Blutopfer

Till Briegleb findet, der neue Hamburger Kultursenator Reinhard Stuth habe sich bei der Senatsklausur, bei der es um die Kürzung des Haushalts um eine halbe Milliarde Euro ging, mehr als nötig dem Spardiktat gebeugt und mit Schauspielhaus, Bücherhallen und vor allem dem Altonaer Museum diejenigen "Institutionen ans Messer geliefert, von denen gerade der geringste Widerstand zu erwarten ist".

In der Süddeutschen Zeitung (24.9.2010) schreibt Briegleb: dem Schauspielhaus sei allein die gesamte Sparlast für die Staatstheater aufgebürdet worden, die "früher traditionell mit dem Thalia Theater und der Oper geteilt" worden seien. Es gebe "keine vernünftigen Argumente für diese einseitige Belastung".

Besonders grotesk sei es, dass die Schließung des Altonaer Museums kaum die gewünschte finanzielle Wirkung haben werde. Mitarbeiter dürften laut Bürgermeister Christoph Ahlhaus nicht entlassen werden, die Bestände müsste kostentreibend anderswo gelagert werden, der Mietvertrag laufe noch über 10 Jahre. Außerdem stünde in den "Gründungsdokumenten" der Stiftung Hamburger Museen, zu der das Altonaer Haus gehöre, "klipp und klar", keines der vier stadthistorischen Museen dürfe "wegen Haushaltsproblemen geschlossen werden".

Die beabsichtige Kürzung im Schauspielhaus-Etat bedeute dort, laut Interims-Intendant Jack Kurfess, die Schließung aller Nebenspielstätten inklusive des Malersaals und das Aus für eines "der erfolgreichsten Hamburger Theaterprojekte der letzten Jahre, das Junge Schauspielhaus von Klaus Schumacher". Außerdem bleibe das Haus "im Jahr 2012, wenn die dringend notwendige Erneuerung der Bühnentechnik ansteht", ganz geschlossen. Auch Ahlhaus' Lösungsvorschlag, "beide Hamburger Sprechtheater in Zukunft von einem einzigen Intendanten leiten zu lassen", brächte nichts, da Joachim Lux "solche Gedankenspiele" öffentlich "kategorisch" ausgeschlossen habe.

Peter Michalzik berichtet in der Frankfurter Rundschau (24.9.2010), wie nach der Premiere von Warteraum Zukunft und nach dem Bekanntwerden der Kürzungsbeschlüsse plötzlich gespenstische Stille im Deutschen Schauspielhaus einkehrte: " Niemand sagte etwas, es war wie eine plötzliche Depression. ... es war still, es war gespenstisch, es war ein Vorgeschmack." Die Kürzung der Zuschüsse um 1,2 Millionen für die kommende Spielzeit, also sechs Prozent der Zuschüsse von 19,9 Millionen und mehr als die Hälfte des künstlerischen Etats, habe "schlicht etwas Mieses". Die Politik habe das" führungslose Haus" als zur Zeit "schwächstes Glied der Hamburger Kulturkette" ausgemacht. "Geht es also wirklich, wie man jetzt überall befürchtet, um die Zerstörung eines großen Theaters? Oder agiert die Kulturbehörde unter dem neuen Senator Reinhard Stuth einfach nur planlos und inkompetent?", fragt Michalzik. Und zitiert Ulrich Khuon, vormals Chef des Thalia Theaters: Der Begriff "Todesstoß" sei nicht von der Hand zu weisen. "Guter Wille und Kompetenz reichen nicht aus, um diese Auflagen umzusetzen." Besonders irritierend am Vorgehen der Politik, so Michalzik weiter, sei, dass es aussehe, als "möchte man ein anderes Schauspielhaus, weiß aber nicht welches". Er zitiert noch einmal Khuon: „Mit diesen Sparauflagen einen halbwegs kompetenten Intendanten zu finden, ist unmöglich."

 

 
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