasper über die Szene preschen. "Das Luxusweibchen eines Obersturmbannführers wird als plumpe Travestie-Nummer vorgeführt, derselbe Darsteller suhlt sich später in der Rolle eines Obergruppenführers, der den Kommissar peinigt." Man staune, wie Jorinde Dröse dem Roman ein eigenes Kunstgebilde entgegensetzt. "Aber der tieferen historischen und menschlichen Wahrheit, die Falladas Roman vermittelt, ist mit den Unterhaltungs-Mitteln des Panoptikums nicht beizukommen."

"Knallchargen-Theater ohne Sinn und Verstand" hat Peter Laudenbach erlebt, wie er in der Süddeutschen Zeitung (7.9.2011) schreibt. "Was den Roman als Zeitdokument so faszinierend macht, die genauen Alltagsbeobachtung des Berlins der 1940er Jahre, schrumpft zum groben Klischee. Brüllende Nazis, aufrechte deutsche Arbeiter, Frauen mit dem Herz am rechten Fleck, ein Kommissar mit Glatze und preußischen Tugenden - es ist eine einzige Ansammlung von Pappkameraden, die Dröse auf der schrägen Ebene aufmarschieren lässt. Wer das Buch verschlungen hat, wird diesen talentfreien Aufguss hassen."

Dröse könne mit dem Stoff obenbar wenig anfangen, befindet Jenny Hoch in der Welt (7.9.2011). "Ohne Stringenz reihen sich lärmendes Schlagzeug-Getrommel, romantische Liebeslieder, Gruppenchoreografien, Travestie-Nummern und ohrenbetäubendes 'Heil Hitler'-Gebrüll zu einer wenig inspirierenden 'So barbarisch waren die Nazis'-Revue." Die stillen Momente, die die Dimension der moralischen Verkommenheit und die Repressionen im Dritten Reich erlebbar gemacht hätten, würden von so viel Oberflächen-Raserei einfach übertönt.

Vom großartigen, rauen, hoch spannenden Text voller gebrochenem Pathos und voller ambivalenter Karikaturen sei im Gorki Theater "ein auf oberflächlicher Ebene vollständiges, aber extrem wackliges Handlungsgerippe übrig geblieben", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (7.9.2011), "das Jorinde Dröse als naives Nummernprogramm zwischen Was-würdest-du-tun-Pädagogik und Hitlergruß-Harlekinade organisiert und bebildert, wobei Tempo das einzig geltende Kriterium ist." Für die Schauspieler ergäbe sich so nicht mal die Chance zur Charge. "Geradezu besinnungslos hechelt der Abend dem Romangeschehen hinterher, fügt ihm keine Reflexionsebene hinzu, keine erkennbare Haltung."