Medienschau: Süddeutsche Zeitung – Maßnahmen gegen den Publikumsschwund

Raus aus der Selbstabschaffungs-Spirale

Raus aus der Selbstabschaffungs-Spirale

12. Juli 2022. Eine Recherche an deutschen Theatern veröffentlicht die Süddeutsche Zeitung. "Die aktuellste verfügbare Statistik zeigt schon für die Spielzeit 2019/2020, also das erste Corona-Halbjahr, beim Schauspiel einen Rückgang von zwei Millionen Besuchern – von fünf Millionen im Vorjahr auf 3,2 Millionen", nennen die Autoren Zahlen des Deutschen Bühnenvereins.

Doch nicht an allen Bühnen brächen die Besuchszahlen ein. Oliver Reese, Intendant des nach wie vor zu rund 80 Prozent ausgelasteten Berliner Ensembles, teilt im SZ-Beitrag einige Erfahrungswerte: Ratsam ist ihm zufolge, Vorstellungen möglichst nicht ausfallen zu lassen, lieber kurzfristig umzubesetzen oder eine andere Inszenierung anzusetzen. "Dazu kommen ein attraktiver Spielplan, große Geschichten, ein tolles Ensemble, auch gekonntes Entertainment und: Schauspielertheater", heißt es im Artikel von Peter Laudenbach und Egbert Tholl. "Klingt eigentlich selbstverständlich, ist es in Zeiten von Konzept-Regie und verrätselten Bühnen-Installationen aber nicht." Umgesteuert habe das Berliner Ensemble insofern, als nicht mehr eine Einladung zum Theatertreffen das wichtigste Ziel sei, „sondern gut besuchte Vorstellungen und Zuschauer, die gerne wiederkommen“.

Sibylle Broll-Pape, Leiterin des ETA-Hoffmann-Theaters in Bamberg, spiele im Sommer-Open-Air "Romeo und Julia" und damit "bewusst 'einen Reißer'". Ihr Haus, das vor der Pandemie eine Auslastung von 90 Prozent gehabt habe, stehe mit derzeit 65 Prozent gut da.

"Wenn dagegen andernorts zum Corona-Blues noch dilettantisches Theatermanagement und ein ideologisch aufgerüstetes Programm kommen, wird es leer im Zuschauerraum", schreiben die Autoren. "Brutale Einbrüche wie in Dortmund oder an der Berliner Volksbühne einfach mit der Pandemie zu erklären, wäre wohlfeil. Die Wahrheit: Theater, das niemand sehen will, schafft sich ab." Gut liefen hingegen sehr bekannte Titel oder Stücke, die "echte Geschichten" erzählten. Humor und Unterhaltung auf hohem Niveau sowie einen engen Kontakt zur Stadtgesellschaft sieht Annemie Vanackere vom HAU Hebbel am Ufer als Erfolgsrezepte.

Die Berliner Komödie am Kurfürstendamm, Deutschlands größtes Privattheater, das sich fast ausschließlich über die Abendeinnahmen finanziert und 2019 noch 140.000 Besucher:innen hatte, zählte 2021/22 noch 92.000 Zuschauer:innen. Ohne Katharina Thalbachs fast immer ausverkaufte Inszenierung "Mord im Orientexpress" sei auch das nicht zu erreichen gewesen. Intendant Martin Woelffer fürchte denn auch, dass einige Privattheater die kommende Spielzeit nicht überstehen werden.

"Unter darwinistischen Gesichtspunkten könnte man das begrüßen: In der Krise trennt sich die Spreu vom Weizen. Nicht jede unbegabte Dilettanten-Performance-Gruppe ohne Publikum muss bis ins Rentenalter alimentiert werden", so die Autoren. "Aber es wäre traurig, wenn in diesem Ausleseprozess die Landschaft zu sehr verödet und nur noch Marktgängiges überlebt."

(Süddeutsche Zeitung / eph)

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