Ist das Theater gentrifiziert?

von Juliane Kann

8. Oktober 2020. Ich habe sieben Jahre, also lediglich ein Fünftel meines Lebens in der ehemaligen DDR verbracht, und lediglich ein Fünftel meiner Inszenierungen in der ehemaligen DDR erarbeitet. Ausgerechnet meine letzte Arbeit, deren Premiere zwei Tage vor dem 30. Jahrestag der Wiedervereinigung lag, hat im ehemaligen Osten der Bundesrepublik, am Staatstheater Meiningen, stattgefunden und begleitet mich auch nach der Premiere noch nachhaltig.

Unter Kosmopoliten

Ich bin am 7. Oktober im Südwesten Mecklenburgs geboren. Dem Staatsfeiertag der DDR. Als 1989 die Mauer fiel, war ich sieben Jahre alt und angemessen traurig darüber, dass mein Geburtstag nun nicht mehr der größte Feiertag der Republik und damit ein Tag voller Vorzüge sein würde. Für ein bewusstes Erinnern an den untergegangenen Staat bin ich ein paar Jahre zu spät geboren, ausreichend sozialisiert durch Misstrauende, Skeptische, Enttäuschte, aber auch genug Hoffende und Vertrauende.

Bundesarchiv Bild 183 T0629 0316 Meiningen TheaterDas Staatstheater Meiningen 1978 © Bundesarchiv Bild 183 T0629 0316

Meine Herkunft hat bisher niemanden am Theater interessiert. Kommt es in Gesprächen doch mal zur Sprache, ist die Reaktion folgende: "Ehrlich? Merkt man gar nicht." Kein Dialekt gibt einen Hinweis. Meine Vokale gestalte ich nach viel Übung nicht mehr auffällig lang, wie man das in der verlassenen Region, aus der ich komme, für gewöhnlich tut – einer von vielen Abgrenzungsversuchen, nicht zu klingen wie die Menschen von dort. Weil meine Sprache nicht verrät, woher ich komme, gibt es keinen Grund danach zu fragen. Ich hätte vieles andere werden können, vieles andere werden sollen, doch entschied mich fürs Theater. Ich entschied mich dafür, zu den Kosmopolit*innen gehören zu wollen. Dafür habe ich studiert, assimiliert und adaptiert wo ich konnte, und gehe heute ohne Probleme als Kosmopolitin durch. Die meist fehlende Nachfrage nach meiner Herkunft sehe ich als ultimative Bestätigung.

Ein Theater, das dem in den Metropolen in nichts nachsteht

Kosmopolitische Intendant*innen haben mich bei Anstellungsgesprächen nicht nach meiner Herkunft gefragt, sondern mich selbstverständlich als Kosmopolitin engagiert, um mit mir kosmopolitische Themen auf kosmopolitische Weise, also kosmopolitische Kunst, mit einem kosmopolitischen (leider vielerorts noch nicht diversen) Ensemble zu machen.

In Meiningen hat ein nicht aus den neuen Bundesländern stammender Intendant und sein nicht aus den neuen Bundesländern stammender Schauspieldirektor ein Stück eines nicht aus den neuen Bundesländern stammenden Autors als Spielzeiteröffnung für das Meininger Staatstheater gewählt, das von mir, einer zwar aus den neuen Bundesländern stammenden, aber als Kosmopolitin engagierten und akzeptierten Regisseurin inszeniert werden sollte. Der Intendant und sein Schauspieldirektor des Staatstheaters Meiningen haben den Anspruch, Theater zu machen, das dem in den Metropolen in nichts nachsteht. Daran gibt es nichts auszusetzen. Auch ich habe ihn. Daran gibt es etwas auszusetzen.

Sklavenleben 560 Liebig u"Sklaven leben" in Meiningen: Wer zeigt hier mit dem Finger auf wen? © Marie Liebig

Ein Gedanke, der mir vielleicht zu spät für die Produktion in Meiningen kommt, aber nicht grundsätzlich zu spät: Ist das Theater gentrifiziert? So wie sich mittlerweile alle europäischen Innenstädte gleichen, sollen die Inhalte der Theaterhäuser bundesweit einander angeglichen werden? Eine Einheit bilden, ja! Gleichstellung, ja! Aber bitte keinen Einheitsbrei und Gleichmacherei! Natürlich wurde die Auswahl von Stück, Autor und Regie des kosmopolitischen Intendanten unter der Prämisse getroffen, dass alle teilhaben sollen an gesellschaftlichen Debatten, dass die Risse der Gesellschaft hoffentlich endlich verkleinert werden können. Diese Ambition teile ich. Das dafür gewählte Stück von Konstantin Küspert, "sklaven leben", wurde ursprünglich als Auftragswerk für das Schauspiel Frankfurt geschrieben. Frankfurt, das Zentrum der globalen Finanzwirtschaft. Global Player. Neben dem Appell, den Kolonialismus endlich aufzuarbeiten, werden vom Autor tiefliegende strukturelle Probleme einer globalisierten Welt und des kapitalistischen, ergo ausbeuterischen Systems im Umgang mit Sklaverei aufgedeckt.

Das Urteil: zu amerikanisch

Ich habe das für mich mit Begriffen wie z.B. Racism, White Supremacy, Stereotypes, White Saviorism oder Cultural Appropriation, die einen sagen, amerikanisiert, die anderen globalisiert, ich sage kontextualisiert. Für mich war selbstverständlich, dass wir mit diesen Begriffen aus aktuellen Debatten umgehen. Ich war froh darüber, endlich eine Sprache dafür zu haben, nicht selbstverständlich davon ausgehend, dass alle diese Begriffe kennen, aber kennen sollten. Dieser Meinung bin ich nach wie vor.

Ich habe natürlich auch versucht die deutsche (Un-)Einheit im Sinne des Textes ironisch mitzuerzählen. Die Darsteller*innen wurden in Kostüme verpackt, die Kopien von Showoutfits bestimmter Moderator*innen von Spielshows aus dem Westen sind. Über Dekoration und Videokommentare wurden diese Shows ebenso zitiert. Es sollte global und lokal sein. Ich war mir sicher, die Übertragungsleistung würde funktionieren, es würde doch jeder verstehen, dass hier auch Themen der ehemaligen Ostdeutschen verhandelt würden. Ich weiß nicht, ob die Inszenierung so verstanden wurde, aber eine Anekdote gibt mir zu denken und ich muss fürchten, keinen Dialog initiiert, sondern erneute Enttäuschung provoziert zu haben.

sklaven leben 600 c marie liebig8"Sklaven leben" in Meiningen: zu amerikanisch? © Marie Liebig

Zur Zeit der Endproben war gerade ein Rummel in der Stadt, an dem langjährige Mitarbeiter*innen des Theaters störte, dass die Dekoration zu amerikanisch sei. In einem Atemzug formulierten sie dies auch als Kritik an unserem Stück – zu amerikanisch. Es klingt wie ein propagandistisches Klischee, das der Osten früher zur Bestätigung seines eigenen Systems formulierte: Amerika, das Land der Kapitalisten, der Imperialisten! Ich habe leider verpasst zu fragen, ob es so gemeint war, und sich mit dieser Äußerung das Begehren nach einer andere Aufarbeitung formulierte, der Aufarbeitung um die Wiedervereinigung.

Wie ein weiterer Echoraum entsteht

Wir tragen aufzuarbeitende Probleme in eine Region, die noch ganz andere Probleme aufzuarbeiten hat und verknüpfen selbstverständlich Diskussionsräume miteinander, deren gesamtes Vokabular nur eine Seite der Diskutant*innen kennt. Was dadurch passieren kann, ist eine Wiederholung der Geschichte: Die einen fühlen sich erneut ausgegrenzt und abgehängt und ihre Erinnerung flammt so schmerzhaft auf, dass sie sich nicht mit den hohen Wellen aktueller Debatten löschen lässt. Die Ambition, auch die sogenannten hier ehemals ostdeutschen Provinzen mit ihren Themen in die Diskurse einzubeziehen, kann auch als Prozess der Einverleibung verstanden werden.

Im Stück von Konstantin Küspert ist der Echoraum ein Schlüsselbegriff. Ich frage mich, ob bei unserem Vorgehen nicht genau das passiert: das Entstehen eines weiterer Echoraums, bei dem egal ist, wo wir Theater machen. Ich hoffe, dass etwas anderes aus dem Thüringer Wald zurückgerufen wird, als das, was wir hineingerufen haben, nämlich: Es ist vielleicht unwichtig, woher man kommt, aber immer wichtig, wohin man geht. Dann brechen die Wände meines Echoraums. Der Ausgang dieser Überlegung ist noch offen. Das Stück wurde bisher erst zwei Mal von den wunderbaren Spieler*innen vor Publikum gespielt.

 

JulianeKannJuliane Kann, 1982 in Neu-Kaliß (Mecklenburg-Vorpommern) geboren, ist Dramatikerin und Regisseurin. Sie studierte Szenisches Schreiben an der UdK Berlin und Regie an der HfS Ernst Busch Berlin. Sie lebt in Frankfurt am Main.  


 
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