Bitte, liebes Stadttheater, halte durch!

16. Mai 2013. Ijoma Mangold zieht auf Zeit Online (16.5.2013, 15:15 Uhr) eine Zwischenbilanz zur Halbzeit des 50. Theatertreffens, er glaubt, das Theatertreffen zeige den Interessierten, "was auf der Bühne state of the art ist". Jetzt, da die Institution "Stadttheater" immer mehr unter Druck geraten sei, gewinne das Wort an Glanz – "weil die Sache, für die es steht, bedroht ist". Sie verbinde "Freiheit und Verlässlichkeit, Experiment und Tradition", sie, die Sache, das Stadttheater sei "ein Teil unserer Lebensform und lässt uns einzig dastehen in der Welt".

Eine wichtige Erfahrung: Theater sei eine "radikale Individualitätsangelegenheit". "Radikal verschieden" sei das "Rezeptionserlebnis jedes einzelnen Zuschauers".

Sehr zufrieden ist der Literaturkritiker (die Literatur betont er selbst) mit Thalheimers "Medea". Die großartige Constanze Becker spiele mit der ganzen Wucht einer antikischen Tragödin. Das ziehe einem "den Boden unter den Füßen weg", da brauche es keine "Regie-Mätzchen", um zu provozieren.

Rätselhaft dagegen bleibe, was Sebastian Hartmann an Lew Tolstois "Krieg und Frieden" gefallen habe, fünf Stunden, ein nicht enden wollender Theaterabend. Jeder Satz werde so gesprochen, als sei er "irgendwie lächerlich und die Figuren völlig verblendet". Außer dass er immer auf Distanz zur Vorlage gehe, finde Hartmann "keine eigene Haltung" zu seinem Stoff.

Elfriede Jelineks "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" habe seine Jelinek-Vorbehalte wie ein "Kartenhaus zusammenfallen" lassen, bekennt Mangold. Bei der "stillen Lektüre" gebe es ja tatsächlich eher "so einen Runterzieh-Sog"... anders auf der Bühne! Die "Wahrheit und die Schönheit" des Textes käme, von "diesem exzellenten Ensemble" gespielt, geradezu "leichtfüßig" daher. "Selten war Konsumkritik so schwelgerisch, so genussvoll." Unvergleichlich: Sandra Hüller, der Star des ganzen Theatertreffens.

Bei "Reise durch die Nacht", ein "Trauma- und Albtraummonolog", zwinge die "aufwändige Kameratechnik" den Zuschauer in "eine schmerzhafte Unmittelbarkeit". Das Schauspiel Zürich zeige mit "Heiliger Johanna der Schlachthöfe", dass Brechts "ziemlich kulinarisch" sei, gar nicht papieren. Brechts "Analyse des Kapitalismus (Verelendungstheorie!)" überzeuge trotz Finanzkrise nicht. Aber sein "Verfremdungstheater", von den Zürchern mit der größten Spiellust vorgeführt, sei "herrlich unterhaltend".

(jnm)

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