Ein Tabu-Thema?

14. April 2012. "In wohl kaum einem anderen Beruf herrscht ein solch krasses Missverhältnis zwischen öffentlicher Wahrnehmung und alltäglicher Realität, zwischen dröhnendem Applaus und drohender Armut," schreibt Jenny Schmetz in der Osterausgabe der Aachener Zeitung (wo wir ihn erst heute entdeckt haben). Wer, so Schmetz, denke nicht zuerst an Glamour, Fans und Autogramme, wenn er hören würde: 'Ich bin Schauspielerin'? "Klingt ja auch eindeutig aufregender als 'Ich bin Sachbearbeiterin'."

Das sexy Künstler-Image ist nach Ansicht der jungen Kulturredakteurin der Aachener Zeitung mit schuld am verzerrten Berufsbild von Schauspielern. Allerdings trügen auch die Schauspieler selbst zu diesem Unwissen bei. "Wer fragt, wie sie denn bezahlt werden, rennt in Nebelwände, hört viel von Diskretion und Schweigevereinbarungen, Konkurrenz und Marktwert. "Geld - ein Tabuthema?" Jenny Schmetz hat mit einigen Schauspielern am Theater in ihrer Stadt gesprochen, mit Emilia Rosa de Fries zum Beispiel, einem Jungstar des Aachener Theaters.

"Es erfüllt mich, mich ausdrücken zu können, Figuren darzustellen, Geschichten zu erzählen, den Kontakt zum Zuschauer herzustellen", wird die Fünfundzwanzigjährige zitiert. "Das hat viel mit Herz zu tun. Mir geht es nicht ums Geld." Genauso sehe das ihre dreizehn Jahre älterer Kollege Mike Kühne: "Materieller Luxus ist für mich nicht relevant. Dafür gehe ich lieber jeden Tag zufrieden 'auf Arbeit'." Selbstverwirklichung also - und nicht Selbstausbeutung?, fragt Autorin Jenny Schmetz und erhält von Emilia Rosa de Fries zur Antwort: "Selbstausbeutung? Ein bescheuertes Wort!"

Dann präsentiert Schmetz die nackten Zahlen. Das Einzige, was der Tarifvertrag für fest angestellte Schauspieler regele, schreibt sie, sei die Mindestgage. "Sie beträgt an öffentlich getragenen Theatern in Deutschland derzeit 1600 Euro. Brutto. Alles, was darüber hinausgehen soll, muss der Schauspieler mit dem Intendanten frei aushandeln. Die Folge: Viele bleiben ihr Leben lang in den unteren Gagenregionen hängen. Wirkliche Spitzenlöhne erhalten nur die Stars, das heißt: sehr wenige."

So stünden fette Honorare neben Hungergagen. Wer es an eine der gut zwei Handvoll Spitzenbühnen in Deutschland schaffe, könne 5000, 6000 Euro im Monat verdienen. "Anders an den vielen kleinen und mittleren Stadttheatern: Am Theater Aachen etwa liegt der Schauspieler-Spitzenverdienst nach Angaben des Personalrats derzeit bei 3400 Euro, ein Anfänger bekommt rund 1700 Euro, plus 72 Prozent des Grundgehalts als Sommer- und Weihnachtszuschlag. Im Schnitt erhalten Schauspieler an öffentlich subventionierten Häusern in Deutschland rund 2500 Euro, am Theater Aachen 2180 Euro."

Die also, die im "Rampenlicht glänzen" müssten, verdienten im deutschen Stadttheatersystem am wenigsten. Chorsänger und Orchestermusiker würden, so Jenny Schmetz, dank anderer Tarifverträge und diverser Zuschläge – etwa für Überstunden – besser als Schauspieler bezahlt. Sogar ein ungelerner Beleuchter verdiente in Aachen mehr, als eine ausgebildete Schauspieler-Anfängerin. Dennoch übten die Schauspieler selbst in der Regel am System keine Kritik, sondern andere: "Etwa Adil Laraki, NRW-Vorsitzender der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger: 'Ich finde es unmöglich, dass ein Profi, der vier Jahre studiert hat, mit 1600 oder 1700 Euro abgespeist wird.' Die Arbeitgeberseite sieht das naturgemäß anders: Rolf Bolwin, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, sagt: 'Unser Theatersystem ist das sozialste der Welt'."

(sle)

 

Die Schauspielerin Emilia Rosa de Fries stand in Aachen unter anderem 2011 in Ronny Jakubaschks Inszenierung von Harper Regan auf der Bühne.

 

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