Fluchterfahrungen

von Michael Wolf

Berlin, 10. Mai 2017. Friedrich Barner will weg. Der Direktor der Berliner Schaubühne erhebt sich bereits von seinem Platz, während der Applaus noch läuft. Standing Ovations der delikaten Art. Forced Entertainment stoßen auf gemischte Gefühle.

Dabei ist "Real Magic“ dem Publikum des Berliner Theaters Hebbel am Ufer wohlbekannt. Die Performance wurde hier koproduziert. Das Berliner Theatertreffen zieht aber eben auch Zuschauer, die für gewöhnlich nicht hingehen, wo die Avantgarde werkelt. Die Produktionen des HAU wiederum interessieren sich meist wenig für niedere Zuschauerinstinkte. Spötter sagen, hier werde Theater für Theaterwissenschaftler gemacht.

Bei der Preisverleihung betont erst HAU-Intendantin Annemie Vanackere, wie wichtig Forced Entertainment für die freie Szene war und ist, und dann Tim Etchells, wie wichtig freie Produktionshäuser für Forced Entertainment waren und sind. Recht haben sie beide. Nur, warum wird nun ausgerechnet dieser Abend zum Theatertreffen eingeladen? "Die sind jetzt einfach mal dran", mag die Jury gedacht haben.

RealMagic 2 560 HugoGlendinning uForced Entertainment in der Besetzung der Uraufführung im Mai 2016 in Essen: Jerry Killick, Claire Marshall, Richard Lowdon © Hugo Glendinning

In "Real Magic" fordert Performer 1 Performer 2 auf, zu erraten, an welches Wort Performer 3 gerade denkt. Sie raten jedes Mal dasselbe und jedes Mal falsch. Dann tauschen sie Rollen und Spielhaltungen. Eine absurde Quizshow, wie Samuel Beckett sie lieben würde. Warum er das täte, erschließt sich aber wie erwähnt nicht jedem. Die Sitznachbarin des Kritikers applaudiert gar nicht. Fairerweise sei erwähnt: Ihre Sitznachbarin wiederum gluckst sogar. Zum Beispiel, als Richard Lowdon ein Schild mit der Beschriftung "sausage" vor sich hält und seine Hüfte ruckartig nach vorne stößt. Hurra, ein Peniswitz!

Im Programmheft erklärt Tim Etchells peinlich genau, was hinter "Real Magic" steckt: Brexit, Trump, Dekonstruktion. Der Abend hat mit Sicherheit eine ganze Menge Ebenen. Leider verstecken sich die meisten von ihnen unter einer allzu albernen Oberfläche. Sei's. So bleibt immerhin Zeit zu erraten, welches Wort Friedrich Barner oder die Sitznachbarin gerade denken. Raten Sie mit: Vielleicht 1.) "Brexit", 2.) "Trump" oder 3.) "Flucht"?


Hier geht's zur Nachtkritik über die Uraufführung von Real Magic in Essen im Mai 2016.

Alles zum Berliner Theatertreffen 2017 gibt's im Liveblog.

 
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