Als der Fisch vom Himmel fiel

7. Mai 2025. Wahnsinns-Bühne, Wahnsinns-Stück und Wahnsinns-Ensemble: Mit Anita Vulesicas Hamburger George-Perec-Inszenierung hat das Theatertreffen gestern einen ersten Höhepunkt erreicht. Vulesica, die dann auch den 3sat-Preis bekam.

Von Simone Kaempf

"Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh“ – Anita Vulesica inszeniert Georges Perec © Eike Walkenhorst

7. Mai 2025. Draußen "Suche Karten"-Schilder. Drinnen ganz große Sprach-Experimentier-Kunst, mit Zwischenapplaus, viel Gelächter und einer zündenden Komik von den ersten Szenen an. Kein Zweifel: Das Theatertreffen hat mit Anita Vulesicas "Die Maschine" seinen ersten Höhepunkt erreicht.

Auf Basis des Hörspiels, mit dem Georges Perec 1968 in sprachspielerischer Tradition des absurden Theaters das Goethe-Gedicht "Über allen Gipfeln ist Ruh" auseinander nahm, hat sich Vulesica mit dem Ensemble in eine ganz eigene Interpretation gesteigert – und zwar komischer, spielerischer und leichthändiger, als Perec als es erdacht hat.

Elisabethanischer Existenzialismus

Schon das Bühnen-Setting fällt aus dem Rahmen des Üblichen. Hier ist ein treppenförmiges Computer-Sprachlabor aufgebaut: Mit einem Computer-Prozessor, gespielt von Sandra Gerling, und vier spielenden Speichern, die auf Zuruf das Gedicht vortragen. Und das in immer neuen Kombinationen, Betonungen, Umstellungen, mit Rezitation in verschiedenen Gruppen, Zerlegung bis in Konsonanten und allegorischer Neuschöpfung in verrücktesten Kombinationen.

Nimmermüde prasseln die Befehle zur Interpretation ein, mal nach Art des französischen Existenzialismus oder elisabethanisch, bis zur auf die Spitze getriebenen Buchstaben-Verschiebung oder naturkundlichen Deklamierungen. Moritz Grove, Daniel Hoevels oder Christoph Jöde steigern sich regelrecht körperlich in die Lautverschiebungen, wenn sie Worte verschieben oder vertauschen. Beneidenswert fehlerfrei, und doch auch ein großer physischer Kraftakt der verstiegenen Sätze. Daniel Hoevels als eifrigster Sprecher läuft einmal gefährlich tiefrot an als würde da ein ganzes System heißlaufen angesichts der immer absurderen Vorgaben. Dass die Schauspieler vor jeder Vorstellung die Sprachkaskaden in einem Durchlauf üben würden, erzählt jemand nach der Vorstellung im Foyer – man glaubt es sofort.

Große Kunst!

Das Sprachspielerische begleitet Vulesica mit einer Choreografie aus Hebeln, Buzzern und Luftpoströhren, die immer wieder gedrückt und geschoben werden, mal freudig, wie gerettet, dann erschöpft. Diese 70er-Jahre-Bürokratie-Komik erinnert ein bisschen an ihre Berliner Perec-Inszenierung "Die Gehaltserhöhung". Natürlich schreit diese ganze Bühnen-Ästhetik aus altersschwachen Röhren und quietschenden Hebel schon für sich nach Spaß, aber hier wirkt es frisch und ist die perfekte Rahmung für das eigentlich komische Unterfangen: die systematische Zerlegung der Sprache auf der Suche nach Sinn, der genau dabei wieder entgleitet wie, ja wie glitschiger Fisch – die hier prompt auch vom Bühnenhimmel fallen.

Immer wieder hält der Abend aber auch inne, Yorck Dippe erscheint dann mit Perec-Perücke und Spitzbart, gibt philsophische Ratschläge und lenkt vom Hochsitz die Erschaffung der Kunst auf der Bühne. Denn um die geht es in diesem Abend: man kann ihn als Aufforderung nehmen, das Alte vom Sockel zu heben, in seine Einzelteile zu zerlegen, neu zusammenzusetzen. Wie Vulesica das durchspielt und nutzt, ist es ganz große Kunst. Nie wird hier versucht, dem Gedicht höheren Sinn zu implantieren, Unsinn ist dagegen willkommen, und daraus wird eine große Huldigung.

Mehr zum Thema:

Täglich Neues vom Berliner Theatertreffen gibt es in unserem Theatertreffen-Liveblog.

Kommentare  
Die Maschine, TT Berlin: Unausgegoren
Hut ab für das tolle Ensemble auf der Bühne sich so fehlerfrei durch diese irrwitzigen Sprachkaskaden zu jagen und jagen zu lassen. Dennoch fand ich den Abend unausgegoren und weit weniger beeindruckend als andere Arbeiten von Vulesica. Nach dem fulminanten Start vor einem nach Lachern gerade zu japsenden Berliner Publikum gab es auch viel Leerlauf wie z.B. das völlig unkomische, überlange und zähe Bewegungsballett auf der Rückseite der Wand. Was in der sprachlichen Form vom Stück aus so stark anfing, wurde in der szenischen und rhythmischen Setzung immer unschärfer. Manches wirkte fahrig und unentschlossen (z.B. diese Professor-Figur, die dann ohne Erklärung auch Teil der Maschine wurde oder die bemühte Öffnung zum Publikum hin).
Die Maschine, TT Berlin: Verliert an Witz
Ein fester Slot in jedem Theatertreffen-Jahrgang gehört den Sprachspielereien und Slapstick-Virtuosen. Diesmal wählte die Jury eine Arbeit von Anita Vulesica aus, die in ihrer Zeit am DT Berlin (2010-2018) eine der besten Komödiantinnen auf Berlins Bühnen war und ihr Talent noch ab und zu in Gastspielen, z.B. in Claudia Bauers „Ursonate“ aufblitzen lässt.
Mittlerweile konzentriert sich Vulesica aber mehr auf die Regie, im DT-Repertoire sind aktuell gleich drei Inszenierungen von ihr auf der Kammerbühne zu sehen.

Ich sehe es ähnlich wie Kommentar #1: In 45 bis 60 Minuten wie im Original-Hörspiel wäre „Die Maschine“ eine amüsante Sprachspielerei, gewürzt mit Körperkomik und Slapstick des tollen Hamburger Ensembles, gewesen. Doch Vulesica streckte den Abend auf 90 Minuten, baut eine fade Ausdruckstanz-Parodie ein und lässt noch Yorck Dippe im zerstreuter Professor-Look als Perec-Double auftreten. Auch textlich entfernt sie sich durch weitere Einschübe vom Original. So wird der Abend redundant und verliert an Witz, der Sitznachbar nickt regelmäßig ein und das Glucksen und Kichern des Festspielhaus-Publikums wurde verhaltener.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/07/die-maschine-oder-ueber-allen-gipfeln-ist-ruh-schauspielhaus-hamburg/
Die Maschine, TT Berlin: Intelligent + witzig
Ich kann die beiden Kommentare #1 und#2 nicht nachvollziehen, bei uns im hinteren Teil des Parketts war bis zum Schluss unglaubliche Stimmung und wir „hingen“ an den Worten&Körpern der Akteur:innen - schade, dass die 90 Minuten wie im Flug vergingen. Selten habe ich so intelligent-witziges und gleichzeitig künstlerisch-handwerklich so hochwertiges absurdes Theater gesehen. Und wie gleichzeitig eine kritische Haltung zu unserer „maschinisierten“ Zeit, aber eben auch der Spaß an allem Maschinen-Quatsch so unterhaltend auf die Bühne gebracht wurde, hat mich wieder mal in meiner Haltung bestätigt, dass Sprache und Denken eben doch zusammengehören und eben nicht nur die Sprache durch das Denken beeinflusst, sondern eben auch das Denken maßgeblich vom Gebrauch der Sprache geformt und gelenkt wird.
Kommentar schreiben