Schokomänner und andere braune Hohlkörper

von Esther Slevogt

12. Dezember 2017. Wahrscheinlich haben sie längst davon gehört. Ich bin in diesem Jahr zum erstem Mal darauf gestoßen: auf den Kampf gegen die Islamisierung des Schokoladenweihnachtsmanns. Und zwar vor einigen Wochen, als ich plötzlich durch die sozialen Netzwerke das immer gleiche Foto geistern sah, das Tausende besorgter Bürger*innen in ihren jeweiligen Supermärkten aufgenommen haben wollten, um einen Skandal zu dokumentieren. Auf dem Foto ausschnitthaft zu sehen: Weihnachtsmänner aus Schokolade in einem Supermarktregal, die aber auf dem Preisschild nicht mehr als Weihnachtsmänner ausgewiesen sind. Sondern als "Jahresendfiguren", zweineununddreißig das Stück.

Ich sehe nicht fern, aber

von Esther Slevogt

15. November 2017. Zu den Medienlandschaften, durch welche vor noch nicht allzu langer Zeit die Bürger*innen lustwandelten und sich als Mitglieder einer demokratischen Öffentlichkeit fühlen konnten, hat dereinst auch das Fernsehen gehört. Viele werden jetzt wahrscheinlich augenblicklich einwenden: es gehört noch immer dazu. Ich persönlich muss dem entgegensetzen: es ist sicher sieben Jahre her, dass mein Fernsehgerät seinen Geist aufgab und seitdem kein neues mehr angeschafft wurde. Immer dachte ich: ach, ich warte noch mal die nächste technische Entwicklung ab.

Gefährliche Gesprächsverweigerung

von Esther Slevogt

Berlin, 10. Oktober 2017. Eigentlich kann es für die AfD doch gar nicht besser laufen. Kaum hebt eine*r ihrer Repräsentant*innen irgendwo sein Haupt, kann sie oder er mit maximaler Medienaufmerksamkeit rechnen. Denn auf die mediale Empörungsmaschine ist Verlass. Wer sie zuverlässig mit immer neuem, empörungsfähigem Material beliefert, spart viel Geld für Werbekampagnen.

Deutsche Geschichte als Baukasten

von Esther Slevogt

Berlin, 7. Juni 2017. Das kitschige Ding war ja schon vom Tisch und man hatte aufgeatmet. So ein peinliches Denkmal braucht schließlich kein Mensch. Nun ist es wieder da. Kurz vor dem vergangenen Wochenende passierte der Beschluss dafür doch noch das Parlament. In einer Sitzung, die erst in den frühen Morgenstunden endete (in deren Verlauf auch der sogenannte Majestätsbeleidigungsparagraf abgeschafft) und eben das Einheitsdenkmal beschlossen wurde: Eine gülden schimmernde, megalomane Wippe, die die Choreografin Sasha Waltz im Verbund mit dem Stuttgarter Event-Agenten Johannes Milla erdachte, wird also in naher Zukunft vor der wieder aufgebauten Schlossattrappe am Ende der Straße Unter den Linden zu finden sein. Das deutsche Geschichts-Disneyland in Berlins Mitte ist dann um eine Attraktion reicher.

Arzt am Leibe der Zeit

von Esther Slevogt

27. April 2017. Es ist natürlich längst überfällig, an dieser Stelle einmal auf den Urheber des Titels dieser Kolumne, auf Carl Sternheim zu verweisen. "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" – das ist ja eigentlich die Klammer für diverse Dramen Sternheims, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entstanden und gemeinhin als Komödien bezeichnet werden. In Wahrheit jedoch handelt es sich um Tragödien: Tragödien des Kleingeists, der verkrampften Aufstiegshoffnung und der Gier des (wilhelminischen) Bürgertums. Bürger, die in ihrer brutalen Genusssucht und Gefühlsunfähigkeit jämmerliche wie gefährliche Figuren abgeben.

Der Frühling unseres Missvergnügens

von Esther Slevogt

22. März 2017. Der Frühling, das ist im Grunde natürlich eine Urangelegenheit aus dem bürgerlichen Heldenleben. Denn kaum sind Flüsse und Bäche (im hiesigen Brandenburg auch die Seen) vom Eise befreit durch des Frühlings holden, belebenden Blick, da grünt im Tal auch schon das bürgerliche Hoffnungsglück. Da flattert wieder das blaue Band durch die Lüfte, wie aktuell Martin Schulz über der SPD.

Die Welt als GIF und Verstellung

von Esther Slevogt

Berlin, 14. Februar 2017. Richtig aufgefallen ist die Sache im vergangenen Sommer, als mich durch die digitalen Kanäle plötzlich verstärkt sternübersäte Fotos von Leuten mit Hasengesichtern oder zierlichen Mauseöhrchen und Nagerstupsnäschen erreichten. Bald fand ich selbst Gefallen daran, mein Gesicht in die Smartphone-Kamera zu halten und mich in ein Alice-in-Wonderland-lookalike Kaninchen zu verwandeln, rosa Herzen als Sprechblasen auszustoßen, mir digitale Blumenkränze aufzusetzen oder Videoschnipsel zu produzieren, in denen ich als Manga-Figur mit verzerrter Stimme wiedergeboren werde.