Unwiderstehlich und sexy

3./4. November 2010. Völlig aus dem Häuschen ist Regisseur Volker Lösch angesichts der Stuttgart 21-Protest-Erfolge. In der Frankfurter Rundschau verklärt er die Demonstrationen zur großen theatralen Aufführung:

"Stuttgart ist Theater des Jahres 2010. Jetzt schon. Uneinholbar vorne. Stuttgart ist die beste, beeindruckendste und in der Fülle geglückter Inszenierungen beständigste Open-Air-Bühne Deutschlands. Die Schwabenmetropole ist in diesen Tagen und Monaten aufgrund der vielfältigen Formen ihres kulturell geprägten Widerstandes einmalig originell. Unwiderstehlich und sexy. Schwabenstreiche, Flashmobs, Kunstaktionen an Absperrgittern, Bürgertreffen, Massendemonstrationen – wahre Feste einer zum Leben erwachten Leidenschaft für mehr Demokratie!"

Und - natürlich, wenn es um Volker Lösch geht - gleich kommt wieder einer daher, diesmal ist es Rüdiger Schaper, Theaterkritiker und Ko-Kulturchef des Berliner Zetung Der Tagesspiegel (4.11.2010) und schreibt über den von Lösch angeleiteten und angefachten "Fanatismus" der Stuttgarter, weil die halt nicht ihren Bahnhof für  vier bis neun Milliarden unter der Erde suchen wollen.

Während sich Lösch angesichts Performativität der lebendigen Demokratie geradezu überschlägt (und damit indirekt die Wirkungsmacht seiner eigenen Theaterarbeit in Frage stellt), wurde der Schauspieler Walter Sittler, eines der prominentesten Gesichter des Protests und von 1988-95 Ensemblemitglied am Staatstheater Stuttgart, Opfer der flatternden Nerven eines Stuttgart-21-Befürworters: Wie Spiegel online berichtet, veröffentlichte der baden-württembergische CDU-Generalsekretär Thomas Strobl in einem Newsletter ein Foto Sittlers und die Bildzeile: "Sein Vater war Nazi-Funktionär und arbeitete für Reichspropagandaminister Joseph Goebbels: Walter Sittler, Propagandist der S21-Bewegung." Inszwischen hat sich Strobl bei Sittler entschuldigt.

Schon vor einigen Wochen trafen in Stuttgart die Proteste auf das Theater: Damals gab es kaum eine Veranstaltung mit dem Oberbürgermeister, die nicht wegen des Umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 gesprengt wurde. Bis Hasko Weber mitdiskutierte, Intendant des Stuttgarter Staatstheaters. Da wurde der Theatermacher zum mustergültigen Moderator, wie Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung erstaunt berichtete.

 
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