Die Firma wankt

12. Oktober 2011. Am vergangenen Montag war gemeldet worden, dass eine Findungskomission des Baden-Württembergischen Staatsschauspiels Stuttgart den Regisseur und Intendanten des Berliner Maxim Gorki Theaters Armin Petras als Nachfolger des Stuttgarter Intendanten Hasko Weber empfiehlt.

Im Interview mit Dirk Pilz von der Berliner Zeitung bekräftigt Armin Petras seine Absicht, nach Stuttgart zu wechseln, und macht die Berliner Politik für seinen Abwanderungswillen verantwortlich: Trotz erstmals über 90 Prozent Auslastung im Monat September und Lob seitens der Stadtoberen für das Maxim Gorki Theater, habe es immer stärkere "Abnutzungserscheinungen" gegeben: "In den letzten acht Jahren sind 800 000 Euro Aufwendungen verschwunden, die wir nicht zu verantworten haben", so Petras. "Ich bin nicht der Mensch, der jede Woche nach Geld fragt."

Das Studio des Gorki Theaters müsse das nächste halbe Jahr geschlossen bleiben, "weil wir es nicht mehr bespielen können. Und ich müsste jetzt fünf Leute entlassen. Man muss als Künstler auch ab und zu ein Zeichen setzen." Das Gorki könne "überhaupt nur noch existieren, wenn wir Geld aus Koproduktionen und Projektmitteln einspeisen. Das ist absurd: So kann ich so eine Firma nicht leiten."

Was ihn an Stuttgart reizt? "Stuttgart ist in Deutschland für mich das Fremdeste. Ich habe mich sehr lange mit dem Umbruch im Osten beschäftigt, es sollte für mich jetzt auch mal neue Themen geben. Als ich damals am Gorki angefangen habe, haben ja alle gesagt: Das kann nichts werden. Wir haben eine eigene Sprache gefunden. Warum soll das nicht auch in Stuttgart gelingen?"

(chr)

 

Zeichen ohne Wunder

13. Oktober 2011. Maxim-Gorki-Theater-Intendant Armin Petras und seine Gründe für den geplanten Wechsel Richtung Stuttgart sind heute Thema in mehreren Medien. Auf die Frage, ob die Berliner Politik denn wusste, wie es um das Gorki-Theater stehe, sagte Petras der dpa in einem Interview, das bei Zeit online zu lesen ist: "Doch natürlich. Es gibt nicht nur jährliche Pläne, die vom Theater an den 'Dienstherrn' gesandt werden, sondern auch vierteljährliche Berichte." Zu seinen Wechselgründen sagt er dort: "Bei mir ist es so, dass der Mensch, Autor und der Regisseur Armin Petras nichts lieber im Leben täten als in Berlin zu bleiben. Aber der Intendant Armin Petras sagt ganz klar: Ich kann nicht auf der Bühne politisches und soziales Theater machen und mich dann als Intendant apolitisch verhalten. Deshalb musste ich dieses Zeichen setzen."

In der Berliner Zeitung, in der Petras gestern behauptete, in den letzten Jahren seien 800.000 Euro Aufwendungen verschwunden, fragen Birgit Walter und Dirk Pilz heute, ob das stimme: "2003 bekam das Gorki-Theater Fördermittel von 8,7 Millionen Euro, 2010 waren es nur noch 7,8 Millionen, also 900.000 Euro weniger. Armin Petras aber trat nicht vor acht, sondern vor fünf Jahren seine Intendanz an, die ersten 500.000 Euro waren also schon seinem Vorgänger Volker Hesse weggenommen worden."

Petras habe also gewusst, wie ungerecht mager sein Etat im Vergleich zu den anderen Großbühnen der Stadt ausfallen würde. "Die Tarifsteigerungen wurden ihm zum großen Teil ersetzt. Trotzdem hat Petras heute 400.000 Euro weniger für die künstlerische Arbeit als am Anfang, einfach weil andere Kosten gestiegen sind, die Lagermieten, Bühnenbilder, Probebühnen. Wenn jemand so knapp anfängt, spürt er eben jede weitere Verknappung existenziell."

Dass die finanziellen Schwierigkeiten am Gorki, das Petras 2006 übernahm, nicht neu sind, räumt er auch Patrick Wildermann gegenüber im Berliner Tagesspiegel ein. "Schon sein Vorgänger, Volker Hesse, hatte mit hohen Bilanzdefiziten zu kämpfen." Petras sei mit der Losung angetreten: Wir schaffen das mit weniger Geld. Was auch gelang, mit einer Verdoppelung der Premierenzahl schon im ersten Jahr. Allerdings sei dem Gorki genau das zum Verhängnis geworden, was zunächst die Budgetierung aufbesserte und zu einer Art Markenzeichen des Theaters wurde – die hohe Zahl an Koproduktionen und Kooperationen mit anderen Bühnen und Festivals.

"Was wir als Ergänzung zur bestehenden Struktur erfunden haben, hat sich zum Zwang verkehrt", sagt Petras laut Tagesspiegel. "Wir können vielfach gar nicht mehr anders produzieren." Die 800.000 Euro Zusatzausgaben, die das Gorki inzwischen pro Jahr aus dem Gesamtetat kompensieren müsse, setzten sich zusammen "aus Tariferhöhungen, die nicht ausgeglichen wurden, aus Umzugskosten der Werkstätten und vielem mehr. Zwar habe das Haus die Eigeneinnahmen schon von 1,2 auf 2,2 Millionen Euro steigern können." Dennoch sei im März eine Haushaltssperre verhängt worden, die Zahl der Premieren im großen Haus werde in dieser und der nächsten Saison reduziert.

(ZEIT online / Berliner Zeitung / Tagesspiegel / geka)

Kommentar schreiben