Flaschenpost aus einer fremden Welt

von Anne Peter

31. Oktober 2008. Was fällt Ihnen zum Namen Dimiter Gotscheff ein? Außer Heiner Müller. Vermutlich Almut Zilcher, Samuel Finzi, Margit Bendokat – die Lieblingsschauspieler. Wahrscheinlich noch: Nebel. Konfetti. Leere Räume, in denen der Schauspieler einsam seine Arme in den Bühnenhimmel reißt.

Vielleicht haben Sie auch schon mal die Stimme gehört: dunkelwarmes Grollen mit bulgarischem Akzent. Und diese Haare, hellgrauer Vorhang quer überm vorgeneigten Gesicht, der ab und an mit wildem Kopfschwung über die eine Braue bugsiert wird. "Nennen Sie ihn am besten Mitko", empfiehlt Samuel Finzi in seinen persönlichen "Neunundfünfzig Regeln im Umgang mit Dimiter Gotscheff" (von denen er Nr. 6 bis 58 übrigens überspringt). Das alles fällt Ihnen nicht ein? Nun, dann ist dieses Buch vermutlich nicht für Sie geschrieben.

Zeit für ein Denkmal

"Das Schweigen des Theaters – der Regisseur Dimiter Gotscheff", heißt dieser Insider-Sammelband, was natürlich ein Müller-Zitat ist. Überhaupt spukt Gotscheffs Leib-und-Magen-Dichter fast überall durch die Texte. Natürlich darf auch der berühmte offene Brief nicht fehlen, den Heiner Müller 1982 "an den Regisseur der bulgarischen Erstaufführung von 'Philoktet'" schrieb, der Gotscheff, eben jenen Regisseur, quasi über Nacht im Westen berühmt machte.

Es ist die erste Publikation über den 1943 in Parmovai, Bulgarien, geborenen Sohn eines Tierarztes. Er wurde in diesem April 65 Jahre alt – Zeit für ein Denkmal also. Oder für ein paar neue Briefe, verschiedengestaltige, mehr oder weniger huldigende Gratulationen. Dieses Buch will ein "Arbeitsbuch" sein, das "nur Facetten" versammelt, "keine abschließende Gesamtwürdigung", wie die Herausgeber Peter Staatsmann und Bettina Schültke im Vorwort schreiben.

Beide haben als Dramaturgen mit Gotscheff gearbeitet. Vertraute und Faszinierte, die gestehen, von diesem Regisseur nicht loszukommen, "der uns oft nicht nur überrascht, sondern auch düpiert und fast verletzend enttäuscht", dann wieder die "glückliche Einlösung der Kunstsehnsucht". Sie "feiern ihn und lieben ihn und hassen ihn leidenschaftlich". Es ist also ein persönliches Buch. Und das ist mitunter sein Problem.

Grundkonstanten eines ungeheuerlichen Bauchmenschen

Schültke schreibt als Dramaturgin des Deutschen Theaters Berlin, neben der Volksbühne eine von Gotscheffs Hauptwirkstätten der letzten Jahre, zu den dort von ihr betreuten Gotscheff-Abenden. Dabei erklärt sie ein bisschen zu sehr, was man gewollt hat, und verwechselt mitunter Künstlerabsicht und tatsächliche Publikums-Wirkung. Staatsmanns Texte zu Müller-Brief, "Germania. Stücke" und "Iwanow" bohren tiefer und fahren schwereres Theoriegeschütz auf. Bei "Germania" etwa versucht er, und das ist durchaus originell, Müller und Gotscheff als Ermöglicher einer kollektiven Psychoanalyse zu fassen. Doch nicht immer sind die Begriffe klar, nicht immer ist er allgemein verständlich, wohl zu sehr daheim in einer Denkwelt, in die der Leser nur bedingt folgen kann.

Für die Außenansicht bleiben andere zuständig, die Kritiker zum Beispiel: Henning Rischbieter und Andreas Wilink lassen, zum Teil in Verschmelzung alter Kritiken, die Gotscheff-Arbeiten aus den Achtziger und Neunziger Jahren in Köln, Hannover und Bochum Revue passieren. Thomas Irmer liefert eine erhellende Analyse des "Handlungsreisenden". Vor allem der dankenswert klare, sehr instruktive Text des Dramaturgen Joachim Lux macht deutlich, dass es sehr wohl möglich ist, die Grundkonstanten der Ästhetik dieses "ungeheuerlichen Bauchmenschen" präzise auf bestimmte Punkte zu bringen.

In den letzten beiden der sechs locker systematisierenden Kapitel, in die immer wieder Szenen-Fotos eingesprenkelt sind (deren Druckqualität allerdings manchmal zu wünschen übrig lässt), kommen die Künstler zu Wort: Kollegen, Bühnenbildner, Musiker und Schauspieler, die Gotscheffs Regie am eigenen Leib erfahren haben. Da lässt die Dramaturgin Dimitra Petrou in Beobachtungsfetzen, offen fragend, die Düsseldorfer "Woyzeck"-Inszenierung von 1993 sehr plastisch werden.

Ulkige Gesprächsbruchstücke

Anderes in Interview-Form: "Perser"-Einmann-Chor Margit Bendokat etwa oder Gotscheffs Lebens- und Arbeitspartnerin Almut Zilcher. Sie sprechen vom Schweigen, von der körperlichen Intensität, von Gotscheffs übergroßer Liebe zu den Schauspielern, von seinen Begeisterungsschreien.

Beinahe den größten Einblick in die spezifische Probenarbeit gewährt allerdings das sehr lohnenswerte Interview mit den beiden Theatermusikern Bert Wrede und John Nijenhuis (alias Sir Henry). Zwei ulkige Gesprächsbruchstücke steuert Josef Bierbichler bei, der mit Gotscheff in der Volksbühne 2005 noch einmal "Philoktet" erarbeitete und nun aus ihm herauszukitzeln sucht, was der angeblich von Müller stammenden Satz, Theater müsse nicht vom Kopf, sondern von der Ferse kommen, denn eigentlich bedeute.

Und dann wären da noch ein schön garstiger Kurztext von Milan Peschel (über eine Probenphase: "Ideen waren auch Mangelware – es war schrecklich. Ich hatte mal wieder den Respekt verloren.") und Peter Jordans Abstandsvermessung zu Gotscheffs "fremden Welten". Zu diesem Ende hin, wo das Buch alles Akademische fahren lässt, offener wird, fragmentarischer, vielstimmiger und paradoxerweise gerade hier auch kritischer, ist es am spannendsten. Vorausgesetzt, man hat schon eine Idee von dem, was in diesen "Briefen" zur Sprache kommt und wer ihre Schreiber sind. Für nicht Eingeweihte bleibt dieses Buch eine Flaschenpost – aus einer fremden Welt.

 

Das Schweigen des Theaters – der Regisseur Dimiter Gotscheff.
Herausgegeben von Bettina Schültke und Peter Staatsmann.
Vorwerk 8, Berlin 2008. 256 Seiten. 19,00 Euro.


Mehr über Dimiter Gotscheff?  Im Oktober 2008 kam in Berlin eine Neuauflage seiner Inszenierung von Dejan Dukovskis Das Pulverfass heraus. Vor einem Jahr inszenierte Gotscheff im Deutschen Theater Berlin Heiner Müllers Anatomie Titus Fall of Rome.

 

 
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