Das Star-Bakterium

von Esther Slevogt

8. Mai 2019. Ich war immer gegen eine Frauenquote, weil ich stets peinlich berührt dachte: ich will doch nichts geschenkt bekommen, bloß weil ich eine Frau bin. "Ja", sagte meine Freundin B. eines Tages. "Aber du möchtest auch nichts weggenommen bekommen deshalb." B. ist eine hochkarätige Wissenschaftlerin und leitet ein renommiertes Forschungsinstitut. "Obwohl ich eine Frau bin und Kinder habe", sagt sie immer.

Am eigenen Hintern anknüpfen

von Esther Slevogt

26. März 2019. Meine Kolumne möchte ich heute dem Architekten Selman Selmanagić widmen, der schon seit langem zu den Sternen am Himmel meines bürgerlichen Heldenlebens zählt: Selmanagić, der von 1950 bis 1970 die Abteilung Architektur der Kunsthochschule Weißensee in Ostberlin geleitet hat. Und im Jahr 1932 in Dessau von seinem Lehrer Mies van der Rohe das Bauhauszertifikat mit der Nummer 100 erhielt, das ihm sein bestandenes Architekturexamen bescheinigte. Doch nicht das diesjährige Bauhausjubiläum ist mein Motiv, an Selmanagić zu erinnern, sondern dass Selmanagić für mich eine Art Utopie verkörpert: die Utopie eines Europa nämlich, das sich nicht allein aus der Perspektive des Westens definiert, sondern auch die Geschichte Osteuropas und des Balkans als Baustein seiner Identität begreift. Und darüber hinaus den europäischen Islam als Teil seines kulturellen Erbes anerkennt.

Er trägt den Ifflandring!

von Esther Slevogt

17. Februar 2019. "Er trägt den Ifflandring!" herrschte die theaterbegeisterte Großmutter mich an, und zwar in einer Weise, als hätte die Beschwerde des Kindes, das ich damals war, an den Grundfesten ihres Selbstverständnisses gerüttelt. Kerzengrade saß sie auf ihrem Biedermeiersofa, von wo aus wir auf ihren kleinen Schwarzweißfernseher schauten: ein damals schon nicht mehr ganz zeitgemäßes Gerät, das im Wohnzimmer meiner Großmutter trotzdem wie ein futuristischer Fremdkörper wirkte. Lieber wäre ich mit Captain Kirk und Mr. Spock zu den Klingonen aufgebrochen, statt hier nun einen katholischen Priester vollkommen uninteressante Kriminalfälle lösen zu sehen. Aber: Der Schauspieler trug den Ifflandring! Josef Meinrad hieß er, der da so merkwürdig näselnd und mit im Gesicht festgefrorenem Lächeln einen gewissen Pater Brown verkörperte, der der Held der Serie und offenbar auch der Held meiner Großmutter war.

Meinungstand, abgebrannt

von Esther Slevogt

8. Januar 2019.Ich habe wieder meine Allergie. Meine Meinungsallergie. Das ohrenbetäubende Gemeine auf allen Kanälen hat mich an den Rand des Verstummens gebracht.

Die Guten sind überall

von Esther Slevogt

14. November 2018. Eigentlich ist das ja eine gute Nachricht: 140 Kultureinrichtungen haben allein in Berlin die "Erklärung der Vielen" unterschrieben. Auch in Hamburg, Dresden und Düsseldorf haben unterschiedlichste Kultureinrichtungen sich dieser Kampagne angeschlossen: von großen Leuchtturmhäusern wie Staatstheater und Museen bis hin zu kleinsten Kulturvereinen, Galerien und Stadtteilinitiativen. Das Redaktionsmailpostfach quillt über mit Erklärungen und Statements, seit am symbolträchtigen 9. November die Kampagne der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Schwarze Löcher der Aufmerksamkeit

von Esther Slevogt

2. Oktober 2018. Lokaljournalisten, das waren auch einmal Figuren aus dem bürgerlichen Heldenleben. Sie stellten Öffentlichkeit für das unmittelbar Benachbarte her, schauten Lokalpolitikern auf die Finger, untersuchten örtliche Skandale, schrieben über Missstände im Kreiskrankenhaus, Wohltätigkeitsbasare, Sport- und Schützenfeste oder Kulturveranstaltungen vor Ort. Konzerte des Kirchenchors zum Beispiel, und Aufführungen des örtlichen Theaters natürlich auch. Auf den Anzeigenseiten der Lokalblätter gab es Werbung lokaler Geschäftsleute und zwischendurch standen Todes- und Familienanzeigen.

Im Krisengebiet

von Esther Slevogt

31. Mai 2018. Manchmal reibe ich mir die Augen in meinem bürgerlichen Heldenleben. Bei der Lektüre der aktuellen Ausgabe des berühmten Investigativ-Magazins DER SPIEGEL zum Beispiel. Hat man dort doch ungeheuerliche Vorgänge am Schauspiel Köln aufgedeckt. Machtmissbrauch, Mobbing, ja, sogar Zerstörung von Requisiten!