Stadttheater auflösen!

16. Dezember 2014. In der heutigen Ausgabe des Tagesanzeigers fragen Christoph Fellmann und Andreas Tobler sich, wie mit der Situation umgegangen werden sollte, dass "im Parkett unserer Stadttheater (…) überwiegend weisse, augenscheinlich gut situierte, gut gebildete Menschen mit Schweizer Pass" sitzen. "Warum ist das so? Ist Theater kein Forum mehr? Ist es als Kunst der realen Versammlung noch relevant in einer Ära, in der alles mit einem Klick verfügbar ist?"

Ist es so, wie es praktiziert wird, nicht, könnte es aber in anderer Form sein, finden die beiden Autoren und schreiben weiter: Die Stadttheater hätten "weniger Schwierigkeiten mit der Kunst als mit der Struktur". "Es scheint, als passe das Konzept dieser 'Leuchttürme', das vor 200 Jahren entwickelt wurde, nicht mehr so recht zu unserer Gesellschaft: Wir diskutieren zwar öffentlicher denn je, sind dabei aber nicht mehr auf monopolähnliche Foren angewiesen. Nicht auf Parteien, nicht auf Universitäten, nicht auf das Staatsfernsehen und das Feuilleton, nicht auf das Stadttheater." Alle diese bürgerlichen Institutionen bröckelten und machten flexibleren, netzwerkartigen Angeboten Platz.

"Eine soziale Kunst wie das Theater sollte (...) den irrlichternden Zustand dieser Gesellschaft spiegeln, oder besser: ihre Defizite und Möglichkeiten durchspielen", so Fellmann und Tobler.

Die Frage sei nur, wie sie das am besten kann. Die Antwort der Politik sei eindeutig. Der grösste Teil der Theatersubventionen fliesse in die Stadttheater; in Zürich oder Basel gebe es daneben eine starke freie Szene, nicht aber in kleineren Städten wie Luzern oder St. Gallen. "Ist diese Subventionspolitik noch zu rechtfertigen, wenn man so nur noch eine bestimmte Geschmacksgemeinde erreicht? Wenn man damit nebst Theater auch Sachzwänge subventioniert? Wenn man nur noch die wackelnde Kulisse eines gemeinsamen Bühnenprojekts aufrecht hält, in dem der Intendant die 'relevanten' Zeitthemen setzt, die 'uns alle angehen'?", fragen die Autoren rhetorisch und finden: "Angesichts solcher Verhältnisse ist es nicht frech, wenn manche Vertreter der freien Szene seit Jahren auf eine Neuverteilung der Theaterbudgets pochen. Sie täten es wohl kaum, wenn wahr wäre, was manche behaupten: dass sich die Grenzen zwischen Stadttheater und Freien längst aufgelöst haben."

Eine Politik, die emanzipiertes Theater möchte, müsse also die Stadttheater nicht "öffnen", sondern auflösen. "Zugunsten eines flexibleren Systems, das freie Künstler, ihre Netzwerke und Projekte direkt fördert." Man müsse nicht gleich das Schauspielhaus in Zürich infrage stellen. "Aber braucht wirklich jede mittelgrosse Schweizer Stadt ein Stadttheater? Jede Bühne einen Intendanten?"

(sd)

Mehr zum Thema: Unter unserer Meldung zum "Zürcher Theaterstreit" über das Theater Neumarkt, das strukturell zwischen Stadttheater und Freier Szene angesiedelt ist und wegen schlechter Auslastungszahlen in die Kritik geraten ist, hat sich in den letzten Wochen eine lebhafte Diskussion entsponnen.

 
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