Vom Kopf her groß

25. Juni 2025. Leonie Falke entwirft Kostüme für Ästhetiken der Entschleunigung: bei Bonn Park und Lucia Bihler. Und zeigt, wie das Eigentümliche eines Charakters manchmal in einer schütteren Haarsträhne steckt.

Von Christian Rakow

Kostümbildnerin Leonie Falke © Robert Hamacher

25. Juni 2025. Das erste Bild, das sich eingebrannt hat, ist das der melancholischen Kinder mit ihren viel zu großen Köpfen, die so aufgebläht waren mit Instagram und Weltuntergang, dass ihnen das Herz zwischen die Hosenträger rutschte.

In "Drei Milliarden Schwestern" war das, 2018 an der Berliner Volksbühne – eine Sternen-Oper und ein Generation-Z-Bildnis frei nach Tschechow, das zur Theaterlegende wurde. Umso mehr, als dem Stück nur ein super kurzes Bühnenleben beschieden war (in den turbulenten Wechseljahren zwischen den Intendanzen von Chris Dercon und Klaus Dörr). Die Guten sterben jung.

Aber die Macher*innen katapultierte es hinaus aus diesem Kosmos. Autor und Regisseur Bonn Park ebenso wie seinen Komponisten Ben Roessler. Und Leonie Falke, die damals gemeinsam mit Laura Kirst die Ausstattung für "Drei Milliarden Schwestern" besorgte. Heute sieht man sie regelmäßig im Team in Düsseldorf, Frankfurt oder am Volkstheater München. Und was man sieht, also wirklich schaut, hat viel mit der visuellen Arbeit der Kostümbildnerin Leonie Falke zu tun.

Wie kam es zu der Idee mit diesen aufgeblasenen Köpfen? Es ging in "Drei Milliarden Schwestern" ja um Kids, die gedanklich alles in sich reinstopfen, bis die Birne zum Platzen voll ist. Also müssen die Kostüme auch einen Eindruck von diesem Ballast transportieren: von den gefühlt tonnenschweren Bedenkenglocken auf unseren Hälsen. Leonie Falkes Kostümkunst lebt von solchen Überzeichnungen, scheut sich auch nicht, Hindernisse zu bauen. Dass man sich bei ihr mitunter an Comics erinnert fühlt, hört sie gern. Comic ist Zuspitzung aufs Wesentliche.

Falke, geboren 1987 in Wuppertal, kommt als ausgebildete Herrenmaßschneiderin (Lehrstelle Schauspiel Köln) vom Handwerk her. An der Berliner Universität der Künste studierte sie Kostümbild, in Assistenzen bei Bert Neumann an der Volksbühne entdeckte sie Bühne und Kostüm in ihrer "Eigenständigkeit". Heute arbeitet sie neben Bonn Park vor allem mit Lucia Bihler und neuerdings auch mit Christina Tscharyiski. Und hat mit Laura Kirst ein Modelabel: "Studiomilch".

01Schwestern 1200 Thomas Aurin02Gymnasium 1200 Arno Declair03Lobster 1200 Marcella Ruiz Cruz04Okocha 1200  Robert Schittko U05LSommernachtstraum 1200 Arno Declair

Falke denkt Kostüm vom Gesamtarrangement her, nicht von der Psychologie einer Einzelfigur. Wenn in Bonn Parks "They Them Okocha" eine Gruppe Jugendfreunde ihr Leben Revue passieren lässt – von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenalter –, dann verpasst Falke diesen Phasen gezielt unterschiedliche Pop-Referenzen: Knickerbockers wie im "Wunder von Bern" in den nur scheinbar verklärungsfähigen Kindertagen; Ted-Style à la James Dean oder Peter Kraus für die Dicke-Eier-Jugend; und viel zu große Anzüge, wenn die Lebensrolle gefunden scheint, aber doch irgendwie nicht passen will.

"Ich arbeite mich von außen nach innen vor", sagt Falke. Also vom Arrangement zu den Nuancen. Damit das Bild ein Leben atmet, kriegen ihre Figuren kleine markante Attribute, dem Alltäglichen abgeschaut: eine kecke Tolle hier, schütteres Haar dort. Über die Frisuren erzählt Falke oft von den Charakteren und ihren Eigentümlichkeiten. Falkes Ästhetik navigiert zwischen Extremen: unbequem eng oder zu luftig, kess oder verdruckst. Alles ist formal akzentuiert, kein Schnörkel zu viel. Kongenial fügt sich diese Bildsprache in choreographische, große Ruhe atmende Bühnenästhetiken. Und schärft uns Bilder ein, die nicht vergehen wollen. Selbst wenn die Stücke lange schon versunken sind.

Unsere Reihe "durchgestartet" stellt in Kurzporträts jüngere Theatermenschen vor, die aufhorchen lassen. Mehr von Leonie Falke und ihrem Label "Studiomilch gibt es auf Instagram: hier und hier.

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