Flächenbrand in zersplitternder Gesellschaft

17. November 2010. Auf Welt-online schreibt heute Stefan Keim überblickshaft über den "Flächenbrand", der zurzeit die deutsche Theaterlandschaft zerstört. Wo viele Städte mit "radikalen Sparlisten" der drohenden Überschuldung entgegenzuwirken trachten, treffe es die "freiwillige Leistung" Kultur besonders hart. Dabei verstehe sich fast jedes Theater inzwischen "als demokratisches Forum, in dem sich Bürgergruppen begegnen, die sonst keinen Kontakt zu einander finden". Das gebe einer "zersplitternden Gesellschaft" immerhin "die Möglichkeit einer Zusammenkunft".

Am Theater Bonn hätten die bisher eingesparten 14 Millionen Euro bereits den Verlust von Johan Kresniks Tanzsparte und den des internationalen Festivals Biennale zur Folge gehabt. Die nun geplante weitere Kürzung um 3,5 Millionen Euro bedeute de facto die Schließung einer Spielstätte und eine Reduzierung des Schauspiels. Bei der zunächst bekannt gewordenen Kürzungssumme von 7 Millionen, müsste das Schauspiel sogar zur Gänze geschlossen werden. Denn die Oper bleibe eine "heilige Kuh: Die Stadt setzt auf Beethoven als kulturelle Marke, das Orchester steht außerhalb jeder Spardebatte". Am meisten seien die gut besuchten Kammerspiele im Bonner Stadtteil Bad Godesberg gefährdet. Das Prestigeprojekt "Festspielhaus", das von Sponsorenunterstützung ortsansässiger Großbetriebe getragen werden sollte, sei gescheitert. Auch kleinen Bühnen drohe das Aus. Überdies habe die Stadt derzeit keinen Kulturdezernenten. Und wenn der neue dieser Tage antritt, gehe er "nach Auskunft des Presseamtes erst mal ein paar Wochen in den Urlaub".

Auch wenn die Sparvorhaben in größeren Städten wie Köln und Hamburg wieder abgemildert worden seien, habe die Debatte "unangenehme Nachwirkungen": Der "andauernde Überlebenskampf" der aus finanziellen Gründen zur Disposition gestellten Theater "bindet Kräfte. Trotzdem müssen sich Intendanten und Geschäftsführer immer wieder mit unbedarften Äußerungen" der Politiker, wie etwa dem des neuen Hamburger Kultursenators Reinhard Stuth, auseinandersetzen. Ihm war z.B. "völlig unbekannt", dass 90% eines Stadttheater-Etats Fixkosten sind. Am Thalia-Theater Halle versuche man die Beschäftigten regelrecht zu erpressen: Entweder wird das Kinder- und Jugendtheater geschlossen oder "die Beschäftigten verzichten auf Geld und stimmen einem Haustarifvertrag mit niedrigeren Bezügen zu".

Vor dem Nichts oder zumindest vor enormen Problemen stünden die westfälischen Landesbühnen Castrop-Rauxel und Detmeld, sowie die Stadttheater in Wuppertal, Hagen und Oberhausen. Und dass, obwohl die kulturpolitischen Sprecher aller großen Parteien NRWs vor der letzten Wahl angekündigt hatten, die Landeszuschüsse anzuheben. Stattdessem zahle das Land bisher weiterhin "bloß einen Bruchteil dessen, was anderswo üblich ist. Nette Worte gibt es viele, jedoch keine Taten."

 

Mehr zur finanziellen Lage der Theater im nachtkritik-krisometer.

 

 
Kommentar schreiben