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Spiritual-Pop

von Matthias Weigel

Berlin, 29. Februar 2011. Der Extremismus, der böse, kennt viele Gesichter. Links, rechts, islamistisch, christlich, und so weiter. Der, der Extremismus sagt, ist aber vielleicht selbst der Böse, weil er davon ausgeht, dass es eine normale Mitte und extremistische Ränder gibt. Womit wir auch schon in den Grauzonen der Demokratie angelangt wären, bei Partei-Verboten oder illegalen Glaubensgemeinschaften.

Marius von Mayenburg hat sich an der Berliner Schaubühne eine altbekannte Hetzschrift vorgenommen, die immer noch verbreitet wird, verstärkt in ländlichen Gebieten, obwohl sie doch offen zu Verstößen gegen die Menschenrechte aufruft: Ja, die Bibel, genauer gesagt das Alte Testament. Diese reiche Fundgrube für die oberflächliche Religionskritik zwischendurch muss mal wieder herhalten.

Normal schwererziebar

Die akribisch gesetzten Fußnoten seines neuen (und selbst inszenierten) Stücks "Märtyrer" scheinen der Beweisführung dienen zu sollen: Seht her, steht wirklich alles drin, diese Aufrufe zur Gewalt und gegen Homosexualität, gegen die Gleichstellung der Frau und so weiter. Dabei kommen entsprechende Bibel-Zitate natürlich nicht textflächig oder diskursiv daher, sondern Mayenburg-mäßig in eine ordentliche Geschichte verpackt: Der bisher "normal schwererziehbare" Schüler Benjamin hat sich plötzlich dem fundamentalen Christentum verschrieben und redet fast nur noch in alttestamentarischem Bibel-Sprech. Er belehrt jeden, was er gerade falsch mache, und klärt besorgt über die Folgen auf: "Gott wird dich richten", Hölle, Verdammnis. Damit gerät er besonders mit Vertrauens- und Biologie-Lehrerin Frau Roth aneinander: Schöpfung versus Darwin.

maertyrer1 560 arno declair uBeim Direktor: Bernardo Arias Porras, Eva Meckbach, Robert Beyer © Arno DeclairDie alleinerziehende Mutter schaut hilflos zu, der Religionslehrer wird neben Benjamin zum Hobby-Christen, der Schulleiter will alles unter den Teppich kehren und der "Krüppel"-Freund und Mitschüler wird zum ersten Benjamin-Jünger. Nicht nur das Christentum, jeder kriegt was ab: Die penetranten Aufklärer und Anti-Ideologen, die darin selbst dogmatisch werden; die Eltern, die die Erziehungsverantwortung gerne an die Schule abtreten ("Ich bin seine Mutter, es ist normal, dass er zu mir nichts sagt. Aber Sie, Sie haben eine Ausbildung, sind Pädagogin..."); die opportunistischen Chefs, die sich lieber schnell auf die öffentlichkeitswirksamere Seite schlagen, anstatt für ihre Mitarbeiter einzustehen.

Black Box oder Black Surface?

Eva Meckbach als fesche Biolehrerin rappelt sich erfolgreich ab, ihre Wandlung von der in sich ruhenden Vertrauenslehrerin hin zur verzweifelnden Übergeschnappten hinzukriegen. Sie ist die einzige Identifikationsfigur in dem funktionellen Typen-Kabinett. Selbst Ensemble-Neuzugang Bernardo Arias Porras bleibt als Hauptfigur Benjamin außen vor. Verständlich, seine Rolle ist wohl auch die schwerste: Ein fundamentaler Jungchrist, sonst nichts? Oder will er mit seinem moralisch überlegenen Gefasel doch nur der Umwelt eins auswischen? Nichts ist über diese religiöse Black Box zu erfahren, die sich auf die Dauer als Black Surface erweist.

Auch die restlichen Figuren sind eher bunte Ausstaffierungen, die aber zu einigen komischen Situationen und vor allem hinreißenden musikalischen Einlagen führen. Für Harmonium (unvermeidlich), Gitarren und Gesang haben Malte Beckenbach und Jakob Grunert tolle Live-Zwischenspiele geschrieben bzw. arrangiert, die teils hochkomisch zwischen Schülerband, Spiritual-Pop und sakraler Musik schweben.

Die Wege des Herrn

Wo führt es nur hin, dieses Stück? So konkret es im Schul-Kosmos verankert ist, so schrumpft jede größere Bedeutungsdimension dahin. Daran ändert auch nichts, dass an Andeutungen nicht gerade gespart wird, sei es in Richtung Homosexualität (Benjamin & sein Jünger) oder Schüler-Lehrer-Verhältnis (Benjamin & Frau Roth). Ab dem ersten Moment ist klar, dass es auf eine Eskalation hinauslaufen muss: Entweder Benjamin verrät irgendwann doch noch seine Ideale oder aber Frau Roth dreht durch. Am Schluss nagelt sie sich zwar nicht ans Kreuz, aber immerhin auf den Schulboden.

Der Weg dahin zieht sich. Aber, wir wissen ja, manchmal führt uns der Herr auf verschlungenen Pfaden...

 

Märtyrer (UA)
von Marius von Mayenburg
Regie: Marius von Mayenburg, Bühne und Kostüme: Nina Wetzel, Musik: Malte Beckenbach, Jakob Grunert, Dramaturgie: Maja Zade.
Mit: Robert Beyer, Eva Meckbach, Sebastian Schwarz, Urs Jucker, Bernardo Arias Porras, Judith Engel, Moritz Gottwald, Jenny König.

www.schaubuehne.de

 

 

Kritikenrundschau

Auf Deutschlandradio Kultur sagte Hartmut Krug in Fazit (29.2.2012): Das Stück bliebe "mehr szenisches Referat" als dass es zu "sinnlichem Theater" würde. Zwar sei der Eingangsdialog zwischen Mutter und Sohn "knapp, präzise und urkomisch". Doch im weiteren Verlauf schauten wir dem Benjamin "eher amüsiert als neugierig oder betroffen zu". Allzu sehr bleibe Bernardo Arias Porras Lautsprecher des Autors bleibe und die Figur ein "Demonstrationsobjekt", ein "Konstrukt ohne Tiefe und Begründung". Auch der versehrte Georg funktioniere mit seiner Pein eher nach einer von "Mayenburgs Klischee-Ideen". Neben der Familienaufstellung bekäme das Publikum noch eine "unterhaltsame Kollegiums-Aufstellung" geboten. Immerhin gebe es "einen deutlichen, aber offenen Schluss", wenn sich die Lehrerin am Fußboden fest nagele.

Auf der Webseite des Deutschlandfunks (1.3.2012) schreibt Eberhard Spreng: Von Szene zu Szene verhärte sich der Kampf zwischen dem Schüler Benjamin, der sich "immer mehr für eine Reinkarnation des Messias hält" und seiner Lehrerin, die nun "ihrerseits nur noch die Bibel liest, um ihren Widersacher mit dessen Waffen zu schlagen". Dazwischen formierten sich die Nebenfiguren "im Graubereich der faulen Kompromisse, des bequemen Opportunismus und der konfliktscheuen Leidenschaftslosigkeit". Da werde mit einer "etwas schematischen Parabel" die "Islam-Debatte ins christliche Gewand gekleidet": Eine "satirische Religionskritik mit Seitenhieben auf unfähige Eltern und faule Schulleiter. Ein sehr zeitgenössisches und etwas billig ausgefallenes Sittenbild also". Nur über die persönlichen Gründe für Benjamins "Irrfahrt durch die ideologische Folterkammer" erführe man nichts. Die Hauptfigur bleibe im Spiel von Bernardo Arias Porras "flach und ohne Tiefe".

In der Berliner Zeitung (2.3.2012) schreibt Christian Rakow: In "Märtyrer" ginge es um die Frage: "Wie mag das aussehen, wenn eine furchtbar liberale Gesellschaft von kompromisslosen Fanatikern aufgemischt wird?" Wie üblich bei Mayenburg, schreibt Rakow, "blühen" die Figuren "als dekorative Thesenträger". "Allenfalls eine Farce" stecke in diesem Stück, aber der Autor als Regisseur begegne seinem eigenen Text "mit sehr viel Andacht". Es gebe ein paar schöne Wortgefechte, leider zu wenige Monty-Python-artige Momente und der comicartige Hintergrund zerstöre verlässlich etwaig aufkeimenden "Leidensdruck der Protagonisten". Vielleicht jedoch müsse die Schaubühne diesen Abend auch nur konsequent den Schülern und Lehrern "zur Disposition stellen". Vielleicht entstünden da gute Diskussionen. "Auch beim Kopfschütteln kommt das Hirn in Bewegung".

In der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel (2.3.2012) schreibt Christine Wahl: Wie ein "aufgeklärter, antiautoritärer Lehrkörper an einem eifernden Schüler scheitert", das könnte zu einer "astreinen Farce" werden. Es gebe "allerdings Verdachtsmomente", dass Marius von Mayenburg mehr wollte, als eine "Tragikomödie aus dem Pädagogenmilieu" zu schreiben. Doch dafür bleibe Mayenburgs Personal "zu holzschnittartig und unterkomplex". Die Handlung drifte "grundsätzlich" in die am nächsten liegende Richtung, "die Dramaturgie wirkt für ein realistisches Stück zu unplausibel und für eine Farce zu brav". Der Autor, der selbst die Uraufführung inszenierte, habe offenbar große Schwierigkeiten gehabt, sich für ein Genre zu entscheiden. Freiwillige und unfreiwillige Komik lägen an diesem Abend dicht beieinander. "Was da eigentlich ganz genau stattgefunden hat, vermag man gar nicht zu sagen."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.3.2012) schreibt Irene Bazinger: Ganz grundsätzlich frage Marius von Mayenburg in "Märtyrer": "Wie halten wir's mit der Religion?" Die zentrale Figur sei der Schüler Benjamin, der, "bewaffnet mit unzähligen Bibel-Zitaten" und "argumentativ geschickt die alltäglichen Verhaltens- und Denkweisen seines Umfeldes" aushebele. "Mit seiner flammenden Verbohrtheit gelingt es ihm, jeden, der anderer Meinung ist, ins Unrecht zu setzen." "Nicht gerade künstlerisch wertvoll" sei es, wie Bernardo Arias Porras als Benjamin seine "biblischen Textbausteine vorwiegend aggressiv ausspuckt", der Figur jedoch "durchaus angemessen". Eva Meckbach zeige eine "eigentlich patente Pädagogin, die allerdings über zu viel Empathie und Verständnis stolpert". Mayenburgs Inszenierung komme "unter der Last der komplizierten Thematik" etwas zäh und behäbig daher, doch das "ernsthaft komödiantische Stück" bewahre seine "absurd-brisante Dynamik": "Wer mit der Bibel nicht fertig wird, hat auch gegen den Koran keine Chance und umgekehrt."

Auf Welt Online (2.3.2012) schreibt Matthias Heine: Marius von Mayenburgs Stück handele vom "Coming-out eines jungen Fanatikers". "Früher wäre so einer Maoist geworden, in Ostdeutschland wahrscheinlich Nazi, andere unterwerfen sich dem Islam und mutieren vom Kevin zum Kelim". Benjamin, von "Bernardo Arias Porras angemessen dürr verkörpert", gehe den "üblichen Weg aller religiösen Eiferer": "Erst glaubt er, dass er Gott versteht. Dann glaubt er, er wäre selber Gott." Obwohl seine Gegenspielerin Frau Roth als sympathische Figur gezeichnet werde, zeige Mayenburg auch, "wie der Fanatismus Benjamins auf sie abfärbt". Das Gute an dem Stück sei, dass "Mayenburg Benjamins Wüten nicht nur aus der Psyche erklärt". Es bleibe "ein Rest Rätsel". Immer wenn sich die Nebenfiguren allzu sehr dem Klischee näherten, finde Mayenburg einen überraschenden Dreh. "Märtyrer" sei sein bestes Stück seit Langem. Was etwas heißen wolle, "bei einem Autor, dessen Rang als bester deutscher Dramatiker (neben dem ganz anders gestrickten Pollesch) längst keiner mehr bestreitet".

"Die Schwächen des holzschnitthaften Stücks mit seinen klischierten Figuren werden in der kabarettnahen Inszenierung nicht kleiner", macht Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (3.3.2012) seinen Verriss kurz. "Was das eigentlich spannende Thema hätte sein können, die in der säkularen Gesellschaft ungestillten Sehnsüchte nach Transzendenz und die Selbstgefährdungen einer restlos aufgeklärten, entzauberten Moderne, verfehlt diese flache Aufführung völlig."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Märtyrer, Berlin: Ich erwarte mehr von der Kritik!Olaf 2012-03-01 23:55
Irgendetwas verstanden, Herr Weigel? Ich erwarte ein wenig mehr von der Kritik, ein wenig mehr Aufklärung. Faseln kann jeder, ich als Zuschauer auch und das tue ich gern. Doch von Profis erwarte ich mehr. Diese Kritik versucht nicht zu erklären, dieser Kritiker will nicht verstehen.
Ich fand, wie sehr viele Premierenzuschauer, dass es ein sehr witziger, gelungener Abend war. Mayenburg macht aktuelles Theater, verschreibt sich nicht Klischees der Moslems, sondern weitet seine Sicht auf jeglichen Fanatismus aus. Die Sexualaufklärungsszenen unserer Schulen bekommen wirklich etwas ab (Ansteckungsgefahr der Karotten!) und auch unser biblisches Verständnis. Ich fand, es gab so wunderschöne Szenen zwischen Benjamin und seinem Jünger, totale Verschreckung auf beiden Seiten oder zwischen Benjamin und Frau Roth oder Benjamin und seiner Mutter. Überhaupt hat sich Bernardo Arias Porras selbst übertroffen, sprachlich deutlich, voller Witz und Charme und dann in den Armen von Judith Engel, ein unglaublich schönes Bild. Großes Lob an einen jungen Schauspieler, der die Sprache so gut beherrscht. Und dann sich auch noch 15 Minuten entkleidet auf der Bühne zu präsentieren... Hierzu gehören schauspielerisches Können und Mut.
Herr Weigel, sie müssen sich nicht profilieren, überlassen sie es den Zuschauern und die spendeten erstaunlich viel Beifall und viele Bravos für Schaubühnenverhältnisse. Warum versuchen Kritiker nicht die ersten Zuschauerreaktionen zu verstehen und zu ergründen? Warum müssen sie ihre eigene Unvollkommenheit zur Schau stellen.
Peymann bewunderte heute Langhoff, dass er nie mehr eine Kritik gelesen habe. So weit lassen Sie es mit Ihren Schriebsen es immer wieder kommen. Am Ende muss man leider erkennen, es gibt leider keine ernst zu nehmende Kritik. Das ist ein eigenes Genre, es gehört leider nicht zur Kunst, sondern ist pure Selbstinszenierung, ohne dass eine Leistung dahintersteht. Schnell geschrieben, oberflächlich, verantwortungslos.
Der Abend an der Schaubühne war weder oberflächlich, noch inhaltslos. Wir, die Zuschauer habe verstanden und zollten dem Regisseur und dem Ensemble viel Beifall, den sie verdienten!
#2 Märtyrer, Berlin: für menschliche Götter oder für den abwesenden GottHallo 2012-03-02 01:05
"Am Schluss nagelt sie sich zwar nicht ans Kreuz, aber immerhin auf den Schulboden." (Matthias Weigel) Ist das jetzt ein (...) Treppenwitz?
Ich muss nicht an Gott glauben, weil ich ihn kenne. Für mich ist Gott nicht was, das man annimmt oder ablehnt, zu dem man sich als Atheistin oder Gläubige verhält - ich kenne alle Fallen. Frei zitiert nach Dietmar Dath.
Das Problem liegt meines Erachtens im Monotheismus des Christentums mit Gott als letzter bedeutungsgebender und unfehlbarer Instanz. Ich schlage vor: Entweder zurück zu den sehr menschlichen griechischen Göttern, welche alles kannten: Begierden und Sanftmut, Leidenschaft und Eifersucht, Güte und Starrsinn. Oder ein abwesender Gott, welcher sich in den Dingen zeigt: Sinnlich, nicht moralisch. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik.
Schließlich, was passiert jetzt darüber hinaus, dass auch die "opportunistischen Chefs, die sich lieber schnell auf die öffentlichkeitswirksamere Seite schlagen, anstatt für ihre Mitarbeiter einzustehen" was abbekommen? Gegen Machtwahn, gegen Verantwortungslosigkeit und Gewalt! So rebellierte Apoll gegen seinen Vater Zeus.
#3 Märtyrer, Berlin: Stück mit vielen MöglichkeitenProspero 2012-03-09 09:39
Vielleicht wäre es besser gewesen, die Uraufführung einem anderen Regisseur zu überlassen. Man kann über die Stärke des Stücks trefflich streiten, aber zumindest in seinen ersten zwei Dritteln bietet es den Boden für eine großartige Farce, eine scharfe Satire, ein scharfsinniges Gesellschaftsbild. Wie sich hier eine freie Gesellschaft als frei von Verantwortung begreift und einer Kraft, die nichts von Freiheit hält, völlig hilflos gegenübersteht, selbst wenn sie das Gesicht eines 16-Jährigen trägt, wie sie vor lauter falsch verstandener Toleranz, die eigenen Werte verleugnet und bekämpft, das hat Kraft, das verstört. Leider gleitet der Abend in seiner zweiten Hälfte ab ins Beliebige, versucht sich am Realismus, macht ein bisschen auf Krimi und nimmt die banale Küchenpsychologie des Textes ernst, wo sie besseres Farcenfutter gewesen wäre. Was bleibt, ist eine starke erste Hälfte und die Hoffnung auf konsequentere zukünftige Inszenierungen. Von diesem Stück haben wir nicht zum letzten Mal gehört und das ist auch sehr gut so.

Komplette Kritik: stagescreen.wordpress.com
#4 Märtyrer, Berlin: jugendlich radikale AbgrenzungInga 2012-04-27 19:47
Wie schön, dass Bibel-Fanatiker so un-heimlich komisch sein können! Das nimmt Ihnen den Schrecken eines Breivik, welchen man hier ansonsten sofort assoziieren und was der Sache nicht bekommen würde. Denn hier steht wohl mehr das Thema bzw. der Zeitraum der Pubertät im Vordergrund, eine Zeit, in welcher jeder Jugendliche nach einer eigenen Ich-Identität sucht und sich zu diesem Zweck auch gern mal radikal abgrenzt, besonders von den sogenannten "Autoritätspersonen". Manch ein Sohn/Schüler von liberalen Hippieeltern und Kommunistenlehrern sieht da wohl keinen anderen Ausweg, ausser den Weg eines radikalisierten bibeltreuen Christen zu nehmen.

Die Tatsache, dass Benjamin (Bernardo Arias Porras) seinen eigenen Körper und seine eigene Sexualität (möglicherweise auch verdrängte Homosexualität?) verleugnet, führt ihn nur noch weiter in sein Dilemma. Wunderbar, wie Eva Meckbach als Erika Roth bzw. jüdische Biologielehrerin (der alte Streit zwischen Christen und Juden) da gegenhält, indem sie die Evolutionstheorie anführt und gegen den Glauben den Zweifel bzw. das Wissen setzt: Ja, Dinosaurier hat es gegeben. Nein, Fledermäuse sind KEINE Vögel, sondern Säugetiere. Da wird nichts geschöpft (Ursuppe). Und es gibt auch niemanden, der die Zukunft vorhersagen kann (Propheten) usw. Letztlich nur logisch ist folglich auch ihre radikale Konsequenz, sich auf den Schulboden zu nageln, als ihr am Ende auch noch sexueller Missbrauch (Thema Odenwaldschule) vorgeworfen wird, obwohl sie Benjamin nur helfen wollte. Dazu nochmal Dietmar Dath: "ich meine, man kann ja rein logisch ebensogut sagen, der Messias ist für unsere Sünden gestorben, wie man sagen kann, wir begehen unsere Sünden aus Verzweiflung über sein Martyrium. Logisch - nicht moralisch."
#5 Märtyrer, Berlin: beeindruckend verfilmtKonrad Kögler 2016-11-29 16:45
Kirill Serebrennikov inszenierte das Stück am Moskauer Gogol Center und drehte anschließend den Film "Uchenik/The Student", der unter dem Verleih-Titel "Der die Zeichen sieht" im Januar 2017 in den Programmkinos startet.

Serebrennikov, Marius von Mayenburg und Ulrich Matthes diskutierten beim "Around the World in 14 films"-Festival über den beeindruckenden Film, der als überzeitliche Parabel auf eine Gesellschaft funktioniert, die ratlos ist, wie sie auf religiöse Fanatiker reagieren soll, die ihre Werte in Frage stellen. Er ist aber auch eine sehr konkrete Kritik an der russischen Gesellschaft und ihren Problemen (Verbindung orthodoxe Kirche/Staatsmacht, Homophobie, Antisemitismus).

daskulturblog.com/2016/11/29/around-the-world-in-14-films-teil-ii-cineastische-weltreise-macht-station-in-russland-vanuatu-oesterreich-rumaenien-und-deutschland/
#6 Märtyrer, Berlin: bald im Kinodabeigewesen 2016-11-30 08:30
Disclaimer: Die Inszenierung an der Schaubühne habe ich nicht gesehen, das Stück nicht gelesen, sondern nur jetzt die russische Verfilmung gesehen. Mein Eindruck ist, daß die Verlagerung nach Russland dem Stück sehr gut tut, ihm viel mehr Dringlichkeit und Fallhöhe verleiht, als im Kontext einer liberalen deutschen Schule/Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit Fanatikern möglich wäre. Es ist erfreulich, daß der Film in die Kinos kommt.

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