Von wegen "Germany's next Topmodel"

von Michael Wolf

Berlin, 18. Mai 2016. Schluss mit der Romantik: Dramatiker sind Autoren sind Marken. Um ihren Wert zu steigern, brauchen sie Aufmerksamkeit, müssen sich vernetzen und nicht nur ihre Texte, sondern mindestens so sehr auch sich selbst verkaufen. Insofern ist die neue Idee des Stückemarktes des Berliner Theatertreffens nur konsequent, gerade hinsichtlich des Wunsches, sich wieder verstärkt als Markt ins Gespräch zu bringen.

Was wäre da angebrachter als ein öffentlicher "Pitch"? Der Pitch ist vor allem in der Startup-Economy verbreitet. Beim Pitchen geht es darum, in möglichst kurzer Zeit einen Investor oder Arbeitgeber von einer Geschäftsidee zu überzeugen. Häufig ist auch vom "Elevator-Pitch" die Rede, bei dem es gilt, die eigene Idee in nur zwei Minuten – die Zeit, die man mit seinem Chef im Aufzug verbringt – möglichst überzeugend zu präsentieren.

Von Dramatik alten Stils gelöst

Die Autoren und Performer des Stückemarktes hatten immerhin zehn Minuten, um allein, in Videos oder mit Schauspielern ihr nächstes Stückprojekt vorzustellen. Am Ende wurde vor Ort und im Netz (es wurde livegestreamt) abgestimmt, wer den Preis erhalten sollte: eine Uraufführung am Theater Dortmund und 7000 Euro. Zudem durfte eine Expertenrunde Fragen stellen: Kay Voges (Intendant am Theater Dortmund), Kathrin Röggla (Dramatikerin, Stückemarkt-Auswahl-Jurorin und Vizepräsidentin der Akademie der Künste), Kulturjournalist und TT-Blog-Leiter Janis El-Bira und der Netzaktivist Markus Beckedahl (Chefredakteur netzpolitik.org, Mitgründer re:publica), von dem bislang nicht bekannt war, dass er auch Ahnung von Neuer Dramatik hat.

Brauchte er aber auch nicht. Schließlich führte die Neuausrichtung des Stückemarkts dazu, dass ohnehin kaum mehr ein Text dramatisch zu nennen war. Performer und Kollektive werden schon seit vier Jahren ebenfalls zur Bewerbung geladen. Stück-Projekte mit Text, Dialogen und einem klassischen Figurenpersonal waren deutlich unterrepräsentiert. Davon abgesehen fiel es Beckedahl wohl ohnehin schwer, einen Eindruck von den Projekten zu bekommen.

Internationale Ausrichtung

In den Präsentationen und Videos gaben die Nominierten vor allem Plattitüden von sich oder übten schon mal fürs Programmheft. Ein kleines Best-Of: "We are dealing and redealing with the possibility of a dialogue"; "The question, where we come from and where we go to, is so existential"; "The state of constant constantness is a place between virtuality and reality." Spätestens im Gespräch mit der Expertenrunde gerieten die Begriffskugeln in diesem Bullshitbingo außer Kontrolle. Lustig waren immerhin die immer hilfloser werdenden Fragen. "How will you create a black hole on the stage?" (Kay Voges); "Can you imagine to use a beamer?" (Beckedahl) oder: "Have you lost faith in humanity?" (Zuschauerfrage)

Gewonnen haben Bara Kolenc und Atej Tutta aus Slowenien. In ihrem Projekt geht es um schwarze Löcher und Paranoia. Genauer weiß ich es auch nicht. Auf der Bühne brachte Kolenc kaum einen klaren Satz heraus.

pitch 560 Piero Chiussi uDas Pitching im Haus der Berliner Festspiele © Piero Chiussi

Natürlich hätten die Vortragenden ihre Projekte besser in ihren Muttersprachen vorstelllen können. Unter den fünf Nominierten war mit Simone Kucher nur eine Deutsche. Drei Kandidaten mussten in einer Fremdsprache präsentieren, was ihnen das Pitchen teils sichtlich erschwerte. Es wäre unfair, den Autoren hieraus einen Vorwurf zu machen. Sie schreiben und arbeiten schließlich in ihren Heimatländern. Hieran zeigt sich aber, wie abwegig die Idee ist, den Wettbewerb so stark international auszurichten. Denn die Chance, als kroatischer oder sogar Hong-Kong-chinesischer Autor (wie Pat To Yan) regelmäßig auf Deutsch gespielt zu werden, kann als recht gering eingeschätzt werden – mit oder ohne Uraufführung am Theater Dortmund.

Spaß oder Ernst?

Dem Versuch des Pitches muss zu Gute gehalten werden, dass er sich vortrefflich selbst widerlegt hat: Theater ist eben doch (noch) nicht so neoliberal, so über alle Sprachen und Grenzen hinweg verwertbar. So bleibt vom Stückemarkt nicht mal der Markt übrig. Denn ein Markt, ein Bedarf, müsste ja da sein; es reicht nicht, ihn im Stile des überkommenen Theaters so billig zu behaupten.

Leider machen sie nicht mal eine richtige Abschieds-Show draus. Schade, dabei hatte Kathrin Röggla den Abend im Vorfeld als "Germany's next Topmodel" für Dramatiker*innen angekündigt. Aber weit gefehlt: Das kollektive Abstimmverfahren ist langweilig, es gibt keine Jury-Voten, die Gesprächsstoff böten.

Volksbühnen-Schauspieler Maximilian Brauer führt als hyperaktiver Moderator durch den Abend. Seine Unsicherheit versucht er damit zu kompensieren, sie offen zur Schau zu tragen. Er trägt einen albernen Anzug und Perücke, muss ununterbrochen etwas Witziges sagen. Seine Auftritte sind symptomatisch für diese überspannte Veranstaltung. Alle nehmen sie diesen Wettbewerb viel zu ernst. Das ist verständlich, weil es um 7000 Euro geht. Bitte nächstes Mal einfach losen oder unter allen Beteiligten aufteilen oder noch besser: für das Geld Heidi Klum einladen.

TT Stückemarkt Werkauftrag-Pitch 
Texte und Stücke von  Jonathan Bonnici ("Ality"), Simone Kucher ("Die Wahrhheit der Fanny Löwitt"), Dino Pešut ("Grand Hotel Abyss"), Bara Kolenc & Atej Tutta ("Metamorphoses No. 4: Blackholes"), Pat To Yan ("Posthuman condition"). 
Mit: Luise Aschenbrenner, Sean Curren, Trista Ma, Marie-Lou Sellem, Jutta Wachowiak (Schauspieler*innnen), Maximilian Brauer (Moderation), Katharina Woll (Video).

www.berlinerfestspiele.de

 

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