Hinter den Fassaden

von Katharina Röben

Berlin, 14. Juni 2015. Es riecht nach Gewitter. Ich schwitze, als ich das Greenhouse erreiche, ein ehemaliges Arbeitsamt im Nirgendwo von Tempelhof. Mit dem Fahrstuhl geht es nach Neu-Friedenwald im 7. Stock, eine imaginäre Kleinstadt, inspiriert von David Lynchs Kultserie Twin Peaks. Ich schiebe mich mit der Masse hinein und lande in einer Trauerfeier. Die Stadt trägt Schwarz wegen des tragischen Todes der hübschen blonden Cecilia, die mit 18 Jahren verstarb. Ich spreche mit den Eltern und versuche mich zwanghaft daran zu erinnern, was Beileid auf Englisch heißt. In dieser Stadt spricht keiner Deutsch.

Gestrandet in der Einöde

Es dauert eine Weile bis ich wieder ins Gespräch komme. Performer und Besucher wirken etwas verunsichert, tänzeln umeinander, aufkommende Dialoge ersticken in Zaghaftigkeit. Christopher, ein barttragender Außenseiter mit abgewetztem Schuhwerk, bricht das Eis, bietet mir seinen Flachmann an, ich rieche billigen Whiskey und lehne dankend ab. Die trauernden Eltern laden die Gesellschaft in ihr Heim, das eindeutig nicht für 20 Personen ausgelegt ist.

TheShells 560a WinnieChristiansen uSuspense oder Vorstadtbanalität? © Winnie Christiansen

Unter uns hockt auch Emily, die Cousine der Verstorbenen – und hier kommt Lynch ins Spiel: Sie ist das exakte Abbild von Cecilia. Ich fühle mich an Madeleine Ferguson erinnert und suche nach weiteren Parallelen. Porath und Brandt legen es jedoch nicht auf eine bloße Kopie der Serie an. Während sich in der Narration Ähnlichkeiten finden, sind die Figuren andere. Plötzlich platzt ein FBI-Agent herein. Seine Verkündung, Cecilia sei umgebracht worden, sorgt für Aufruhr. Die Party wird aufgelöst und der Prolog ist beendet.

In der Vorstadtidylle

Am nächsten Tag kehre ich zurück. Ich beschließe, meine vier Stunden in Neu-Friedenwald mit einem Kaffee im Diner zu beginnen. Ich trinke ihn wie Donna Hayward in Lynchs filmischer Fantasie. Anschließend schlendere ich die Straße entlang. Sie ist gesäumt von kleinen Häusern, die Bessergestellten haben sich mickrige weiße Holzzäune geleistet. Bisher halten sich die Unheimlichkeiten in Grenzen. Kahler Betonboden, weißes Licht – es ist viel zu hell, um Angst zu haben.

Trotzdem regt sich in mir Tatendrang, das Idyll der nordamerikanischen Vorstadt aufzubrechen. Hinter einer vierten Wand kann sich hier eh keiner verstecken. Immersives Theater nennt sich das, was in Deutschland vor allem durch die Arbeiten der Performancegruppe Signa (etwa mit Club Inferno an der Volksbühne) oder Thomas Bo Nilssons faszinierend verstörendes MEAT an der Schaubühne bekannt ist. Neu-Friedenwald entstand dagegen ohne schützende Hand einer großen Institution, einzig aus der Begeisterung von Jos Porath und Kirsten Brandt heraus. Das Projekt finanzierten sie durch eine Crowdfunding-Kampagne.

Drogen, Sex und Gewalt

Ich werfe meine Skrupel ab und stürze mich hinein: Mit Bobby und Mikey, den Poloshirt tragenden Footballspielern, und ihren Kaugummischmatzenden Freundinnen Amber und Amanda sitze ich in einem beengend kleinen Jugendzimmer. Sie zeigen mir ein Video von Cecilia und erste Abgründe tun sich auf. Mit Marc, der im Nachtclub Schichten schiebt, unterhalte ich mich lange über seine Pläne, die Stadt zu verlassen – zu viele Arschlöcher. Wir schleichen uns zu seinem Arbeitsplatz, im schummrigen Licht glänzt die Pole Dance Stange. Wenn ich etwas brauche, er könne es besorgen. Mit den Jugendlichen breche ich in ein fremdes Haus ein und verspüre tatsächlich Angst, erwischt zu werden. Irgendwann finde ich mich in Ronettes Zimmer wieder. Wir sitzen auf ihrem Bett, sie bürstet mir die Haare, wir schweigen.

TheShells 560 WinnieChristiansen uIm Diner © Winnie Christiansen

Das sind die besten Momente, wenn das Zögern verschwindet und die Neugier wächst. Doch die Überwindung fällt schwer und die Performer machen es den Besuchern oft nicht leicht. Etwas mehr Gesprächsinitiative wäre hilfreich. Immerhin: Die Spiegelung von Gut und Böse, wie sie sich in David Lynchs Filmwelten findet, funktioniert. Unter der Oberfläche brodeln bereits Geheimnisse: Gewalt, Drogenräusche, perverses Verlangen. Im Laufe der Woche entwickelt sich die Performance weiter, immer dem Abgrund entgegen.

Bis dahin können die Besucher, die als Touristen die Stadt entern, zwischen zwei Zeitfenstern wählen, die repräsentativ für Tag und Nacht stehen. Etwa 40 Performer tragen zum Erlebnis bei. Am wenigsten förderlich für den Spannungsaufbau ist dabei wohl der mördersuchende Agent selbst. In seinem geblümten Hemd, dem Trenchcoat und den Chucks ermahnt er in bestem Bahnmitarbeiter-Englisch: "You don’t have any respect for ausority". Wenig später konfisziert er im Jugendklub ein Schmuddelheft. Für eine Erklärung reicht sein Wortschatz nicht. Mit der Sprachlosigkeit sinkt leider auch seine Glaubwürdigkeit. Wer sich von holprigen Einstiegen und abweisenden Blicken nicht beirren lässt, erlebt überraschend spannende Episoden. Die angekündigte feministische Perspektive suche ich jedoch bislang vergebens. Am Ende meiner Zeit spielt Mikey für mich "Bohemian Rhapsody" und ich überlege wiederzukommen.

 

The Shells – Ausflug nach Neu-Friedenwald
von Jos Porath und Kirsten Brandt
Idee und Regie: Jos Porath und Kirsten Brandt
Mit: 40 Performern.
Dauer: 4 Stunden (je Durchgang), 8 Tage (insgesamt)

theshells2015.com

 

 

 
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