Man darf sich nicht gemein machen mit der Tagespolitik

17. August 2015. In einem langen Gespräch mit Natascha Freundel vom Deutschlandfunk (online 16.8.2015) beschreibt Regisseur Nicolas Stemann noch einmal ausführlich seine Arbeit mit Flüchtlingen für die Umsetzung des Elfriede Jelinek-Textes "Die Schutzbefohlenen". Ziel sei es gewesen, die Flüchtlinge selbst sichtbar  und ihre Probleme hörbar werden zu lassen. Gleichzeitig erforderte die Stückumsetzung die "Experten des Theaters", also die Schauspieler. Das Repräsentationsverhältnis des Theaters dabei selbst einer Reflexion zu unterziehen, hebt Stemann als eine der Stärken seiner Arbeit hervor.

Stemann über das Zentrum für politische Schönheit: Selbstbefragung findet nicht statt

In diesem Zusammenhang kommt die Rede der Gesprächspartner auf die Aktionen des Zentrums für politische Schönheit (ZpS), die sich ebenfalls dem Flüchtlingsthema widmen. "Ich finde die sehr gut, diese Aktionen. Erst mal haben sie eine große, breite Wirkung und schaffen tatsächlich Bilder, die sehr frappierend sind, was das Thema angeht. Es gibt da so einen Aspekt, wo ich mir nicht ganz sicher bin, weil ich glaube, dass so etwas wie eine Selbstreflexion beim Zentrum für politische Schönheit überhaupt nicht stattfindet und auch nicht vorgesehen ist", so Stemann. Er glaube, dass seine Theaterform und der künstlerische Aktivismus des ZpS nicht gegeneinander auszuspielen seien und einander auch nicht überflüssig machten.

"Was wir da am Schluss machen bei Schutzbefohlenen, dass es wirklich zu einer Selbstbefragung wird und damit die Leute auch in eine Selbstbefragung zwingt, findet beim Zentrum für politische Schönheit nicht statt, könnte aber genauso stattfinden", so Stemann. "Die könnten genauso sagen, wir können euch nicht helfen, wir müssen ja Mauerkreuze abschrauben beziehungsweise die nächste Aktion organisieren. Das ist, glaube ich, eine Schwachstelle, aber wahrscheinlich eine Voraussetzung dafür, dass diese Aktionen so groß und so stark und so wirksam letztendlich sein können."

Als politisches Credo seiner Kunst formuliert der künftige Hausregisseur der Münchner Kammerspiele: "Ich glaube, damit Kunst politisch sein kann und politisch wirksam sein kann, braucht sie auf einer ästhetischen Ebene eine gewisse Autonomie. Ich glaube, was die Sprache angeht, was die Ästhetik angeht, darf man nicht nur sich gemeinmachen mit der aktuellen Tagespolitik, weil man dann eine ganz wichtige Kraft verliert, die Theater und Kunst hat. Und diese Kraft brauchen wir, um dann wieder politisch wirksam werden zu können."

(chr)

 

 
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