Kuscheln mit der Community

von Michael Wolf

21. März 2018. Meine erste Theatererfahrung hatte ich als dritter Hirte beim Krippenspiel. Ich war noch zu klein, mir den Text zu merken. Mein Part bestand darin, hin und wieder auf den Bauch eines Stofflamms zu drücken, woraufhin es "Mäh" machte. Die Kirchengemeinde liebte mich blasphemisch. Ich bekam mehr Applaus als Jesus.

Das Theater der Tanten, Nachbarn, Kollegen

Inzwischen meide ich Laientheater wie der Teufel das Weihwasser. Und zwar gerade weil Jugendclubs und Bürgerbühnen auf eine Gemeinde angewiesen sind. Das Publikum entsendet hier die Spieler aus seiner Mitte auf die Bühne. In solchen Aufführungen findet das bürgerliche Theater als soziale Institution zu sich. Wenn ich hier aber keine Tante, keinen Nachbarn, keine Kollegin auf der Bühne beobachten kann, verliere ich rasch das Interesse. Wer nicht Teil der Gruppe ist, den schließt sie aus.

kolumne wolfEine ähnliche Entwicklung lässt sich auch an den professionellen Häusern beobachten. Ich lebe in Berlin. Das erfolgreichste Stadttheater hier ist das Maxim Gorki Theater unter Shermin Langhoffs Intendanz. Niemand sonst macht so konsequent Theater für eine Community. Programm, Themen und Ensemble wurden ausgewählt, eine Einheit mit dem Publikum zu bilden. Ich respektiere und bewundere diese Leistung. Nur scheint die Beschwörung eines Versammlungsortes hier regelmäßig wichtiger zu sein als die einzelne Aufführung. Wer sich gar nicht zugehörig fühlen will, wer einfach nur ein Theaterstück sehen will, wird so leicht enttäuscht.

Ähnliches erlebte ich am Ende der Castorf-Ära an der Volksbühne, als sich Publikum und Ensemble Abend für Abend gegenseitig feierten. In den Reihen erkannte ich hin und wieder ein paar Fremde: Stadttouristen vielleicht, jedenfalls Uneingeweite, die gar nicht andocken konnten an diese Atmosphäre aus Trotz, Euphorie und Märtyrertum. Irritiert wandten sie sich ab.

Ich glaube, Chris Dercon zieht auch deshalb so viel Unmut auf sich, weil ihm das Verständnis für dieses Streben nach einer Gemeinde gänzlich fehlt. Dercon denkt Theater global, mindestens europäisch. Entgegen aller liberalen politischen Ansichten, lässt der Theater-Betrieb aber seine Schranken gerne an der Grenze der deutschen Sprache runter, im Zweifelsfall auch am Ortsausgangsschild.

Keine Orte des Dialogs

Um im Jahr 2018 erfolgreiches Stadttheater zu machen, muss man, so scheint es, regional denken, vielleicht auch provinziell. Man braucht eine Idee und sollte alle anderen vergessen. Man muss eine spezifische Gruppe Menschen adressieren und für sich begeistern, der Rest kann ja woanders hingehen. Nicht nur im Netz gibt es Filterbubbles.

Wie inbrünstig deren Grenzen verteidigt werden, sah man letztes Jahr an der Gessnerallee Zürich, als auf Druck der Öffentlichkeit eine Diskussion mit dem AfD-Politiker Marc Jongen abgesagt wurde. Oder auch auf den Buchmessen, wenn sonst gut isolierte Haltungen aufeinander treffen. Das sind keine Orte des Dialogs mehr in der öffentlichen Wahrnehmung, das sind nun Kampfplätze. Zwei Teile des Bürgertums können nicht ertragen, dass es den anderen Teil gibt.

Alle einer Meinung

Ich verstehe die Sehnsucht nach einem öffentlichen Ort als Heimat. Gibt Theater ihm jedoch nach, dann schließt es sich zwangsläufig auch ab. Es verrät damit jene Ideale, die es so gerne für sich reklamiert: Dass hier eine Konfrontation stattfindet, eine Verhandlung gesellschaftlicher Gegensätze, dass hier Widerstand erprobt wird. Nur Widerstand gegen was, gegen wen? Es sind ja alle einer Meinung.

Vor meinen Fenster schneit es gerade. Es ist noch ein bisschen Zeit, aber ich hätte schon einen Wunsch für Weihnachten. Und zwar, dass Shermin Langhoff Uwe Tellkamp einlädt, ein Stück für das Gorki zu schreiben. Vielleicht würde das kein guter Theaterabend, ganz sicher gäbe es Streit. Aber es wäre ein Hochamt für eine Idee von Theater, die längst nur noch Behauptung ist.

 

Michael Wolf, Jahrgang 1988, ist Redakteur bei nachtkritik.de. Er mag Theater am liebsten, wenn es schön ist. Es muss nicht auch noch wahr und gut sein.

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