Ehret den Esel!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 1. Oktober 2019. Es gibt eine Frage, die mich zeit meines Theaterlebens verfolgt – und zwar unabhängig davon, ob ich gerade Zuschauer, Kritiker oder Dramaturg war. Ich kann diese Frage noch so oft zu beantworten versuchen, sie kommt immer wieder, lässt sich nicht abschütteln und zielt permanent ins Innerste des eigenen Theaterverständnisses. Sie wird gern von Leuten gestellt, die man auf Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten trifft, also zu Gelegenheiten, bei denen man lästigerweise über den gleichfalls ins Theater vernarrten Freundes- und Kollegenkreis hinauszuschauen gezwungen ist. Besonders häufig kommt die Frage übrigens von Musiker*innen und von Teilnehmer*innen an Publikumsdiskussionen. Sie lautet: Warum wird ein Stück nicht so aufgeführt, wie es im Text steht? (Die Musiker*innen pflegen dann stets anzufügen, dass sie doch schließlich auch laut spielten, wenn ein "forte" in der Partitur stehe, und bei einem "ritardando" nicht beschleunigten.)

Etikettenschwindel

Die gute alte Frage nach der Werktreue also! Ist sie heraus, beginne ich mich in der Regel zu winden, zitiere bildungsbürger-bräsig Wagner ("Kinder, schafft Neues!"), verweise auf Entwicklung und Lebendigkeit des Theaters, male den Teufel langweiliger Modellinszenierungen an die Wand, großspure dann, Theater sei per se Aktualisierung (weil – Vorsicht, Latein! – in actu), und ziehe mich zuletzt auf das Totschlagargument zurück, dass es "das Werk", "das Stück" strenggenommen ohne die Aufführung ja noch gar nicht gebe und dass der Text nur eine Komponente des Gesamtkunstwerks Theater sei. Dass es Werk- oder Texttreue gar nicht geben könne, denn alles sei Interpretation! (Und den Musiker*innen keule ich noch die Gegenfrage hinterher, ob sich denn ein auf dem Klaviere Bach musizierender Glenn Gould groß um Werktreue geschert habe … Na also!)

17 Kolumne behrens k 3PWenn ich mich solcherart in den Brustton der Überzeugung hineingeredet habe, verschweige ich besser, dass ich sehr wohl um die Berechtigung der begrifflichen Konvention "Texttreue" weiß, weil alle wissen, wie der Begriff verwendet wird, und somit auch alle wissen, was damit eigentlich gemeint ist. (Und wer das leugnet – ein avancierter, semiotisch durchgeschulter Theaterwissenschaftler etwa –, der frage sich einmal, was er zu einer Aufführung sagen würde, über der "Macbeth" von William Shakespeare stünde, bei der aber ausschließlich "Faust"-Text von Goethe gesprochen würde. Käme da nicht sogar unserem Theaterwissenschaftler das Wort "Etikettenschwindel" in den Sinn?) Will sagen: Ich verschweige, dass wir Theaterleute und Freunde des zeitgenössischen Theaters natürlich die Forderung nach Werktreue verstehen, aber nicht hören wollen, weil wir Werktreue auf Dauer schlicht öde finden. (Und das ist auch die ehrlichste Antwort.)

Nun hat solch ein Gespräch über Werktreue fast immer eine Coda: Ist der Dissens mit dem unbelehrbaren Gegenüber endgültig manifest geworden, führe ich kurz vor den ersten Schreiereien noch an, dass es ja jedem unbenommen sei, werktreu zu inszenieren oder als Besucher*in gezielt werktreue Aufführungen aufzusuchen. Und mit nur unzureichend überdecktem Sarkasmus empfehle ich dann beispielsweise die Passionsspiele in Oberammergau, bei denen man eine sensationell bibeltreue Variante der Leidensgeschichte Jesu bewundern könne (der Sarkasmus bezieht sich nicht zuletzt darauf, dass diese spezielle Spielart der Werktreue nur alle zehn Jahre zu erleben ist).

Hamlet im Samtwams

Kürzlich indes musste ich der Zeitung entnehmen, dass nun auch diese Bastion der Werktreue in Gefahr ist. Die Tierrechtsorganisation PETA möchte nämlich verhindern, dass bei den Passionsspielen 2020 der Darsteller des Jesus auf einem Esel in Jerusalem einreitet, da "die Belastung eines Esels keinesfalls mehr als 20 Prozent seines Eigengewichtes betragen" dürfe. Mit Verweis auf den Elektroauto-Gebrauch des aktuellen Papstes (dem man den Rang Jesu ja wirklich fast zuzubilligen geneigt ist) schlägt die PETA daher vor, Jesus könne sich doch "auf einem E-Roller oder mit einem anderen tier- und umweltfreundlichen Elektromobil fortbewegen". Hurra und Hosianna! Sofort sehe ich vor meinem inneren Auge voller Abscheu wieder jene Stadttheater-Inszenierungen der 1980er Jahre vorbeihuschen, die ihre Zeitgenossenschaft allein daraus bezogen, dass sie König Lear an einen Büroschreibtisch mit Telefonanschluss setzten.

Lange Zeit hätte ich's nicht für möglich gehalten, aber die Tierrechtler haben meinen Oppositionstrieb derart aufgestachelt, dass ich nun doch noch ins Lager der Werktreuen überlaufe: Denn ehe ich in Oberammergau den Herre Christ auf einem E-Scooter einherrollen sehe, möchte ich noch lieber an Matthias Lilienthals Münchner Kammerspielen einen Hamlet im samtenen Wams nach Helsingör'scher Mode erleben, der gräberdurchpflügend mit einem Totenkopf parliert. Was zu viel ist, ist zu viel! Ehret den Esel, indem ihr ihn zeigt. Denn so steht es geschrieben.

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist seit der Spielzeit 2017/18 Dramaturg am Staatstheater Wiesbaden. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er u.a. in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

 

Zuletzt dachte Wolfgang Behrens über das Dramaturgenschicksal nach.

 
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