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Der erotisierte Wille zur Macht

von Andreas Wicke

Kassel, 23. Mai 2014. Die Partystimmung bei den Krönungsfeierlichkeiten im dritten Akt ist prächtig, Macbeth, der neue König, und seine Frau stehen mit Weingläsern hinter einer Leuchtrampe und feiern ausgelassen mit ihren Gästen. Die Kleiderordnung schreibt Smoking und großes Abendkleid vor. Plötzlich kommt Banquo – besser gesagt der Geist Banquos – als ebenso tänzelnder wie blutverschmierter Tod heiter gestimmt dazu. Er hält sich nicht an die Kleidungsvorschrift, trägt nur ein paar schwarze Shorts und die Schlinge, mit der er ermordet wurde. Spätestens hier schlägt der tyrannische Machtwahn des Titelhelden in existentielle Angst um, auch die finsteren Mächte sind nicht mehr beherrschbar.

Solche Bilder bestimmen die Inszenierung von Markus Dietz, der ab der kommenden Spielzeit als Oberspielleiter in Kassel antritt. Ähnlich beeindruckend ist es, wenn Lady Macbeth in der riesigen Blutlache sitzt, die auf den Mord an König Duncan verweist. Sie wälzt sich im Blut, droht darin zu ertrinken, will Blut mit Blut abwaschen und nimmt jeden, den sie berührt, in ihre Bluttat mit hinein. Ein Mord fordert den nächsten, bis am Schluss noch einmal ein expressives Tableau diese Parabel auf die Fragilität der Macht beschließt: Alle Darsteller, auch die, die längst tot sind, beschmieren sich mit grüner Farbe. Dann fährt die Leuchtrampe, auf der sie stehen, nach vorne. Am Bühnenrand steht Macbeth halb nackt neben der Leiche seiner Frau und sieht die Prophezeiung der Hexen erfüllt. Er ist nur solange in Sicherheit, bis der Wald von Birnam auf ihn bzw. auf Dunsinane zukommt.

Zwischen Kalkül und Realitätsverlust

Der Wille zur Macht wird in dieser Produktion immer auch über sexuelle Lust und erotische Abhängigkeiten ausgetragen, und sowohl die politischen als auch die erotischen Allianzen scheitern. Anke Stedingk als Lady Macbeth und Bernd Hölscher als Macbeth sind ein Paar, das nicht nur nach politischer Herrschaft giert, sondern vor allem nach körperlicher Lust. Verführung ist in diesem Zusammenhang ein durchaus vieldeutiges Phänomen, aber auch Eros und Thanatos gehen sehr unterschiedliche Verbindungen ein. Selbst König Duncan wird, kurz bevor man ihn ermordet, von Lady Macbeth verführt. Diese Erotisierung des Machtkampfes ist zwar sinnfällig, andererseits verengt sie auch den Blick auf den Stoff.

Macbeth2 560 N.Klinger uHier schaltet und waltet das Böse: Christoph Förster als Hexe © N. Klinger

Wann und wo dieser "Macbeth" eigentlich spielt, kann man nicht genau sagen. Schaut man auf die Kostüme, so leben die Figuren des Stückes ungefähr heute, sie könnten aus der Politik stammen, aber ebenso aus der Welt der Stars oder der sogenannten High Society. Und auch in ihrer Darstellung sind vor allem Stedingk und Hölscher nie eindeutig, geschickt halten sie die Waage zwischen politischem Kalkül und komplettem Realitätsverlust. Thomas Meczele als Banquo ist der Gegenpol; solange er lebt, steht er im Schatten von Macbeth, nach seiner Ermordung jedoch ist er lebendiger denn je, ein witzig-ironischer Tod, der seinen Spaß an der Angst der Lebenden hat und seine plötzliche Macht genüsslich ausspielt.

Punk-Hexen und Leuchtelemente

Die drei Hexen – Eva Maria Sommersberg, Alina Rank und Christoph Förster – sind allgegenwärtig, sie sind die Schaltzentrale des Bösen. Während Shakespeare sie qua Regieanweisung – "Witches vanish" – immer wieder auch verschwinden lässt, bleiben sie bei Dietz stets im Hintergrund präsent. Sie erotisieren die Figuren oder ermorden sie, und sie kommentieren und verfolgen das Geschehen. Optisch scheinen sie einer Punkband entsprungen zu sein, ihre Bewegungen sind lasziv und unersättlich. Wenn sie zu den ravigen Klängen von "I fink u freeky and I like you a lot" ihre wilden und staccatohaften Balztänze vollführen, dann wird klar, dass man sich auf diese übernatürlichen Wesen nicht verlassen kann.

Die Kasseler "Macbeth"-Inszenierung ist so bildstark wie minimalistisch und reduziert: Im schwarzen Raum wird mit beweglichen Leuchtelementen gearbeitet, die ständig neue Funktionen übernehmen, mal Laufsteg und mal Bollwerk sind. Die Beleuchtung hat großen Anteil daran, Stimmungen immer wieder in ihr Gegenteil zu verwandeln. Der Bilderreichtum dieser Produktion hingegen hat nicht nur Vorzüge, sondern bremst eine motivierte Handlungsentwicklung und führt – gerade in den letzten beiden Akten – zu einer Statik, die diesem Drama sicher nicht nur gut tut.

 

Macbeth
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Markus Dietz, Bühne: Mayke Hegger, Kostüme: Henrike Bromber, Musik: Ole Schmidt, Licht: Oskar Bosman, Dramaturgie: Thomaspeter Goergen, Choreografische Mitarbeit: Lillian Stillwell.
Mit: Enrique Keil, Björn Bonn, Bernd Hölscher, Thomas Meczele, Dieter Bach, Aljoscha Langel, Anke Stedingk, Sabrina Ceesay, Eva Maria Sommersberg, Alina Rank, Christoph Förster.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

Kritikenrundschau

"Die Figuren treten aus dem Parkett auf, erst Normalos mit weißem Hemd, werden sie immer nackter, blutbeschmierter. Die Farbsymbolik ist allerdings recht aufdringlich eingesetzt, ein Nachteil der reduzierten Bildsprache", schreibt Bettina Fraschke in der HNA (26.5.2014). "Ebenso dass die Präsentation des Hauptthemas Sex wenig Raum für eigene Gedankennotizen lässt." Im Zentrum stehen die Ausnahmeschauspieler Bernd Hölscher und Anke Stedingk als Macbeth und Lady Macbeth, die sich in gigantischer Darstellerleistung tief in ihre Figuren hineinwühlen. Fazit: "Viel Applaus und Jubel."