Kartoffelsalat nach rechts, und dann kam ich!

von Wolfgang Behrens

März 2016. "Ist es möglich, politisches Theater zu machen, das gleichermaßen wirksam wie aufrichtig ist?" "Wie lesbar soll ein Theaterabend sein? Ist Lesbarkeit angesichts der Welt, die uns umgibt, überhaupt noch eine realisierbare Zielvorgabe?" In Theater heute bzw. in Theater der Zeit legen sich die Regisseure Nicolas Stemann oder Armin Petras solche Fragen vor, derweil Die deutsche Bühne den persönlichen Hass auf Dreck, Blut und Schminke nährt.

Die Themen: Nicolas Stemann über politisches Theater | Barbara Burckhardt über die Theatertreffen-Auswahl | Armin Petras über Neuen Realismus | Interview Rolf Hochhuth | Wiederentdeckung vergessener Opern | Die Bühnenreinigerin an Castorfs Volksbühne


Theater heute

Der Regisseur Nicolas Stemann stellt im März-Heft von Theater heute äußerst lesenswerte Überlegungen zum politischen Theater der Gegenwart an (dankenswerterweise ist der Text auch online verfügbar). Stemann sieht die Befürchtung im Raum stehen, "dass politisches und soziales Engagement das Theater dümmer und schwächer machen, als es ist." Eine verständliche Sehnsucht nach Einfachheit führe zu der Erwartung, dass "Probleme, die uns überfordern und denen wir hilf- und ratlos gegenüberstehen, wenigstens im Theater gelöst werden" sollen. Und Stemann stellt sich die Frage: "Ist es möglich, politisches Theater zu machen, ohne sich und das Theater dabei notwendig dumm zu machen?" Er erinnert an Christoph Schlingensief und hadert mit den Epigonen: "Die selbsternannten Nachfolger Schlingensiefs von heute scheinen dagegen vor allem am publizistischen Erfolg interessiert, an Klickzahl, Auflage, Menschenmasse. Hochmoralisches Effektivitätsstreben hat die riskante Selbstbefragung beerbt."

TH 03 2016 180Stemann weist jedoch energisch auf das Dilemma hin, "dass die Voraussetzung einer Theateraufführung über das Elend in der Welt immer auch ein Wohlstand ist, der mehr oder weniger vermittelt auf diesem Elend basiert". Der Ort, von dem aus Kritik geäußert werde, sei "bereits ein privilegierter, das gilt auch für die kleinste Off-Bühne (sofern sie in Europa liegt)". Stemann verteidigt in diesem Zusammenhang auch seine "Schutzbefohlenen"-Inszenierung, die seinerzeit durchaus kritisch rezipiert worden ist: Es sei in der Aufführung darum gegangen, "auf das notwendige moralische Scheitern bzw. die Unaufrichtigkeit einer Gesellschaft hinzuweisen, die an beidem festhalten will: an der Illusion des eigenen Gutseins ebenso wie an ihren angestammten Privilegien". Eine Selbstreflexion dieser Art bleibe bei vielen anderen Theaterabenden indes aus, was "wohl notwendig für die Kraft und Wirksamkeit der jeweiligen Aktionen oder Inszenierungen" sei. Dennoch nehme "dieses Ausblenden den jeweiligen Werken einen entscheidenden Stachel, man verweigert gewissermaßen die letzte Konsequenz". Stemanns Überlegungen münden aporetisch in seine Eingangsfrage: "Ist es also möglich, politisches Theater zu machen, das gleichermaßen wirksam wie aufrichtig ist? Können wir gleichzeitig kampfbereit sein und selbstreflexiv? Diese Fragen sind nicht rhetorisch. Meine Strategie war stets, dass der Kritisierende sich selbst ins Zentrum der Kritik stellen muss, um glaubwürdig zu sein."

Im "Magazin"-Teil des Heftes findet sich noch – fast ein wenig versteckt – ein Kommentar der Jurorin und Theater heute-Redakteurin Barbara Burckhardt zur diesjährigen Auswahl des Theatertreffens. Sie amüsiert sich darin über einen Tweet der nachtkritik.de-Chefredakteurin Anne Peter, abgesetzt kurz vor Beginn der Pressekonferenz zur Verkündigung des Tableaus: "Spekulationsstand zu Beginn der #TT16-PK: Thalheimer, Castorf, Pollesch, Nunes, Marthaler, Rau, Dortmund, Henkel, Richter, Lösch, Fritsch". Burckhardts Kommentar: "So kann man sich verspekulieren. Überschneidung von Spekulation und Realeinladung: eine!" In dieser Kluft zwischen erwarteter und tatsächlicher Auswahl glaubt die Jurorin – zumindest laut der Unterüberschrift des Textes – eine "Trendverweigerung" des Theatertreffens zu erkennen. Und sie lädt dazu ein, im nächsten Jahr "vielleicht mal etwas riskanter zu spekulieren". Wir werden's versuchen!

Theater der Zeit

In der Theater der Zeit-Reihe "Neuer Realismus" steht in der März-Ausgabe Armin Petras, Intendant des Schauspiels Stuttgart, Rede und Antwort. Seine Gesprächspartnerin Nicole Gronemeyer und er schlagen sich dabei von Beginn an die Zitate und Namen nur so um die Ohren (Norbert Elias, Giorgio Agamben, Michel Foucault etc.). Zwischen zwei dieser Namen versucht Petras schließlich seine Position innerhalb des Realismus zu finden: Auf der einen Seite Georg Lukács, der fordert, die aufgedeckten Zusammenhänge des Realen in formal geschlossenen Werken nach Vorbild der Romane des 19. Jahrhunderts zu gestalten. Und auf der anderen Seite Bertolt Brecht, der sagt: "Wir dürfen nicht bestimmten vorhandenen Werken den Realismus abziehen, sondern wir werden alle Mittel verwenden, alte und neue (...), um die Realität den Menschen meisterbar in die Hand zu geben."

TdZ 03 2016 180Eigentlich ist Petras auf Brechts Seite. Als Theaterleiter müsse er sich aber bestimmten Fragen stellen, denn: "Wenn im Theater nur sechzig Leute sitzen und die dann nach fünf Stunden buhen, dann ist das Theater beendet. Wie viel Realismus im Brecht'schen Sinne kann ich mir also leisten? Und wie viel Realismus im Lukács'schen Sinne halte ich aus, um als Theatermacher nicht selbst einzuschlafen? (...) Wie lesbar soll ein Theaterabend sein? Und ist Lesbarkeit angesichts der Welt, die uns umgibt, überhaupt noch eine realisierbare Zielvorgabe? Meine Lektüre der Wirklichkeit ist so, dass sie für mich kaum lesbar ist. Wie soll ich das dann in einen geordneten Zusammenhang für Zuschauer bringen? Das ist ein Problem im Theater. Das größere Problem für mich ist, dass das Ganze nur funktioniert, wenn ich das von einem Klassenstandpunkt aus erzähle (...). Wenn das aber komplett wegfällt, was ist dann die Richtung unseres Erzählens? Für wen erzählen wir denn? Für was? (...) Ich habe darauf keine Antwort." Das ist dann – bei allem Name-Dropping – doch bemerkenswert unarrogant. Und auf jeden Fall zeigt es: Brecht hatte es besser! Der hatte wenigstens noch seinen Klassenstandpunkt ...

Ein weiteres Interview des Heftes haben Thomas Irmer und Cornelia Klauß mit dem Dramatiker, Polyhistor und habitualisierten Querdenker Rolf Hochhuth geführt, der am 1. April seinen 85. Geburtstag feiern wird. Für Hochhuth war die Uraufführung seines Stücks "Wessis in Weimar" 1993 am Berliner Ensemble durch Einar Schleef "der Höhepunkt des Regietheaters, wo allein der Regisseur das Sagen hat und ihm die Presse dafür applaudiert". Hingegen bewundere er Claus Peymann, der etwa Kafkas "Prozess" "wirklich werktreu inszeniert" habe. "Aber er bekam in Berlin natürlich nur Verrisse dafür." Derselbe Peymann aber würde am Berliner Ensemble, dessen Immobilie einer Stiftung Hochhuths gehört, schon "seit drei Jahren vertragswidrig meinen 'Stellvertreter' nicht mehr aufführen", weswegen es doch wunderbar sei, "dass Oliver Reese dort wieder ein Autorentheater angekündigt hat." Ups? Droht da etwa mit "Hochhuths sämtliche Werke (leicht gekürzt)" in der Regie Reeses ein neuer Gipfel werktreuen Theaters? Im Grunde aber ist das alles sowieso wurscht, denn Hochhuth weiß auch, dass "die USA einen Feldzug gegen Russland wollen, bei dem allerdings keine der westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs zu schaden kommt, sondern allein Deutschland – womöglich in atomarer Zerstörung." Kawumm!

Die deutsche Bühne

Der Schwerpunkt der März-Ausgabe der Deutschen Bühne gilt den "Schatzgräbern", womit die theatralen Wiederbeleber vergessener Opern gemeint sind. Schon im Editorial nennt Chefredakteur Detlef Brandenburg einen gewichtigen Grund dafür, warum Wiederentdeckungen der Repertoire-Routine nur guttun können. Denn: "Selbst wenn die Theater auf die sichere Bank setzen wollten: Es wäre gar nicht sicher, welche von den vielen Bänken, um die herum die Menschen dieser Gesellschaft sich versammeln, denn nun die sichere sein soll." Die Diversifikation der Milieus ist dem immergleichen Trott der immergleichen Stücke (der in der Oper deutlich virulenter ist als im Schauspiel) längst auf die Pelle gerückt: eigentlich ein Grund, den Tod des Bildungsbürgers zu feiern!

Die Deutsche B hne 00003 2016 180Im Gespräch mit dem Bonner Operndirektor Andreas K.W. Meyer lässt Brandenburg indes auch kritische Töne anklingen (und hier scheinen dann auch die Uraufführungs-Mechanismen aus dem Sprechtheaterbereich nicht fern): "Die ausgrabenden Theater legen es eher aufs feuilletonistische Lob an und nicht auf die Hinterfragung der Lebensfähigkeit [einer wiederentdeckten Oper]; und wir Kritiker loben ja dann auch tatsächlich lieber den 'Mut', statt nachzufragen, ob das präsentierte Werk den Mut überhaupt lohnt." Die "programmdramaturgische Begierde" müsse vielmehr auf die "Ausgrabung mit kritischer Reflexion zur Lebensfähigkeit" ausgehen. Stattdessen hätten alle Häuser "auch gern ihr Stückchen vom Feuilleton-Kuchen und entscheiden sich deshalb natürlich genau nicht dafür, der neu entdeckten Perle [die ein anderes Haus herausgebracht hat] eine zweite, dritte, vierte Aufführung zu gönnen, sondern gehen lieber selbst noch einmal auf Schatzsuche. Das macht dann im Endeffekt vier kurzzeitig wiederentdeckte und gleich wieder vergessene Werke, von denen eines vielleicht fünf Jahre später das nächste Mal 'wiederentdeckt' wird." Eine Repertoire-Erweiterung erreicht man so jedenfalls kaum – und dann spielt man halt doch wieder "Die Zauberflöte".

Außerhalb des Schwerpunkts würdigt Michael Laages in einem tollen Beitrag Roswitha "Rosi" Sokolowski, die sich selbst "Castorfs Bühnenputze" nennt, deren offizielle Berufsbezeichnung an der Berliner Volksbühne jedoch "Bühnenreinigerin" ist. Der "Tatortreiniger" jedenfalls sieht alt gegen sie aus. "Herr Hübchen hatte einen Monolog, ich hatte Ziegenscheiße", lässt sie etwa über einen ihrer Live-Auftritte (in Castorfs "Webern") verlauten. Und von der legendären "Pension Schöller"-Aufführung erzählt sie: "Kartoffelsalat und Hering flogen nach rechts, die Schlangen gingen nach links ab – und dann kam ich!" Laut Castorf, der ihr gern bei der Arbeit zuschaut, ist Rosi wichtig, "weil sie mit einem ganz persönlichen Hass diese Kaskaden von Dreck und Blut und Schminke und Sand und Schmutz entfernt", und Herbert Fritsch hat vor "der die mann" zu ihr gesagt: "Wenn du diese Bühne zum Glänzen bringst, dann gehört der Beifall dir!" Wir applaudieren!

 

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