Den Zipfel Zukunft erwischt

8. Mai 2025. Virtual Reality hat am Theater einen zwiespältigen Ruf: Spektakulär, aber oft nicht ganz ausgereift und der zu erzählenden Geschichte nicht immer zuträglich. Das Theatertreffen-Gastspiel von "[EOL]. End of Life" setzt nun einen neuen Referenzwert: So erzählerisch komplex und technisch perfekt gab's Theater-VR bislang noch nie.

Von Christian Rakow

"[EOL]. End of Life" von Victoria Halper & Kai Krösche © DARUM

8. Mai 2025. Üblicherweise erhalten Theatertreffen-Gastspiele bei nachtkritik.de einen Shorty, der punktuell und thesenhaft verfahren kann, weil er die Premierenkritik vom Herkunftsort im Hintergrund hat. Bei "[EOL]. End of Life" vom Kollektiv DARUM (Kai Krösche und Victoria Halper) wäre das an sich anders, weil nachtkritik.de hier die Premiere am brut Wien verpasst hat. 

Aber wie anders als "short" sollte man über ein Stück schreiben, bei dem praktisch jedes Wort über das Erlebte schon ein zu viel an Ausplauderei wäre? "[EOL]" hebt das Problem des "Spoiler-Alarms" in der Theaterkritik wirklich auf ein ganz neues Level.

Löschen oder speichern?

Unter einer VR-Brille durchstreifen wir eine "virtuelle Ruinenlandschaft". Nicht einfach zum Spaß, sondern mit konkretem Auftrag: Die Tech-Firma "IRL" bastelt an einem Update ihres Metaverse. Und um dieses möglichst hübsch und cozy und konsumierbar zu machen, sollen wir die Vorgängerversion 1.0 nach unschönen Umgebungen und Datenmüll durchforsten. Raum für Raum geht es voran und immer stehen wir am Ausgang vor der Wahlmöglichkeit: Löschen wir diesen Bereich oder empfehlen wir ihn für die "Migration" in die neue Version 2.0?

Genügt es also gleich eingangs etwa, dass in einem ländlichen Idyll ein toter Fisch durchs verpixelt ruhende Wasser treibt, damit ich sage: Nee, lasst mal, solche farcehafte Ökologie muss nicht bewahrt werden? Mein reiflich überlegtes Nein erregt durchaus Missfallen bei der freundlichen, aber bestimmten Firmen-Avatarin, die im "Tutorial" auf die technischen und inhaltlichen Erfordernisse dieser Reise vorbereitet.

Herrlichste Polygonästhetik

Aber klaro, diese Huxley-mäßig glatte Kommerz-Oberfläche, die so sehr nach Facebook (Meta) und Konsorten schreit, lädt natürlich unmittelbar zum Widerspruch ein. Und tatsächlich werden wir bald auf Abwege, jenseits der vorgegebenen Firmen-Pfade geraten. Aber davon nun wirklich nichts weiter, sonst macht man den Besuch kaputt.

Technisch und in seiner erzählerischen Tiefe ist "[EOL]" das komplexeste VR-Stück, das mir im Theaterkontext bislang begegnet ist. Die Ankündigung von 90 Minuten Spieldauer – in VR! – klingt ja eigentlich nach Overkill. Man kennt doch diese etwas unwirtlichen Erlebnisse mit drückender Oculus Rift-Brille und Kopfhörern, wenn man bewegungsarm auf etwa 9 Quadratmetern realer Fläche umhertapst, aber im Kopf eben schwindelnde Weiten erfährt, sinistre Labyrinthe, sphärische Gewässer. Aber hier sind diese so smooth und ruckelfrei programmiert (Mark Surges), so voller herrlichster Nullerjahre-Polygonästhetik, dass kein Moment zu lang wird. Und der auf Thriller gestrickte Plot verfängt.

Eigenwillig und apart

Er wirft auch handfeste ethische Probleme auf: Natürlich möchte man Vergangenes bewahren, das Auslöschen von individuellen Lebensdaten im Dienste einer stromlinienförmigen Konzern-Zukunft vereiteln, und sozusagen die Bibliotheken, das Gedächtnis, das Andenken der Menschen schützen. Aber gilt dieser Imperativ noch so einfach, wenn die Vergangenheit qua Verwandlung in Künstliche Intelligenz ein gespenstisches Eigenleben entwickelt? Wenn sie sich nicht nur zur Anschauung und Interpretation darbietet, sondern selbstmächtig zur Interaktion herandrängt? Erleben wir dann unseren "Hamlet"-Moment: die geisterhafte Begegnung mit den Toten, die ihren Auftrag an uns weiterreichen? Der uns potentiell wahnsinnig macht?

Mit "[EOL]" hat das Theatertreffen einen Zipfel Zukunft erwischt, eine Ahnung von Performancekunst, wie sie einmal ausschauen wird: nicht mehr human to human, aber immer noch theatral, hochgradig Feedback-getrieben, interaktiv. Es ist die eigenwilligste, aparteste und speziellste Einladung seit dem Corona-Meilenstein "Show Me A Good Time" von Gob Squad. Wirklich bemerkenswert.

PS. Service-Hinweis: Die Arbeit ist komplett auf Englisch. 

[EOL]. End of Life
von Victoria Halper & Kai Krösche (DARUM)
Texte: Kai Krösche, Regie & Story: Victoria Halper und Kai Krösche, 3D-Architektur & Ausstattung (Virtual Reality): Mark Surges, Character Design & Animationen, Kostümdesign, Photogrammmetrie Scanning, Motion Capturing, Videos: Victoria Halper, Musik: Arthur Fussy, Ausstattung (Liveperformance): Matthias Krische – Ausstattung (Liveperformance), 3D-Object-Animationen: Kai Krösche, Mark Surges, Creative Coding, Motion Capturing, Lichtdesign & ergänzendes Sounddesign: Kai Krösche, Zeichnungen: Alexander Tingrui Wülferth.
Mit: Victoria Halper, Kai Krösche, James Stanson

brut-wien.at

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EOL, Theatertreffen 2025: Kein Sog
Technisch und ästhetisch ist „[EOL]. End of Life“ sicher die ungewöhnlichste Position der 10er-Auswahl: als Einzelkämpfer werden die Zuschauer durch knapp 100minütige Zeit-Slots im Gropius-Bau in eine aufwändig konstruierte virtuelle Realität geschleust. Sobald man die Installation von Yoko Ono passiert, die auf die Dauer doch sehr unbequeme, klobige VR-Brille aufgesetzt und alle Instruktionen der realen Assistenten der Produktion und der weiblichen Avatar-Stimme einer fiktiven Firma überstanden hat, geht es auf Spezialmission. Jeder Teilnehmer hat die Aufgabe, die digitalen Hinterlassenschaften Verstorbener zu prüfen: Ist das Müll oder kann das weg, lautet die Frage, die man sich nach jeder Station im virtuellen Fahrstuhl stellen muss.

Trickreich lotst die Produktion auf Ab- und Irrwege, in die verwinkelten Toiletten eines Berghain-artigen Techno-Tempels, in die mythische Welt der Sphinx, auf ein Floss. Visuell und inhaltlich wirkt die „performative Installation“, so die Selbstbezeichnung der Produktion, wie ein Fantasy-Game. Die Berliner Kritik jubelte über einen Meilenstein der VR-Arbeit, für mich stellte sich jedoch der von manchen beschriebene Sog nicht ein. Zu Beginn irritierten kleinere technische Unebenheiten, klischeehaft ist das Finale.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/10/eol-end-of-life-theatertreffen-kritik/
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