Anpassung als Allmachtsgefühl

von Nikolaus Merck

Berlin, 28. November 2013. Es gab starke Momente. Wenn Margit Bendokat mitteilt: "Ich mache gern die Beine breit" (nicht sexuell, sondern sicherheitstechnisch gemeint), und dabei knickst wie eine älter gewordene Angela Merkel. Wenn Christian Grashofs ewiges Spotzen – die Manier, ein Wort mit aufgeblasenen Backen und zugekniffenen Augen im Mund anschwellen zu lassen, dass man denkt: gleich platzt das Gesicht, bis er es förmlich ausspuckt – endlich einmal den Inhalt für die Form findet: "Meine brennende Harnröhre, mein chronischer Gewichtsverlust, meine verminderte Zurechnungsfähigkeit" – und das gespotzt. Klasse. Und wenn Franziska Machens, schulterfrei, high heeled, Lady in glitzerndem Anthrazit, singt. Eine Wucht für sich.

Martin Crimps "In der Republik des Glück" (uraufgeführt m Royal Court in London vor einem Jahr) besteht aus drei Teilen. Erstens: die Familie unterm Weihnachtsbaum. Oma, Opa, Mum, Dad, zwei Töchter. Man beschimpft sich. Das ist bei uns so Sitte. Aus dem Nichts, bei Crimp, aus dem Korridor hinten, im DT, erscheint Onkel Bob (Peter Moltzen), um der Familie zu verkünden, wie sehr seine Freundin Madeleine (Franziska Machens) sie alle hasst. Zur Sicherheit tritt die gleich noch selbst auf: "Wie wird unser neues Leben aussehen? Wie eine Glasscheibe. Hart. Klar. Scharf. Sauber."

Unterm Weihnachtsbaum

Zweiter Teil: statt Rollen nurmehr Sätze, wie 1998 in "Angriffe auf Anne", womit der heute 57jährige britische Dramatiker in Deutschland viertelbekannt wurde. Gedankenstrichsätze geordnet zu den "fünf wesentlichen Freiheiten des Individuums": "Die Freiheit, ein furchtbares Trauma zu erleiden", "Die Freiheit, gut auszusehen und ewig zu leben" – solches Zeug aus dem Leben des facebook-generierten Massenwesens, zoon neo-liberalicon oder Wie ich lernte meine totale Anpassung mit Allmachtsgefühlen zu verwechseln, also: wir selbst, auf die Spitze getrieben und unter die Kuratel totaler Überwachung gestellt, die wir ganz supi finden, davon handeln diese Sätze. Dazwischen sitzen Songs, die den Inhalt des Vorhergegangenen zusammenfassen.

republik des gluecks3 560 arno declair hFamilienaufstellung in "Die Republik des Glücks" © Arno Declair

Regisseur Rafael Sanchez lässt den ersten Teil im Wohnzimmer vor Flat Screen mit Berggipfel im bekannten, anhysterisierten deutschen Theatersprech spielen. Etwas zu laut, etwas zu schrill, etwas zu weit aufgerissene Augen. Opa (Christian Grashof) betrachtet Pornos unterm Weihnachtsbaum (der aussieht wie eine geschmolzene Laokoon-Gruppe aus Knete). Ist das jemandem peinlich? I wo, hier nicht, "lass ihm doch seinen Spaß", längst ist der Kitt aus Sitte und Anstand von den Heuschrecken des Alles-ist-Markt-alles-ist-möglich weggefressen. Sanchez spult den Aufgalopp als same procedure as every year ab. Es ist, als warte hier jedermann schon frohgemut auf die bekannten Beschimpfungen. Das leuchtet nicht ein und funktioniert allenfalls als Gaga-Show mit imaginärem britischen Akzent. Dann ist Pause. Man möchte davonlaufen.

Chorgesang und moderner Alltag

Nach dem Pausentee geht der zweite Teil des Stücks, der schon vor der Unterbrechung begonnen hatte (das ist genauso blöd und unmotiviert wie es klingt) mit der "Freiheit, meine Beine breit zu machen (das ist nicht politisch)" weiter. An der Stelle von Wohnzimmer und Weihnachtsbaum: eine runde Sitzbank vor tv-üblichem Hintergrundscreen mit Logos der Werbepartner. Und plötzlich bekommt das Ensemble Zugriff aufs Spiel.

Schauspielernasen verschwinden in Blumenkästen, als spielten Schoßhunde im Unterholz den wilden Wullewatz, Solonummern wechseln ab mit Chor-"Gesang", Loops, Überlagerungen. Zur Sprache kommt der alltägliche Bockmist unpolitischer Affirmation der bestehenden Ordnung. Dazu ist gerne von Sex die Rede, Medikamentenmissbrauch mit Kindern, von Menschen, die man am liebsten markieren und mit der Lösch-Taste aus dem eigenen Leben entfernen möchte. – Die Welt als Wunsch und Wille. "Was immer ich fühle, ist eine Tatsache. Eine reine Tatsache. Ist so." Scham, der "Bereich zwischen meinen Beinen", Vater-Probleme, Mutter-Probleme, Tanten-Probleme und Schwierigkeiten mit der Katze spielen auch eine Rolle. In dieser Reihenfolge und absolut gleichwertig.

Drama der Individualität

"See me, feel me, touch me, heal me" sangen die Verehrer des taubstummen und blinden Tommy in der Rockoper von The Who. Bei Martin Crimp ist es, als sei die gesamte Welt hirnblind und sinnesstumm geworden und feiere das als größte denkbare Freiheit. In den Kammerspielen ziehen die Schauspieler alle Register. Statt Szenenknuffen: Sprechoper psychologisch, naturalistisch, zickig, skandiert, tragödisiert, gesungen – alles bruchlos ineinander, durcheinander. Es ist Music Hall und Tingel Tangel, große Kunst und Schmiere. Es ist großartig. Und versammelt in persiflierender Überspitzung Prolegomena zum Drama der Individualität.

Dann folgt der ebenso kurze wie enigmatische dritte Teil. Onkel Bob und Madeleine sind in ihrem neuen scharfen Leben angekommen. Jedenfalls sitzt sie vor einem Silbervorhang mit Meeresblick und er verheddert sich darin. Sie herrscht ihn an, er ist schwer von ka-peh und fürchtet sich vor ihr. Fungiert aber scheinbar nach wie vor als Sprachrohr ihrer Botschaften. Als Politiker? Als Rockstar? Das bleibt offen. Aber dafür singt er, PeterMoltzenhaft ruckend und auf Zehenspitzen wippend, seinen 100% Happy Song "Summ Summ Summ / wir summen den Happy-Song". Bedeutet "das neue Leben" endgültig die Verblödung? Black.

In der Republik des Glücks (DEA)
von Martin Crimp, Deutsch von Ulrike Syha
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Ursula Leuenberger, Musik: Cornelius Borgolte, Video: Sacha Benedetti, Dramaturgie: Anika Steinhoff.
Mit: Christian Grashof, Margit Bendokat, Michael Goldberg, Judith Hofmann, Natalia Belitski, Lisa Hrdina, Franziska Machens, Peter Moltzen.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause
 
www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Was ist hier eigentlich los? Was will der Regisseur Rafael Sanchez uns erzählen mit diesem merkwürdig disparaten Text? Und erliegt der Autor nicht selbst jener perversen Aufmerksamkeitsökonomie, die er anprangert?", fragt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (30.11.2013). Das ganze sei quasi ein "Anti-Vinterberg: Die Fassade einer intakten Familie besteht schon von Anfang an nicht mehr, ebenso wenig wie Schamgrenzen". Sanchez inszeniere das als erstaunlich braves Kammerspiel mit routinierten Beleidigungen und hysterischen Lachern.

Das Ensemble ist der Trumpf des eher behäbigen Abends, so Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (30.11.2013). "Wie Christian Grashof sich als altersgeiler Schwachkopf spreizt, Margit Bendokat noch die hohlsten Sprüche mit ihrer schleppenden Diktion veredelt, Judith Hofmann ihre Worte mit grandioser Untertreibung entlarvt, das entschädigt für Längen." Sanchez "lädt das Stück mit peinlichen Videos aus den sozialen Netzwerken auf, lässt es aber ansonsten lauwarm verplätschern und verzwergt das Stück zum Trash-Kabarett". Fazit: "Dass es dem gerade im Mittelteil widersteht, spricht für den Text – und die hinreißenden Schauspieler."

Sanchez inszeniere die Familienzusammenkunft im Fernsehformat, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (30.11.2013). "Zwecks An-Ironisierung der Figuren übersteuert man leicht den Ton, zwinkert seiner Aussage gern noch mal deutlich hinterher und lässt überhaupt jede Geste eine Spur zu groß ausfallen", aber trotz einer prinzipiell tollen Besetzung versacken viele Pointen. Nach der Pause werde es tatsächlich besser. Der zweite Stückteil, mit "Die fünf Grundfreiheiten des Individuums" überschrieben, "ist eine Art Bewusstseinsstrom 2.0. ohne klare Figuren- oder Situationszuordnungen". Das habe dann einen derart subversiven Witz, mit dem man "brennende Harnröhren, chronischen Gewichtsverlust, verminderte Zurechnungsfähigkeit, Schwangerschaftsstreifen, Sexsucht, Morphiumabhängigkeit und Einkaufssucht" so schnell garantiert nicht wieder um die Ohren gehauen bekomme.

Weder Text noch Regie kann Irene Bazinger etwas abgewinnen, wie sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.12.2013) schreibt: "Angestrengt verrätselt, wie gern bei Crimp und nicht weniger sinnfrei als sonst, lässt der völlig überforderte Regisseur Rafael Sanchez den zeitgeistigen Kuddelmuddel bei dieser deutschsprachigen Erstaufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin brav wie öde vom Blatt spielen und singen, weil Crimp ein paar Songs eingefügt hat." Immerhin machten die Schauspieler daraus "darstellerisch, was angesichts des kärglichen Materials und einer unauffindbaren Regie nur irgendwie möglich ist" und brächten sich nicht um ihren Ruf.

 

 
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