#diversitysowhite

von Lara-Sophie Milagro

18. Februar 2020. Mit der praktischen Umsetzung von Diversität im deutschen Kunst- und Kulturbetrieb ist es wie mit dem Internet bei uns zuhause. Das fällt mindestens ein Mal pro Woche aus und dann beginnt stets das gleiche Ritual: Ich rufe bei unserem Anbieter an und ein sehr freundlicher Mitarbeiter erklärt mir, man sei sich des Problems bewusst, setze alles daran es zu beheben und man rufe uns zurück, sobald der Fehler gefunden sei. Der Mitarbeiter bedankt sich jedes Mal für meine Beschwerde, "die unbedingt nötig ist, damit wir unseren Service beständig verbessern können", und wünscht mir noch einen schönen Tag. Wir erhalten nie einen Rückruf, stattdessen geht das Internet plötzlich wieder, bevor es spätestens nach einer Woche erneut ausfällt. Fazit: Alle Beteiligten geben sich wirklich sehr viel Mühe, aber es will einfach nicht gelingen.

Bunter, aber wie?

Diversität ist in aller Munde. Sie darf in keinem Spielzeiteröffnungstext, Forderungen-Katalog oder Publikumsgespräch fehlen. Alle wissen theoretisch, was wünschenswert wäre – bunter, gleichberechtigter, offener soll es sein. Aber ähnlich wie bei anderen inflationär gebrauchten Schlagworten aus der Kategorie die-Rebublik-muss-bunter-werden – "Multikulti", "Vielfalt" oder die gute alte "Integration" – gehen die Ansichten darüber, was Diversität eigentlich bedeutet, welche Maßnahmen (nicht) ergriffen werden sollten, um sie umzusetzen und wann sie als gelungen betrachtet werden kann, auch und gerade unter Kunstschaffenden weit auseinander.

17 NAC Kolumne Visual Milagro V3So ging eine Welle der Empörung durch die Internet-Gemeinde, als die Deutsche Filmakademie Ende Januar über die Sozialen Medien ein Bild ihrer "Vorauswahlkommission Spielfilm 2020" mit ausschließlich weißen Juror*innen veröffentlichte. "Ohne Kartoffel DNA kommst du nicht in die Filmpreisjurys", "Mittelschichtrassismus at its best" oder "Direkt den Präsidenten Ulrich Matthes in einem offenen Brief konfrontieren" posteten aufgebrachte User*innen und eine stellte lapidar fest: "Bin etwas schockiert, dass sowas in der aktuellen Diversitätsdebatte noch passiert."

Die Filmakademie bemühte sich derweil um Schadensbegrenzung, indem sie ihr Engagement für Minderheiten hervorhob ("Das Team ackert auf vielen Feldern. Heute fand die regelmäßige Veranstaltung Kino für Geflüchtete statt"), sich lernwillig gab ("Die Gesellschaft verändert sich und natürlich muss sich was bewegen") und versicherte, man beschäftige sich "durchaus mit dem Thema. Beispielsweise treffen sich die Akademie-Mitglieder just zu dem Thema Diversity am kommenden Sonntag". Angesichts der Tatsache, dass eben jene Mitglieder zu schätzungsweise 90 Prozent weiße Filmschaffende sind, klangen solche Beschwichtigungsversuche allerdings wenig überzeugend. Und so versammelte sich Anfang Februar ein Kollektiv Bühnen-, Film- und Fernsehschaffender verschiedener Hinter- und Vordergründe in einem Berliner Kino, stellte dort das Foto der Filmakademie nach und verbreitete es anschließend unter dem Titel "Vorauswahlkommission Spielfilm, Deutscher Filmpreis 2021" über die sozialen Medien.

Das neue Foto

Die Reaktionen darauf spiegeln beispielhaft wider, wie leidenschaftlich auf allen Seiten darum gekämpft wird, die eigene Vorstellung von Diversität als allgemeingültig zu platzieren. Viele sahen beispielsweise in der rein weißen Jury der Filmakademie kein großes Problem, da über die Hälfte der abgebildeten Juror*innen Frauen und zudem auch Queere Künstler vertreten waren. Und ein User bemerkte in Hinblick auf das bunte Grüppchen der "Vorauswahlkommission 2021": "Was ist das, Diversitätserfahrung? Ist jetzt alles, was anders ist in der Einheit gleich?"

Tatsächlich birgt der schillernde Modebegriff der Diversität einige Fallen, gerade im Theater und Film, wo es so sehr um Repräsentation geht, darum, wer mit welchem Gesicht und welchem Körper für die deutsche Kultur stehen darf. Das Konzept der Diversität hat seinen Ursprung in der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung der USA, bevor es Ende des letzten Jahrhunderts auf andere diskriminierte Gruppen ausgeweitet wurde und im Zuge dessen zum Schlagwort für mehr Teilhabe sogenannter Minderheiten avancierte. Seither bietet es jedem die Möglichkeit, Begriffe, die man stets mit diffusem Unbehagen benutze, elegant zu umgehen. Wo noch vor einigen Jahren von Rassismus, Homophobie oder Diskriminierung die Rede war, spricht man nun von "Diversitätserfahrungen", was irgendwie hübsch klingt, weil sich fast jeder darin wiederfinden kann.

Gleichzeit öffnet es privilegierten Gruppen, die ja paradoxerweise auch in jeder Minderheit vertreten sind, wiederum ein Hintertürchen, ihre Vorzugsrechte zu verteidigen. So kann die lesbische weiße Regisseurin, der Schwarze heterosexuelle Juror oder der PoC-Intendant mit Behinderung aus sozial schwachen Verhältnissen, bei Rassismus-, Homophobie- oder Sexismusvorwürfen auch immer mit der eigenen Diskriminierungserfahrung kontern. Und selbst weiße, heterosexuelle cis-Männer ohne Behinderung und aus gutbürgerlichen Verhältnissen höre ich immer öfter darüber klagen, dass sie sich "diskriminiert" fühlen, weil sie sich "schon gar nicht mehr trauen, irgendwas zu sagen". Motto: Sind wir nicht alle ein bisschen diskriminiert?

Überforderung des Establishments?

Die Bedeutungswandel der "diversity" hin zu einem Sammelbegriff verschiedener Benachteiligungserfahrungen erleichtert es zudem, verschiedene minorisierte Gruppen gegeneinander "auszuspielen": Erst mal den Frauen ein paar Zugeständnisse machen, dann sind die Schwarzen dran, dann die Queers, dann müssen wir uns alle ausruhen und auf die Schulter klopfen, und dann wenden wir uns (eventuell) Menschen mit Behinderung zu. Und Obacht: Maximal einer aus jeder Gruppe reicht, man muss ja nichts übertreiben und Veränderung braucht schließlich Zeit.

Vorauswahlkommission Spielfilm Lara Sophie Milagro FB uDas neue Foto: die "Vorauswahlkommission Spielfilm 2021" © Facebook / Lara-Sophie Milagro

In der Folge beschränkt sich die Idee von Diversität innerhalb marginalisierter Gruppen oft darauf, die eigene Community angemessen repräsentiert zu sehen. Dahinter steckt nicht nur die berechtigte Angst, dass bei einem intersektionalen Ansatz die Besonderheiten der eigenen Diskriminierungserfahrung – sichtbare Diversität aufgrund der Hautfarbe oder einer Behinderung zum Beispiel – in einer Art allseligmachender Gemeinschaft der Entrechteten untergeht und somit banalisiert wird. Sondern auch die Befürchtung, das Establishment mit zu viel Diversität auf einmal zu überfordern und so das für sich selbst und die eigene Community mühsam Erkämpfte zu gefährden. "Wir brauchen keinen Schwarzen mehr, wir haben schon einen Asiaten" – von solchen Absagen können PoC-Schauspieler*innen ein Lied singen.

Ein Schritt in die richtige Richtung

Trotzdem, oder gerade deshalb, hat sich für das Foto "Vorauswahlkommission Spielfilm, Deutscher Filmpreis 2021" ein Kollektiv aus Schwarzen, PoC und Queeren Künstler*innen, solchen aus der Sinti und Roma Community sowie Menschen mit Behinderung zusammengetan, um gegen ihre strukturelle Benachteiligung im Kunst- und Kulturbetrieb ein Zeichen zu setzen, ohne dabei die Besonderheit ihrer jeweiligen Diskriminierungserfahrungen zu negieren. Dafür steht die große Bandbreite der Interessenvertretungen, die für diese Aktion kooperiert haben: das afrodeutsche Künstler*innen-Kollektiv Label Noir, die Schwarze Filmschaffende Community, die Produktionsfirma Panthertainment, das Berlin Asian Film Network (BAFNET), Pro Quote Bühne, Pro Quote Film sowie Leidmedien.de. Selten gab es ein so breites Bündnis von Kunst- und Kulturschaffenden, die Diversität nicht nur einfordern, sondern selbst auch repräsentieren.

Das hat auch die Deutsche Filmakademie begriffen, das Foto der "Vorauswahlkommission Spielfilm 2021" auf ihrer Facebook und Instagram Seite geteilt und in einem bemerkenswert selbstkritischen und offenen Statement angekündigt, mit den verschiedenen Communities konkrete Schritte hin zu mehr Gleichberechtigung zu erarbeiten. Eine starke Geste, die hoffen lässt, dass es in Zukunft selbstverständlich sein wird, Diversität auch divers – sprich: intersektional und inklusiv – zu denken.

 

Lara-Sophie Milagro ist Schauspielerin, in der Leitung des Künstler*innen Kollektivs Label Noir, Berlinerin in der fünften Generation und fühlt sich immer da heimisch, wo Heimat offen ist: wo sie singt und lacht, wo sie träumt und spielt.


In ihrer letzten Kolumne schrieb Lara-Sophie Milagro über missliebige politische Theaterkunst an der Konfliktlinie zur Rechten.

 

 

 
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