Er trägt den Ifflandring!

von Esther Slevogt

17. Februar 2019. "Er trägt den Ifflandring!" herrschte die theaterbegeisterte Großmutter mich an, und zwar in einer Weise, als hätte die Beschwerde des Kindes, das ich damals war, an den Grundfesten ihres Selbstverständnisses gerüttelt. Kerzengrade saß sie auf ihrem Biedermeiersofa, von wo aus wir auf ihren kleinen Schwarzweißfernseher schauten: ein damals schon nicht mehr ganz zeitgemäßes Gerät, das im Wohnzimmer meiner Großmutter trotzdem wie ein futuristischer Fremdkörper wirkte. Lieber wäre ich mit Captain Kirk und Mr. Spock zu den Klingonen aufgebrochen, statt hier nun einen katholischen Priester vollkommen uninteressante Kriminalfälle lösen zu sehen. Aber: Der Schauspieler trug den Ifflandring! Josef Meinrad hieß er, der da so merkwürdig näselnd und mit im Gesicht festgefrorenem Lächeln einen gewissen Pater Brown verkörperte, der der Held der Serie und offenbar auch der Held meiner Großmutter war.

Meinungstand, abgebrannt

von Esther Slevogt

8. Januar 2019.Ich habe wieder meine Allergie. Meine Meinungsallergie. Das ohrenbetäubende Gemeine auf allen Kanälen hat mich an den Rand des Verstummens gebracht.

Die Guten sind überall

von Esther Slevogt

14. November 2018. Eigentlich ist das ja eine gute Nachricht: 140 Kultureinrichtungen haben allein in Berlin die "Erklärung der Vielen" unterschrieben. Auch in Hamburg, Dresden und Düsseldorf haben unterschiedlichste Kultureinrichtungen sich dieser Kampagne angeschlossen: von großen Leuchtturmhäusern wie Staatstheater und Museen bis hin zu kleinsten Kulturvereinen, Galerien und Stadtteilinitiativen. Das Redaktionsmailpostfach quillt über mit Erklärungen und Statements, seit am symbolträchtigen 9. November die Kampagne der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Schwarze Löcher der Aufmerksamkeit

von Esther Slevogt

2. Oktober 2018. Lokaljournalisten, das waren auch einmal Figuren aus dem bürgerlichen Heldenleben. Sie stellten Öffentlichkeit für das unmittelbar Benachbarte her, schauten Lokalpolitikern auf die Finger, untersuchten örtliche Skandale, schrieben über Missstände im Kreiskrankenhaus, Wohltätigkeitsbasare, Sport- und Schützenfeste oder Kulturveranstaltungen vor Ort. Konzerte des Kirchenchors zum Beispiel, und Aufführungen des örtlichen Theaters natürlich auch. Auf den Anzeigenseiten der Lokalblätter gab es Werbung lokaler Geschäftsleute und zwischendurch standen Todes- und Familienanzeigen.

Im Krisengebiet

von Esther Slevogt

31. Mai 2018. Manchmal reibe ich mir die Augen in meinem bürgerlichen Heldenleben. Bei der Lektüre der aktuellen Ausgabe des berühmten Investigativ-Magazins DER SPIEGEL zum Beispiel. Hat man dort doch ungeheuerliche Vorgänge am Schauspiel Köln aufgedeckt. Machtmissbrauch, Mobbing, ja, sogar Zerstörung von Requisiten!

Der bequeme Weg

von Esther Slevogt

10. April 2018. Seit einiger Zeit teile ich mein bürgerliches Heldenleben mit einem Obdachlosen. Meist kommt er erst abends, um sich hier im Durchgang zum Nachbarhof in die immer gleiche Ecke zu kauern. Der Durchgang hat den Luxus, dass er beheizt ist und seine Türen sich schließen lassen. Der Mann ist eher jung als alt, schaut freundlich, fast kindlich aus seinen erschreckten Augen. Oft sitzt er auch mitten am Tag einfach da, raucht, trinkt und grüßt freundlich, wenn ich an ihm vorbei zu den Fahrradständern hinterm Haus gehe. Meist lässt sich die Dauer seines Aufenthalts in diesem Durchgang an der Zahl der Kippen, an leeren Flaschen und Essensresten ablesen, die er um sich verteilt hat.

Die vereinigte Fußgängerzone

von Esther Slevogt

7. März 2018. Die Geschichte der sogenannten deutschen Einheit ist auch so eine Geschichte aus dem bürgerlichen Heldenleben. Zumindest, wenn man sie (und ihren aktuellen Zustand) ganz sternheimsch liest: als Folge von Verdrängung und Kleingeist, die das Personal der Sternheim-Stücke stets so deformieren, dass man über sie lachen würde, wenn sie und ihre Geschichten nicht so zum Weinen wären.