Redaktionsblog - Wiener Publikumsgewisper
Der Artgenosse als Rätsel
Dieser Beitrag ist Teil des nachtkriktik.de-Archivs. Er entspricht Layout und technischem Stand vor November 2021.
Vor mir saß eine wunderbar aufgeputzte Wiener Dame (geschätztes Alter 75, von ihr selbst gefühltes Alter 35), die ihrem Begleiter (in jedem Fall 20 Jahre älter) während der langen "Faust"-Stunden immer wieder ins Ohr flötete. Leider war nicht zu verstehen, was sie mitzuteilen hatte. Als der Abend überstanden war, rief sie laut und viel "Bravo!" in die Burgtheaterpublikumsherrlichkeit hinein. Das ist ja auch immer schön, Menschen bei ihrer Begeisterung zuzuschauen. Sie schluchzte schließlich, stand auf, zupfte am Haar: "Aber fad war's scho." Der Mann schaute ängstlich, ob wer seine Frau hat hören können, sie zupfte das Haar auf der anderen Seite: "Taugt eh net, des Burgtheater. I geh nur noch in die Oper, da hat's wenigstens Musik."
Verstehe einer den Artgenossen. Ein Rätsel.
Tags darauf, im Akademietheater, wo der Dichter Schimmelpfennig sein
jüngstes Werk selbst für die Öffentlichkeit hergerichtet hat, saß selbige Dame schräg hinter mir. Es muss ihr gefallen haben, sie hat viel gelacht. Oder es hat ihr nicht gefallen, aber sie hat dennoch gelacht. Oder sie hat sich an der Musik erfreut, denn merkwürdigerweise hat sie immer gelacht, wenn auf der Bühne die lustigen, kleinen Klangschalen ertönten. Ich glaube aber, sie hat die Klangschalen nicht gehört, sie waren regietheaterbedingt sehr leise.
Wahrscheinlich hat sie einfach so gelacht, man kann im Theater schließlich nicht oft genug lachen, so wie das Theater oft ist. Vielleicht weiß sie selbst nicht, was sie lachen ließ.
Die Wiener Artgenossen sind die schönsten Rätsel.
(dip)
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