Die Angst des Fußballfans vorm Theater

von Wolfgang Behrens

10. Mai 2016. In einer Woche wird Jürgen Klopp seine Liverpooler ins Europa-Cup-Endspiel gegen den FC Sevilla führen, und unter normalen Umständen würde ich da am Fernseher kleben, eine Flasche Bier in der Hand, und laut "Trust in Klopp" brüllen. Tatsächlich aber werde ich irgendeine Vorstellung des Theatertreffens abhocken. Anderthalb Wochen später ist dann das Champions-League-Endspiel, anstatt jedoch, wie es natürlich wäre, Atletico in einer Fußball-Kneipe die Daumen gegen den Erzfeind Real zu drücken, werde ich in der "Zauberberg"-Premiere am Deutschen Theater sitzen, um danach die Nachtkritik zu schreiben. Ehrlich gesagt, ich verstehe die UEFA nicht: Wie kann sie diese wichtigen Spiele parallel zum Theatertreffen und zu einer großen Theaterpremiere legen? Und wie soll das, bitteschön, erst während der Europameisterschaft werden?

Knien oder strampeln

von Dirk Pilz

3. Mai 2016. Heute vor vierhundert Jahren ist William Shakespeare von uns gegangen. Das ist traurig, wieder einer tot. Wir wollen seiner deshalb gedenken. Shakespeare ist der Größte. Der Beste. Der Unbegreiflichste. Niemand wird so oft zitiert, außer die Bibel. Er ist der Autor mit der höchsten Auflage, abgesehen von Bibel und Koran. Er ist der am meisten besungene, bestaunte, belobigte Mensch auf Erden, nach Jesus, Mose und Mohammed.

Die Freiheit des Draußen

von Georg Kasch

26. April 2016. Jetzt also auch noch Prince. Nach David Bowie, dem Identitätsjongleur, hat der nächste androgyne Großkünstler die Bühne verlassen. "Wenn man irgendwo lernen kann, dass Grenzen Blödsinn sind, sexuell, ästhetisch, ethnisch, dann bei Prince", schrieb der geschätzte Kollege @zahnwart auf Facebook. Peaches, selbst eine queere Ikone, fasste ihn so: "Er ist weder eine Drag Queen, noch ist er eine Frau, die ihre maskuline Seite betont. Nein, er ist trotz allem dieser absolute Machotyp, der sich aber wie selbstverständlich aufrüscht und in High Heels und Reizwäsche herumstolziert."

Puppen

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Puppen auf nachtkritik.de bisher: 574 Mal

19. April 2016. Puppen am Theater: gibt es wohl, seit es Theater gibt. Die Bedenken gegen Puppen am Theater, sie hätten etwas Kindisches oder Verstaubtes an sich, wird man rasch ausräumen, wenn man aktuell, neben vielen anderen Beispielen, an Nikolaus Habjans Handpuppen auf deutschen und österreichischen Bühnen denkt oder, weiter zurückliegend, an die monströse Jelinek-Puppe, die 1995 bei Castorf ihren Auftritt hatte. Ist sie wirklich so groß gewesen? Ich glaube mich zu erinnern, sie sei übergroß gewesen. Vielleicht war ich damals aber selbst einfach so klein. Oder man wird, im Publikum sitzend, so sehr zum Hinaufschauen vergattert.

Im Dunstkreis des Herrn Erdoğan

von Esther Slevogt

12. April 2016. Nein, ich werde nicht über Jan Böhmermann schreiben. Weil ich wirklich sauer bin, dass dieser Fernsehklugscheißer, den ich für seine Varoufake-Aktion noch bewundert habe, nun ausgerechnet einem schlimmen Autokraten wie Herrn Erdoğan einen derartigen Auftritt, derartige Medienpräsenz und Meinungsmacht verschafft. Auch wenn wahrlich peinlich bleibt, dass Staatsoberhäupter sich überhaupt mit derlei Angelegenheiten befassen.

Wittgensteins Enkel

von Wolfgang Behrens

5. April 2016. Seit ich kein Zuschauer mehr bin, sitze ich im Theater auf anderen Plätzen. Na klar, die Presseabteilungen verfrachten einen Kritiker naturgemäß nicht in die letzte Reihe unterm Rang, wo man nix hört, und auch nicht auf den äußersten Seitenrang oder hinter eine Säule, wo man nix sieht. Ob die Plätze damit besser geworden sind, steht dahin. Denn jetzt sitze ich meist zusammen mit anderen Kritiker*innen in so einer Art Schlechte-Laune-Block. Es stimmt zwar nicht, dass alle Kritiker*innen grundsätzlich schlecht gelaunt sind – fast jeder*r für sich genommen ist ganz zauberhaft (mit zwei, drei Ausnahmen) –, aber jede*r glaubt natürlich, die anderen seien schlecht gelaunt, und das steckt dann an. Am Ende sind doch wieder alle schlecht gelaunt, womit die Prämisse des vorigen Satzes widerlegt wäre.

Wegschaffungswille

von Dirk Pilz

29. März 2016. Das Zürcher Neumarkt Theater soll weg. Es liegt ein Papier der Schweizerischen Volkspartei (SVP), der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) und der Liberalen (FDP) vor. Darin wird die Abschaffung des Theaters gefordert. Nicht verdruckst, wie derlei sonst zu geschehen pflegt, sondern in aller unmissverständlichen Deutlichkeit. Das ist gut. Man weiß jetzt, woran man ist.