Der Drops ist gelutscht

30. Juni 2025. Wie entsteht Theater? Ein Jahr lang begleiteten die Kurator*innen des Theatermuseums München Künstler*innen und Gewerke des Residenztheaters rund um eine "Romeo und Julia"-Inszenierung. Und fanden einen Weg, die Flüchtigkeit des Theaterereignisses mit der Dauerhaftigkeit einer Ausstellung zu verbinden.

Von Martin Jost

Lichtereignis: Camera obscura-Aufnahme der Hauptprobe © Karen Stuke

30. Juni 2025. Über Elsa-Sophie Jachs "Romeo und Julia" am Münchner Residenztheater schrieb dieser Nachtkritiker, beim Krieg zwischen den Familien Capulet und Montague würden ein paar Zähne ausgeschlagen. Das Rieseln der Zähne aufs Pflaster wäre aber bloß ein Soundeffekt. Dass der Rezensent mal besser aufgepasst hätte, lehrt ihn die aktuelle Ausstellung im Deutschen Theatermuseum München. "making THEATRE – Wie Theater entsteht" zeigt unter anderen die originalen TicTacs, die die Schauspieler*innen als Zahnersatz auf die Bühne spuckten.

Die Ausstellung zeichnet die Entstehung einer Theaterinszenierung nach, von den ersten Plänen bis zum Premierenabend. Als konkretes Beispiel diente Kuratorin Maren Richter "Romeo und Julia", das zeitgleich im wenige Minuten Fußweg entfernten Residenztheater entstand.

Der wahre Sinn von Pfefferminzdrops liegt in ihrem Vergehen. Dass sie als angelutschte Überbleibsel im Museum landen, ist ein Bild für das Paradox dieser Ausstellung: Das flüchtige Kunstwerk Theater wird in ein Objekt übersetzt, das in einem Museum ausgestellt werden kann – einer Institution, die Artefakte an der Flucht hindert. Maren Richter hat mit ihrem Team den Arbeitsprozess im Residenztheater von Anfang an begleitet und daraus nach und nach ihre Ausstellung gebaut.

Dauerbelichtetes Technikwunder

Ebenfalls ein gutes Bild für das Paradox ist Karen Stukes Camera-obscura-Foto von der "Romeo und Julia"-Hauptprobe. Die Dauerbelichtung über die gesamten drei Stunden zeigt einen transparenten Zylinder, leuchtend hell und bewegungsunscharf. Wer die Inszenierung gesehen hat, erkennt sofort Marlene Lockemanns Technikwunder der Spiralfächerbalkongerüststufenwandplattformdrehbühne, die den ansonsten kahlen Bühnenraum des Residenztheaters einnimmt.

Im oberen Teil des Fotos erahnt man eine Person anhand ihrer Mühlstein-Halskrause sowie einen S-förmigen, belichteten Hotspot, der eine weitere Person gewesen sein muss, die länger an einem Ort agierte. Nicht gerade schmeichelhaft für die Schauspieler*innen, aber in diesem Abzug von einem Theaterabend sind sie kaum auszumachen. Was sich deutlich abzeichnet, sind die Arbeit der Bühnenbildnerin und der Beleuchter*innen.

Theatermuseum Livezeichnung CLisaFruehbeisLivezeichnung zu Elsa-Sophie Jachs Inszenierung "Romeo und Julia" am Residenztheater München © Lisa Frühbeis

"Making Theatre" gewichtet die Arbeit der verschiedenen Abteilungen und Gewerke so, dass wir einen realistischen Eindruck von den mehrheitlich unsichtbaren Beiträgen zur Inszenierung erhalten. Resi-Staatsintendant Andreas Beck sagt bei der Vernissage über die Kooperation mit dem Theatermuseum: "Diese Ausstellung ist auch eine Werbeveranstaltung für die Berufe am Theater.“

Erwachsen aus Versuch und Irrtum 

Das Ausstellungslayout führt über drei Etagen durch das Jahr, von der Aufstellung des Spielplans bis zur Premiere von "Romeo und Julia". Zu sehen gibt es eine abwechslungsreiche Mischung aus Entwürfen, Überresten, Dokumentarischem und Meta-Text.

An Entwürfen sehen wir zum Beispiel Bühnenbildnerin Marlene Lockemanns Skizzenbuch, unterschiedliche Bühnenmodelle sowie Konstrukteur Paul Demmelhubers technische Entwürfe für die komplexe Konstruktion. Zerfledderte Inspizienzbücher und Technikaufschriebe zeigen, wie sehr Theater aus Versuch und Irrtum wächst. 

Die Bonbon-Zähne sind ein Überrest der Probenarbeit, eine kunsthandwerklich geknüpfte Perücke für Lea Ruckpauls Julia ein anderer. Im Museum zu sehen ist sie, weil sie im Probenverlauf aus der Inszenierung gestrichen wurde und nun nicht mehr im Theater gebraucht wird.

Geruchsproben und Diskursartefakte

Dokumentarische Beiträge haben die Ausstellungsmacher*innen selbst angefertigt, im Verfahren der "Live-Kuration". Johanna Seggelkes immersiver Film zeigt in mehreren Kameraperspektiven, was während drei Stunden "Romeo und Julia" backstage passiert – ohne Schwenks oder Schnitte. Lisa Frübeis hat während der Proben einen Reportage-Comic gezeichnet. Weitere Videos und Interviews dokumentieren die Arbeit in den Werkstätten des Residenztheaters. Anhand von Geruchsproben aus den Gewerken können wir sogar Theaterluft riechen. Man sollte die Nase nicht zu tief in das Weckglas aus dem Malsaal stecken.

Theatermuseum DasTheaterwesen CBabetteAngelaeasDTMAus Alltags-Material der Werkstätten zusammengesetzt: das Theaterwesen © Babette Angelaeas DTM

Erklärende Texte ordnen die Objekte gelungen in eine allgemeinere Schilderung der Theaterarbeit ein und öffnen Exkurse. So zeigt ein Zeitstrahl, wie die Digitaltechnik in den letzten Jahrzehnten in die Theatertechnik eingezogen ist. Und da wir nun gelernt haben, was für ein komplexes Arbeitsumfeld ein Theaterbetrieb ist, werden auch die Themen Hierarchien, Gagen oder Machtmissbrauch thematisiert. Diagramme machen die Entwicklung der Gagen in den Theatetberufen anschaulich. Auch über die nachhaltigen Auswirkungen von Inklusion im Theater erfahren wir etwas am Beispiel der Münchner Kammerspiele. Ensemblemitglieder und Intendantin Barbara Mundel sind in Interviews zu hören neben einem Faksimile des HORA-Manifests und einer Zusammenfassung einer Studie von Rouven Costanza.

Making-Of zur Inszenierung

Ausgerechnet das wertvollste Exponat haben wir zunächst übersehen. Gleich am Eingang befindet sich ein First Folio von 1623, ein gut erhaltener Erstdruck von Shakespeares Werken. Die Leihgabe aus der Universitätsbibliothek Köln wäre allein den Besuch wert. An die Ausstellung angebunden ist sie aber nur mittelbar in ihrer Bedeutung als Überlieferung von Shakespeares Werken.

So komplex das gezeigte Thema ist und so oft in die Geschichte und in Seitenthemen abgebogen wird, so erhellend und klar bleibt der Gesamteindruck von der Ausstellung. Das verdankt sie nicht zuletzt den erstklassigen Begleittexten und dem Design von Sigi Colpe. Wer das DVD-Zeitalter erlebt hat, kann sich wie in einem Making-Of-Bonus zum Hauptfilm "Romeo und Julia" vorkommen. Nach dem Theaterabend ist "making THEATRE" eine ideale Ergänzung, aber auch solo sieht man die Ausstellung mit Gewinn.

making THEATRE – Wie Theater entsteht 
Eine Sonderausstellung des Deutschen Theatermuseums 
Kuratorin: Maren Richter, Kamera, Schnitt und Mitarbeit Live-Kuration: Johanna Seggelke, Live-Zeichnung: Lisa Frühbeis, Ausstellungsgestaltung: Studio Colpe, Hamburg (Sigi Colpe, Kilian Landwehr), Grafik: Judith Löhrs.
Ausstellungsdauer: 25. Juni 2025 bis 12. April 2026

www.deutschestheatermuseum.de

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