Theater am Draht

von Olga Fedianina 

28. November 2020. Am Anfang war es wie überall. Ab Mitte März wurden die Theater in Russland nach und nach geschlossen. Angekündigt waren zunächst drei bis fünf Wochen Schließung. Insgeheim aber wussten alle, dass die Spielzeit damit zu Ende war. Die allgemeine Stimmung war mehr als schlecht, und die Strategie hieß erst einmal: Präsenz aufrechterhalten, um nicht aus dem Alltag der Menschen zu verschwinden. Es gab Panik, aber auch spürbare Neugier: Wieviel Herausforderung steckt in der Katastrophe? Das heutige Theater wird immer medialer, immer vernetzter, immer stärker von digitalen Welten durchdrungen. Theater im Netz soll sowieso bald kommen, warum also nicht jetzt!

Theaterfieber in der Quarantäne

Anfang April war in etwa klar, was das Netztheater in den nächsten Monaten anzubieten haben würde: Einerseits eilig gestartete (oder eilig für Online umgestaltete) Neuproduktionen, die bald eine Flut von Netzpremieren nach sich zogen: vom Online-Ballett bis zum Zoom-Musical. Zum Zweiten eher als Unterstützung, als Beilage dazu gedachte Archivaufzeichnungen, gestreamte Aufführungen – historische, sowie auch ganz neue, je nachdem, was ein Theater in seiner Schatzkammer jeweils auf Lager hatte. Damit entstand eine Konkurrenz zweier Richtungen, die nicht nur Abendstunden füllte: Die meisten Zuschauer saßen ja in der Quarantäne oder in Fernarbeit und klebten eh rund um die Uhr am Bildschirm.

Um es kurz zu machen: Das Streamen von Archivaufzeichnungen hat diese interne Konkurrenz haushoch gewonnen. Innerhalb von ein paar Wochen entwickelte sich in Russland unerwartet ein erstaunliches Theaterfieber. Am Anfang schickten sich nur Freunde und Bekannte Hinweise auf rare oder interessante Aufzeichnungen. Schon bald nahmen Fachportale sich der Sache an: Auf der Internet-Seite der Fachzeitschrift Theater erschienen (und erscheinen immer noch) täglich ausführlichste Listen der heute anstehenden Übertragungen, nach Ländern und Bereichen sortiert, mit Zusatzinformationen versehen: Schauspiel, Oper, Tanz von New York bis nach Siberien – das Durchscrollen alleine dauert eine halbe Stunde.

OnlineSpielplan Teatr 560 Screenshot"Das Theater im Netz verlangsamt sich nicht. Welche Aufführungen russischer und ausländischer Theater in den letzten Herbsttagen vom 23. bis 29. November 2020 online verfügbar sein werden, erfahren sie im Spielplanführer". Bild:  Online-Spielplan der Zeitschrift театр Bild: Screenshot

Nicht alle Online-Medien haben das gleich ausführlich gemacht, aber fast alle haben solche Ankündigungen veröffentlicht. Das Gesehene wurde in den sozialen Netzwerken diskutiert. Oft war man unglücklich, weil an den meisten Tagen so viel gleichzeitig zu sehen war, dass das Angebot unmöglich vollständig zu bewältigen war. Lustigerweise wurden dabei auch viele Theaterarchive entdeckt, die seit Jahren ruhig, kostenlos und unbeachtet im Netz lagen: Zum Beispiel, das wertvolle polnische Theaterarchiv Ninateka, eine wunderbare Sammlung von RAI, RAI Play, oder das gigantische Archiv des russischen und sowjetischen Theaters auf der Seite culture.ru. Für sehr viele Zuschauer wurden diese ersten Quarantänemonate so zur intensivsten Theaterzeit überhaupt.

Ein absoluter Champion dieser Pandemie-Spielzeit in Russland war übrigens auch die Schaubühne am Lehniner Platz mit ihren Archivschätzen aus fünf Jahrzehnten. Die frühen Arbeiten von Peter Stein kannte man in Russland nicht, den Regisseur hat man hier schon als lebenden Klassiker kennen und lieben gelernt. Klaus-Michael Grüber war bis jetzt in Russland vollkommen unbekannt. Die gestreamten Aufzeichnungen seiner Inszenierungen haben besonders in Fachkreisen für Furore gesorgt, die frühen Werke von Luc Bondy ebenso.

Russisches Phänomen

Als im August das analoge Kulturleben langsam und unsicher wieder begann, hatten manche Angst, dass die einheimischen Premieren der Krisenzeit den Vergleich mit drei Netz-Monaten, die voll mit Meisterwerken von Patrice Chereau, Robert Lepage, Romeo Castellucci, Robert Wilson, Michael Thalheimer, Arianne Mnouchkine, Pina Bausch, Frank Castorf, Krzysztof Warlikowski, Krystian Lupa u. v. a. gewesen waren, nicht würden standhalten können. Die Befürchtung hat sich nicht bestätigt. Das lebendige Theater hatte so schmerzlich gefehlt, dass die Zuschauer jede Aufführung sehen wollten, und sei es nur, um einfach wieder in diesen Theatersälen sitzen zu können. Außerdem hatten viele das Gefühl, sich mit großen Online-Theatererlebnissen regelrecht überfressen zu haben.

Soweit man sehen und hören kann, ist dieses Archiv-Theaterfieber der neuen Pest-Zeit ein ausschließlich russisches Phänomen – von keinem anderen Land war desgleichen zu hören. Und dafür gibt es auch Gründe. Einerseits sind die Erfolge des neuartigen Netztheaters bescheidener ausgefallen, als erhofft. Es gab sehr viele interessante und vielversprechende Ansätze, aber es ist unübersehbar: Die Übersiedlung des Theaters ins Netz war umstandshalber erzwungen. Das Hauptthema all dieser Versuche blieb die Kommunikation selbst – und deren Scheitern. Das Netztheater hat bereits (fast) alle technischen Voraussetzungen, aber die Theatermacher haben keine netzeigenen Stoffe. Da muss man doch noch warten, die Pest alleine reicht als Inspirationsquelle nicht aus.

Stream KaukasischerKK 560 screenshotKrzysztof Warlikowski inszeniert Shakespeares "Der Sturm" – zu sehen auf Ninateka Bild: Screenshot

Zum anderen hat man in Russland ein eigenes, inniges Verhältnis zum Theater auf dem Bildschirm und Leinwand, und dieses Verhältnis ist geografisch und geschichtlich bedingt. In der Sowjetunion hatte man als Zuschauer fast keinen Zugang zum Theater der restlichen Welt, man reiste kaum, Gastspiele waren rar. Dieser jahrzehntelanges Erfahrungs- und Austauschmangel ließ alle Interessierten auf die Aufzeichnungen zurückgreifen, sofern diese vorhanden waren. Es gab (und es gibt heute) natürlich die etwas verächtliche Haltung der "echten" Kenner zur "Konserve". Doch selbst Kenner wissen, dass man die Konserven nicht verschmähen soll, wenn man auf einer driftenden Eisscholle überwintern muss.

Theaterstreams im Kino

Es war ganz selbstverständlich, dass man Theaterexperimente von Grotowski in Moskau in Form von einer "verregneten" VHS zur Kenntnis nehmen musste. Als dann später DVDs und Internet-Übertragungen zugänglich wurden, konnte man viele Lücken schließen und war auch damit sehr zufrieden. Geographisch ist das Land so ausgedehnt, die Infrastruktur zwischen den einzelnen Regionen bis heute so unzureichend entwickelt, dass man als live-Zuschauer nur begrenzt in eine andere Region reisen kann, um dort Theater vor Ort zu erleben. Wer jenseits des Ural lebt und das Theatergeschehen in Moskau verfolgen will, ist auf Übertragungen und Aufzeichnungen angewiesen.

Zu Sowjetzeiten gab es deswegen eine beliebte Fernsehgattung, der heute noch viele nachtrauern: Sie hieß "Film-Theateraufführung" und bestand aus einem Schauspiel, das im Fernsehstudio komplett nachgestellt (und teilweise auch neu inszeniert) wurde. Heute wird das Problem der Erreichbarkeit anders gelöst. Zum Beispiel lässt das riesengroße gesamtrussische Theaterfestival Goldene Maske seit Jahren die besten Aufführungen aus dem Wettbewerb live in Kinos übertragen, seit diesem Jahr – auch im Internet. Viele kleinere Festivals machen es der "Goldenen Maske" nach, und allmählich gibt es kein Festival ohne Online-Programm mehr. Seit ein paar Jahren gibt es einige Fachverleiher, die Theaterübertragungen aus aller Welt (live und als Aufzeichnung) in russische Kinos bringen, mit wachsendem Erfolg.

WebseiteCultureru 560 screenshotDie Webseite "culture.ru" mit ihrem Riesen-Archiv russischen und sowjetischen Theaters  Bild: Screenshot

Die größten und reichsten Häuser, wie beispielsweise das Bolschoi Theater, haben schon lange eigene Fernseh- und Videostudios für die Aufzeichnung ihrer Produktionen. Ärmere Bühnen kooperieren mit kleinen unabhängigen Video- und Fernsehproduktionsfirmen, die Theateraufzeichnungen erstellen und Live-Übertragungen im Internet organisieren – so dass man immer öfter im Repertoire eines Theaters ein Hinweis findet, dass man bestimmten Aufführungen auch online beiwohnen, oder die Aufzeichnung später abrufen kann.

Dieser Zugang kostet Geld, ist aber viel billiger als eine Theaterkarte. Es hat lange gedauert, bis Theater sich zu diesem Schritt entschlossen haben (und es sind noch lange nicht alle): Die Angst, dass man sich selbst damit (billige) Konkurrenz macht, und das zahlende Publikum aus dem Saal treibt, ist nach wie vor verbreitet. Aber die Praxis zeigt auch, dass diese Online-Angebote in normalen Zeiten wie ein Werbemotor funktionieren. Und in den Zeiten der Pandemie dem Theaterzuschauer nun die Möglichkeit bieten, ein Theaterzuschauer zu bleiben.

 

OlgaFedianina 280h OlympiaOrlova 4227Olga Fedianina, Jahrgang 1966, hat in Moskau und Berlin Theaterwissenschaft und Germanistik studiert. Sie ist Kolumnistin und Redakteurin bei der Moskauer Tageseitung Kommersant und arbeitet außerdem als freie Dramaturgin für verschiedene Bühnen in Russland und im Ausland.

© Olympia Orlova

 
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