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Im Zukunftslabor

von Valeria Heintges

Zürich, 10. Januar 2019. Auf Videoprojektionen stehen nackte Avatare im Wasser, Menschen, die mumifiziert wirken. Dann zeigt sich die zersplitterte, eckige Bühne von Barbara Ehnes: zwei Dreiecke, hinten eine rechteckig-hohe Wand, die auch für Projektionen genutzt wird. Im Vordergrund eine kaum sichtbare Scheibe; mal dient sie als Videofläche, mal taucht sie das Geschehen dahinter in Schlieren und Unschärfen. Da erscheint im Video der Kopf von Inga Busch, mit hochartifizieller, weißer Kleopatra-Perücke, stechend geschminkten Augen, riesengroß. Sie ist Professor Anna Waldman, Wissenschaftlerin und Lehrerin von Viktor Frankenstein.

Die Stopp-Taste drücken

Der herrscht jetzt nicht mehr über ein von ihm geschaffenes Kunstwesen, sondern über viele Untote, die seine Mitarbeiterin Dr. Walton als Patienten bezeichnet. Dr. Waldman aber nutzt sie als Quelle für Experimente. Denn hier kocht jeder sein eigenes Wissenschaftssüppchen: Frankenstein arbeitet daran, seinem Geschöpf, das im "Pause-Modus" daliegt, endgültig die "Stopp-Taste" zu drücken. Dr. Waldman aber will das Kunstwesen unsterblich machen. Dazu braucht sie mindestens zwei Kapseln mit den Dialogen aus den Hirnen anderer Menschen, denn nur im Dialog entstehe der Mensch, nur im Widerspruch bleibe er lebendig. Das ist ihr Credo – und auch das Dietmar Daths, der Mary Shelleys Vorlage "Frankenstein" 200 Jahre nach seinem Entstehen am Genfer See in Zürich in die Zukunft fortschreibt.

Frankenstein 0208 560 Tanja Dorendorf t T Fotografie uMit stechendem Blick: Inga Busch als Professor Anna Waldmann © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Mit der Neufassung will das Duo Dietmar Dath als Autor und Stefan Pucher als Regisseur am Pfauen seinen Erfolg mit Henrik Ibsens Der Volksfeind fortschreiben, mit dem die beiden 2016 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden. Ob ihnen das gelingt? Unwahrscheinlich. Ihr Werk will viel, zu viel – und schwebt dabei ein wenig über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Die werden nicht nur unverständlichen medizinischen Fachdiskussionen ausgesetzt, sondern müssen sich auch durch ein Dickicht von Shelley-Damals und Dath-Pucher-Heute schlagen. Und das verwirrt sich zuweilen bis zum Undurchdringlichen.

Die Roboter sind längst unter uns

Dath stützt sich auf ein Experiment von Luc Steel, in dem zwei Roboter Worte erfinden und sich so eine eigene Sprache bauen. Darum wird heute Frankensteins namenloses Geschöpf mit besagten Dialog-Kapseln wiedererweckt. Robert Hunger-Bühler entwickelt sich langsam vom verwirrten Kunstwesen, in dessen Kopf die Meinungen von sechs Menschen streiten, zum immer mehr verstehenden Wesen. Er wird aber, wie alle anderen auch, in Rückblenden geworfen, die zum Teil über animierte Videosequenzen erzählt, zum Teil in sonore Radio-Sprecher-Stimme übersetzt werden und weitgehend aus dem Original-Shelley-Text stammen. Dazu kommen Diskussionen über alle Arten von Schöpfungen, bis hin zur literarischen, und über die Verantwortung der Schöpfer ihren Geschöpfen gegenüber. Denn auch die haben Rechte. Mindestens das, zu erfahren, warum sie überhaupt geschaffen wurden.

Frankenstein 2397 560 Tanja Dorendorf t T Fotografie uIm Labor: Inga Busch (Prof. Anna Waldmann), Robert Hunger-Bühler (Geschöpf), Edmund Telgenkämper (Viktor Frankenstein), Julia Kreusch (Robert Walton) © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Die Filme gehen in gespielte Szenen über, etwa wenn Elisabeth Lavenza, Frankensteins Frau, Mutter seiner Kinder und bei Shelley Mordopfer seines Geschöpfs, erst animiert im Film über eine Kunstlandschaft am Kunst-Genfer-See schwebt und dann als Roboterwesen auf der Bühne steht, erkennbar an den ruckeligen, nachschwingenden Bewegungen einer (übertrieben) auf weiblich getrimmten Puppe. Ist sie Ausdruck der These, dass die Roboter längst unter uns leben und nicht einmal Frankenstein das merkt? Später wird klar, dass sie Teil von Dr. Waldmans Projekt ist, den Tod zu besiegen. Denn während sich Frankenstein auch in der Dath-Pucher-Fassung aus der Affäre stehlen und alle beteiligten Forscher samt Geschöpf töten will, ist es Dr. Waldmans Ziel, die Kunstwesen überleben zu lassen, als neues Adam-und-Eva-Paar. Für dieses Experiment hat sie die tote Elisabeth ebenfalls mit Dialog-Kapseln geimpft und zur Puppe gemacht.

Das wird in Zukunft nicht nur lustig

Das ist verwirrend und zudem dramaturgisch nicht sauber, wenn Elisabeth schon als Puppe in Shelley-Szenen auftritt, also noch bevor sie gestorben ist. Das Komplizierte kommt mit viel Tempo, zahlreichen Ideen, vielen technischen Gimmicks, Videos (Chris Kondek) und Projektionen auf die Bühne. Da werden die im Wasser stehenden Menschen und Filmszenen animiert (Game Design: Victor Morales), Zeitungsseiten projiziert und alles mit dräuender Musik (Christopher Uhe) unterlegt.

Und es kommt mit Schauspielern auf die Bühne, denen der Spaß an der Sache anzusehen ist. Lena Schwarz hält die Puppe zackig-nachfedernd in der Spur, Robert Hunger-Bühler wandelt sich subtil, Edmund Telgenkämper ist als Frankenstein ganz der getriebene Wissenschaftler, der von seiner Forschung überfordert ist. Inga Busch seine souveräne Gegenspielerin, die auf Fortschritt, Hoffnung und Humor setzt. Fritz Fenne gibt als Frankensteins Mitarbeiter Totoschka das Abziehbild des gelehrt-gewitzten Nachwuchsforschers, Julia Kreusch glaubt als Dr. Walton allzu lange, sie diene dem Guten und der Gesundheit, um dann brutal eines Besseren belehrt zu werden. Dass die ganze Sache dabei für alle Beteiligten nicht nur lustig ist und für uns auch in Zukunft nicht nur lustig werden wird, das geht in dem ganzen Zuviel allerdings fast unter.

 

Frankenstein
von Dietmar Dath, inspiriert von Mary Shelley
Uraufführung
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Video: Chris Kondek, Mitarbeit Video: Ruth Stofer, Game Design: Victor Morales, Musik: Christopher Uhe, Licht: Frank Bittermann.
Mit: Edmund Telgenkämper, Robert Hunger-Bühler, Fritz Fenne, Inga Busch, Lena Schwarz, Julia Kreusch.
Premiere am 10. Januar 2019 am Schauspielhaus Zürich
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Ent­ge­gen der Leit­idee der Bas­ler Dra­ma­tur­gie, be­ste­hen­de Tex­te nach Ge­sichts­punk­ten un­se­rer Zeit zu über­schrei­ben, nimmt Ro­bert Icke Mil­lers Dra­ma voll­kom­men wört­lich", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (14.1.2019). Die Me­ta­pho­rik des "Fran­ken­stein"-Stoffs werde ra­di­kal ka­na­li­siert. Diet­mar Dath Neu­fas­sung rühre vie­les von dem, was in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten zu künst­li­cher In­tel­li­genz und künst­li­chem Le­ben er­dacht wurde, zu ei­nem hy­bri­den Amal­gam zu­sam­men­rührt. "Als Dra­ma ist der Text ein Ho­mun­ku­lus wie Fran­ken­steins Mons­ter." Bei Pucher spiele das Dra­ma in ei­ner Käl­te­hal­le zur Kon­ser­vie­rung her­un­ter­ge­kühl­ter Men­schen, "das ist al­les sehr up to date, aber auch ei­ne Sum­me oh­ne ei­ge­ne zün­den­de Idee".

"Über solche Themen wurde schon viel Treffliches gesagt. Auf den Brettern will Regisseur Stefan Pucher aber auch was zum Inszenieren haben und das Publikum was zum Gucken", analysiert Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (12.1.2019). Es sei eine dieser angesagten Überschreibungen, die den älteren Text mit viel Trara ins Hier und Jetzt holen. Das Stück hake in einer Rückblende legendäre Stationen des Buchs ab: "Wiederholung als ein Prinzip, das Technik und Postmoderne verquast und verquasselt kurzschliesst; und teils, hmm, langschliesst." Kondek mache einen mit gewaltigen animierten Bilderströmen kirre, "zwischendurch leuchtet Daths Witz auf: brillante Details im knapp zweistündigen Kuddelmuddel".

Von einem dramaturgische Bildergewitter "zu zähen, theorieschweren Monologen ohne schauspielerische Energie", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (11.1.2019). Das Problem des Abends trägt für die Krtikerin im Wesentlichen den Namen Dietmar Dath. Denn dass Dath "kein Theaterstück, sondern ein Kolloqium geschrieben hat, ist das eine; dass die Geschichte ohne wiederholte Rückblenden in der Gegenwart nicht verständlich ist, das andere."  Den entscheidenden Satz des Abends habe Julia Keusch zu sagen: "Also ich versteh hier nur wirres Zeug!"  "Doch da ist ja noch Pucher. Seine Stärke ist das Bild. Seine Schwäche ist das Zuviel an Bildern. In Zürich ist die Gefahr gebannt, denn die Opulenz hat einen starken Bilderrahmen. Barbara Ehnes verantwortet das Bühnenbild, und das ist ein Wurf."

Von "rasanter Unterhaltsamkeit" aber auch allzuoft herrschender Verwirrung schreibt Johannes Bruggaier im Konstanzer Südkurier. (11.1.2019)." Zwar blitzen wiederholt kluge Gedanken, raffinierte Bezüge auf. Viele Fragen aber bleiben offen, und nicht immer lohnt sich das Kopferzerbrechen." Freude macht ihm der Abend trotzdem.