Trauma-Trance

18. Mai 2025. Als letztes Theatertreffen-Gastspiel präsentierte sich aus Wiesbaden Ersan Mondtags Uraufführung des Stücks "Double Serpent" von Sam Max, das zwischen BDSM und Missbrauch schillert. Atmosphäre: düster. In Wiesbaden lief das Publikum scharenweise raus. Blieb Berlin cool?

Von Sophie Diesselhorst

"Double Serpent" aus Wiesbaden © Thomas Aurin

18. Mai 2025. Was Wiesbaden schockt, darüber zuckt Berlin nur müde mit den Schultern? Pustekuchen! Während der Theatertreffen-Premiere von Ersan Mondtag "Double Serpent" – das letzte Gastspiel des Festivals – verließen etliche Zuschauer*innen den Saal, und ein leidenschaftlicher Buhrufer mischte sich in den Applaus. 

Leicht ist “Double Serpent” weder inhaltlich noch formal – das Stück von Sam Max erzählt von einem jungen Innenarchitekten namens Connor, der mit seinem älteren Partner Felix zusammenlebt, den er in von BDSM-Praktiken geprägten Rollenspielen als “Daddy” bezeichnet. Über Felix brauen sich krasse Missbrauchsvorwürfe von Ex-Partnern zusammen, die ihm vorwerfen, sie betäubt und “operiert”, ihnen gar Organe entnommen zu haben. Connor stürzt das in seine eigene Vergangenheit, als Kind wurde er Zeuge illegaler Organtransplantationen, die sein Adoptivvater durchführte und bei denen mindestens ein armer Organgeber bei der Verpflanzung seines Organs an einen reichen Organnehmer ums Leben kam.

Obwohl Ersan Mondtag die Uraufführung inszeniert hat, interessiert er sich nicht besonders für die gesellschaftkritischen Details der Story, die sich in einem Hin und Her zwischen Gegenwart, Vergangenheit und erstaunlich positiver, eigentlich kitschiger Zukunftsaussicht zusammensetzt. Die Szenen mit dem Adoptivvater zum Beispiel könnten auch in einem besonders krassen BDSM-Club spielen, wie er zum Beispiel in einer Episode von "Killing Eve" vorkommt. Wozu genau hier die Skalpelle ausgepackt werden, muss man im Programmheft nachlesen. 

Nackt und bedrohlich

Blut fließt aber nur im Video, die Inszenierung verzichtet auf Gewaltdarstellungen. Was genau passiert (ist), wird eher verschleiert. Der Abend ist in einer atmosphärischen Zwischenwelt zwischen traumatischem Erleben und befreiender Unterwerfungs-Fantasie angesiedelt, über die Connor sich seine sexuelle Selbstbestimmung zurückerobert. 

Damit ist “Double Serpent” in seiner Message eigentlich sehr nah dran an Florentina Holzingers “SANCTA”, aber sie könnte unterschiedlicher nicht transportiert werden: Alles an Ersan Mondtags Inszenierung dräut düster, vom eindrucksvollen Bühnenbild mit seinem Jugendstil-Portal über das Sounddesign von Benedikt Brachtel bis zum Spiel des Connor-Darstellers Timur Frey, dem jedes Wort mit einer leichten Verzögerung aus dem Mund kommt, was ihn leicht sediert wirken lässt. Das kann man als Zeichen des Traumas lesen, er setzt es aber dann auch wieder gekonnt ein, um potentielle Sexpartner heiß zu machen.

Nackte Menschen gibt es hier wie dort, aber während die Nacktheit bei Holzinger schnell zur Selbstverständlichkeit wird, man sie gar als Einladung auch ans Publikum verstehen kann, seine Körperscham abzulegen, haben die nackten Männerkörper bei Mondtag etwas Bedrohliches und setzen sich einmal sogar Ku Klux Klan Masken auf. Connors Geschichte wird als Einzelschicksal erzählt. Nicht für jeden steht am Ende eine Emanzipation vom Kindheitstrauma, auch das gibt einem der Abend durch seine ästhetische Hermetik mit – und ist damit paradoxerweise schwerer erträglich als “SANCTA” mit seinen sehr expliziten Selbstverletzungsszenen – was wahrscheinlich auch die Publikumsabwanderung erklärt.

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Kommentare  
Double Serpent, Theatertreffen: Bildende Kunst, muntere Diskussion
Dieser Abschluss-Inszenierung der 10er Auswahl des Theatertreffens eilte schon seit Monaten ein Ruf voraus. Scharenweise flieht das Publikum des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden aus Ersan Mondtags „Double Serpent“, mit dem Dorothea Hartmann und Beate Heine im vergangenen Sommer ihre Intendanz antraten.

Dieser massive Publikumsschwund wiederholte sich auch während der beiden Vorstellungen im Haus der Berliner Festspiele: genervte Zuschauer zwängten sich durch die Reihen und versperrten das Blickfeld auf Alexander Naumanns Bühne, deren Albtraum-Setting zwischen Giftgrün und Modergrau mäanderte.

„Double Serpent“ ist mehr bildende Kunst/Installation als lebendiges Theater, von Minute eins an tut die Inszenierung nach Kräften alles, das Publikum auf Distanz zu halten. Nach längerer Pause feierte Ersan Mondtag mit seiner vierten Theatertreffen-Einladung (2016/2017/2019/2025) ein Comeback, die Arbeit stieß aber nur auf wenig Gegenliebe. „Double Serpent“ von Sam Max, nonbinäre*r Theater-Autor*in aus New York, schrieb eine Case Study über Missbrauch, Traumata und toxische Beziehungen, die in demonstrativ lähmenden Zeitlupen-Bewegungen vorgetragen wurde.

Munterer war immerhin die Abschlussdiskussion, in der sich die turnusmäßig ausscheidenden Juror*innen in die Karten blicken ließen, einige persönliche Favoriten nannten, die knapp an der Schwelle zur 10er Auswahl strauchelten, und auch andeuteten, wie umkämpften die letzten Slots nach diesem vielstündigen Ringen um Kompromisse sind.

Insgesamt bot die Auswahl einige sehens- und bemerkenswerte Arbeiten und war bei weitem nicht so unpolitisch-selbstreferentiell wie Peter Laudenbach ihr in der SZ vorwarf.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/19/double-serpent-staatstheater-wiesbaden-kritik/
Double Serpent, Theatertreffen: Das Häuten der Schlange
Die Inszenierung schafft etwas Eigenartiges, Bemerkenswertes. Auffällig sind u. a. das sedierte, trance-artige Sprechen, die getakteten, steifen Bewegungen einzelner Rollen, als wären Avatare auf der Bühne anstatt lebende Menschen, das Lichtdesign, das vorgeblich Rätselhafte der (kruden) Story, kurz: das durchdringend Artifizielle.

Ich sah zunächst die Aufzeichnung bei 3sat und erst danach die Aufführung im Haus der Festspiele am 18.05., womit es mir leichter fiel, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Ja, es verließen etliche Zuschauer:innen während der Aufführung ziemlich respektlos gegenüber den Spielenden den Saal. Andere Zuschauer:innen schauten wiederholt auf das Display ihres Mobiltelefons nach der Uhrzeit. Die Inszenierung und vermutlich auch das Stück sprachen offensichtlich einen beachtlichen Teil des Publikums nicht an und ließen es kalt. Kein Türenknallen aus Ärger, eher Flucht aus Missmut.

Thematisch werden im Stück und auf der Bühne Verletzungen in der Kindheit, der Umgang mit ihnen im späteren Leben, Isolation und die Sehnsucht nach Kontakt und Mitmenschlichkeit ausformuliert. Das Stück ist inhaltlich nicht auf Verständlichkeit angelegt. Es ermöglicht erst allmählich ein Erkennen. Viele inhaltliche Motive doppeln sich. Das Häuten der Schlange (mit Verweis auf den Beitrag von Till Briegleb im Programmheft) verstehe ich eher als ein Verschachteln, ähnlich einer Matroschka.

Die Stärke der Inszenierung liegt nicht allein in der Stückauswahl, sondern vor allem in den theatralen Mitteln, mit denen das Erleben, die Situation des Protagonisten Connor und seine Emazipation von Fake Dad verständlich wird. Eine anschlussfähige, leicht konsumierbare Inszenierung würde schlicht den im Stück beschriebenen Schmerz und die befreiende Lust an ihm m. E. unangemessen wiedergeben.

Ein blinder Fleck im Stück und in der Inszenierung dürfte die extrem männlich gelesene entworfene Welt sein. Keine sichtbare geschlechtliche Vielfalt auf der Bühne und damit reproduzierter Ausschluss bzw. Verengung der Perspektive auf eine homosoziale Welt.
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